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Markus Morgenroth: Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!

Datenmissbrauch und Datenschutz. Uhm. Das ist ein schwieriger und eher unbeliebter Themenkreis. Wer macht sich schon freiwillig gern Gedanken dazu? Aus meinem Bekanntenkreis fällt mir spontan niemand ein. Warum auch? Man kann auch ohne Leben. Vermeintlich! Markus Morgenroth belegt mit seinem Buch „Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!“ aber genau das Gegenteil.

Natürlich tangiert es im Leben niemand aktiv. Der Grund ist denkbar einfach: Man merkt es zunächst nicht. Die ganze Datensammlerei und die Maschienerie dahinter arbeitet im Verborgenen, weit entfernt von den Augen der Öffentlichkeit, auch nur selten verirrt sich ein Journalist in diesen tiefen Keller. Hier und da erkennt man aber doch Anzeichen von Datenkraken. Beispielsweise wären da Kameras an öffentlichen Orten, die Mautanlagen auf der Autobahn oder auch unscheinbare Coupons, die in regelmäßigeren Abständen in den heimischen Briefkasten flattern.

Alle Beispiele sind recht unscheinbar und werden kaum bewusst wahrgenommen. Richtig problematisch wird es erst, wenn man Datenklau bemerkt. Wenn es zu Problemen mit Angriffen von Hackern kommt. Oder auch wenn der Kreditantrag bei der Hausbank abgelehnt wird aufgrund von falschen Informationen bei der Schufa. Dann jedoch ist es meist zu spät.

Markus Morgenroth

Herr Morgenroth wurde 1977 in Frankfurt am Main geboren. Nach seiner Ausbildung zum Informatiker arbeitete er für Cataphora in den USA. Genauer gesagt befindet sich der Firmensitz von Cataphora im Silicon Valley, direkt in Nachbarschaft zu Facebook. Markus Morgenroth arbeitete als Datenanalyst für dieses Unternehmen. Cataphora analysiert auf Auftrag hin Menschen, es wird nach digitalen Spuren gesucht und Verhalten wird rekonstruiert. Diese Verfahren sind sehr kostspielig, aber gerade bei Gerichtsverfahren auch wahnsinnig hilfreich. Cataphora wird in der Regel erst eingeschaltet, wenn es um viel Geld geht. Nicht jede Reinigungskraft wird überprüft.

2013 zog sich Markus Morgenroth aus dem Geschäft mit der Datenanalyse zurück, seither arbeitet er als Berater zu Big Data und zum Datenschutz.

Der Inhalt

„Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!“ beleuchtet das Thema Datensammlung und –missbrauch aus unterschiedlichen Perspektiven. Betrachtet wird unter anderem wie Unternehmen Big Data für Werbezwecke benutzen. Da gibt es allerhand ausgefeilte Techniken. Kundenkarten sind da nur das Offensichtlichste. Außerdem gibt es einen tieferen Einblick in den Nutzen oder auch Nichtnutzen von Smartphones sowie Hausgeräten mit Internetverbindung.

Garantiert nicht kalt lassen, wird den Leser, wie Ärzte und die Krankenkasse mit unseren Daten umgehen. Und natürlich was Daten mit uns und unserem Arbeitsplatz machen können.
Markus Morgenroth hat mit der FAZ auch ein tolles Interview zu seinem Buch geführt.

Meine Meinung zum Buch

„Ein Buch, das niemanden mehr ruhig schlafen lässt.“ So weit so gut. Dieser Satz steht auf der Rückseite des Buchumschlages. Leider stimmt er auch. Die Nacht nach Lektüre von Markus Morgenroths Buch war alles andere als ruhig. Dieses Buch hat meine Sicht auf die Datensammelwut verändert. Es sind 2 Tage vergangen, seit ich das Buch beendet habe und ich sehe die Zeichen, dass irgendwelche Informationen oder Bilder gesammelt werden jetzt auch ziemlich häufig. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich nun dank dieses Buchs an Paranoia leide. Soweit ist es nicht, obwohl auch Paranoia sicherlich gerechtfertigt wäre. Ich sehe die Welt jedenfalls mit anderen Augen.

Daten sind das neue Gold. Und aus ihnen wird das Drehbuch unseres Lebens geschrieben. – S. 14

„Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!“ richtet sich an ein breites Publikum ohne große Vorkenntnisse. Zugegeben, der Titel ist reißerisch. Aber Markus Morgenroth weiß, wovon er spricht, man nimmt ihm seine Kompetenz auf jeder Seite des Buchs ab. Die Fakten sind gut recherchiert, Beispiele gibt es maßenhaft. Gerade auch durch die vielen Geschichten aus dem wahren Leben und unterschiedlichen Bereichen und Branchen wird das Buch spannend. Ich möchte sogar sagen, es fesselte mich. Mit jedem neuen Abschnitt kamen neue schockierende Praktiken ans Tageslicht. Irgendwann hab ich mich gewundert, ob es jemals ein Ende nimmt. Die Antwort auf diese Frage habe ich auch erhalten. Es nimmt kein Ende. Jedenfalls nicht solange, wie nicht jeder sich über die Auswirkung seiner Datenspuren bewusst wird.

Stellen Sie sich vor, Sie unternehmen einen Stadtbummel. Doch Sie sind nicht allein, ein Unbekannter ist Ihnen dicht auf den Fersen. Bei jedem Schritt spüren Sie seinen Atem in Ihrem Nacken. Das ist eine unheimliche Vorstellung? Dieses Bild sollten Sie beim Surfen im Netz stets im Kopf haben. – S. 68

Ein bisschen kritisieren muss ich das Buch dennoch, phasenweise hat der Autor etwas nachgelassen mit seinem Erzählstil. In der Mitte des Buchs hatte ich eine kleine Durststrecke. Auch hätte ich mir an manchen Stellen eine Art der Visualisierung gewünscht. Der Einsatz von Skizzen oder Tabellen ist nichts Ungewöhnliches für Sachbücher und hätte dieses Buch wunderbar abgerundet. Aber diese Kritikpunkte halten sich für mich in Grenzen und ich kann sie verschmerzen.

Das Perfide dieser neuen Informationsökonomie ist: Es kann jeden jederzeit treffen. Die meisten von uns haben nicht die leiseste Ahnung, welche persönlichen Informationen, von banal bis hochsensibel, im Umlauf sind. – S. 127

Ich sehe eine große Stärke des Buchs auch im Schlussteil. Hier hat Herr Morgenroth sich die Mühe gemacht und Handlungsempfehlungen und Hinweise für den normalen Menschen zusammengetragen. Mit Umsetzung dieser Tipps ist ein erster Schritt in Richtung Privatsphäre getan.

Fazit

Big Data und Datenschutz sind vom normalen Menschen ein eher stiefmütterlich behandeltes Thema. Markus Morgenroth schafft es jedoch, mit seinem fesselnden Buch, die Brisanz von Daten zu verdeutlichen.