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Handkantenschlag von Dorthe Nors

Dorthe Nors Handkantenschlag

Scheinbar sind Kurzgeschichten momentan sehr in Mode. Es erscheinen ungewöhnlich viele neue Kurzgeschichten Sammlungen in diesem Bücherherbst. Vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor und die Verlage haben ihre Werbeaktivität ausgeweitet. Wer weiß.

Handkantenschlag von Dorthe Nors gehört mit zu den Neuveröffentlichungen in Sachen Kurzgeschichte. Ich interessiere mich ja auch sehr für die literarischen Vorlieben meiner Mitmenschen und frage die dann im Kreuzverhör aus. Allerdings habe ich bisher noch nie jemanden getroffen, der von sich behauptet hat, am liebsten Kurzgeschichten zu lesen. Diese Form der Prosa wird häufig stiefmütterlich behandelt. Wenn, dann werden nur in der Schule im Deutschunterricht Kurzgeschichten gelesen, um sie dann möglichst schnell wieder zu vergessen. Soviel zur Ausgangslage, auf der Frau Nors versucht mit ihren Geschichten beim Leser Fuß zu fassen.

Dorthe Nors

Ich selbst kann mich nicht einmal ausnehmen. In meinem Regal stehen nur sehr wenige Kurzgeschichtensammlungen. Bisher konnte mich keine so richtig packen. Ob sich das mit Handkantenschlag ändert?

Dorthe Nors

Die Autorin Dorthe Nors ist gebürtige Dänin. 1970 geboren. 1999 hat sie ihren Abschluss in Kunst- und Literaturgeschichte an der Universität Aarhus erhalten.In Amerika wird sie bereits für ihre Kurzgeschichten gefeiert. So war sie als erster Däne mit ihren Kurzgeschichten im New Yorker.

Auf einem wunderschönen Literaturblog mit dem Titel Literatourismus gibt es seit einigen Wochen ein tolles Interview mit ihr.

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Der Inhalt

Handkantenschlag ist ein buntes Sammelsurium des Menschlichen. Es werden Themen angeschnitten wie Liebe und Freundschaft, aber auch die dunklen Abgründe der menschlichen Seele – Angst, Jähzorn, Tod. Häufiger sind die Geschichten auch von einer gewissen, manchmal subtilen Brutalität gekennzeichnet.

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Im Buch sind 16 Kurzgeschichten versammelt mit Titeln, wie beispielsweise

  • Der Buddhist
  • Weibliche Mörder
  • Nat Newsom
  • In diesem Sommer ging so auf Friedhöfe.

Meine Meinung

Kurzgeschichten. Und das leidige Thema den Zugang zu ihnen zu finden. Es ist nicht immer leicht den Sinn, hinter diesen Geschichten von Dorthe Nors, zu erfassen. Vieles bleibt im Dunkeln, es werden vage Andeutungen gemacht. Der Leser kann und muss spekulieren über die wahre Bedeutung. Selbstverständlich übte diese nebulöse Art und Weise Geschichten zu spinnen einen Reiz auf mich beim Lesen aus. Aber bei einigen dieser Kurzgeschichten war es auch einfach nur unendlich anstregend. Gerade dann, wenn die Hinweise zu rar gesäht waren oder die Handlung selbst nicht ganz eindeutig herausgestellt wurde.

Er sah sich den Buddhisten an und dachte: eigentlich ein gutes Format, um beizutreten. Buddhisten sind gute Menschen. Sie sind tiefgehender als die meisten. Buddhisten können Zusammenhänge erkennen, die andere nicht sehen. – S.27

Es steht außer Frage, dass Dorthe Nors über Erzähltalent verfügt. Ihr Schreibstil ist klar und deutlich, immer verständlich und zieht den Leser schon innerhalb der ersten Wörter in seinen Bann. Das ist großartig und fesselt. Für mich ist es immer wieder auf Neue erstaunlich, wie manche Autoren es schaffen, nur mit ihren Worten und Sätzen so ganz verschiedene Welten entstehen zu lassen.

Dann lehnte er sich zurück und erklärte mir, wenn die Welt wirklich so wäre, wie man es manchmal zu wissen glaubt, dann würde er es morgens nicht wagen, die Augen zu öffnen. Und wenn es darum ginge, fuhr er fort, zehn Dollar zu verlieren, oder das Vertrauen, dass die Leute gleichzeitig Kevin und Charlie heißen und schwarz und weiß sein können, dann würde er es vorziehen, zehn Dollar zu verlieren. – S. 101

Die Autorin widmet sich in Handkantenschlag dem normalen Menschen oder besser gesagt, wie jeder Mensch in seinem Leben innere Kriege zu führen hat. Jeder Mensch macht Erfahrungen, die ihn prägen und das kommt am Tag unzählige Male vor. Die Protagonisten sind also schrecklich normal, bis sie ihr Geheimnis enthüllen. Dabei reichen diese Geheimnisse von wunderschön (die große Liebe finden) bis zu alptraumhaft (einen Mord begehen). Handkantenschlag schafft es einen Spagat zu all diesem Menschlichen zu spannen, ohne an Authentizität zu verlieren.

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Die Liebe, nichts weniger als die Liebe, wollten sie erleben. Das war ihre Forderung, vorbehaltlos. – S. 155

Aber ich möchte gern noch ein Wort der Warnung aussprechen. In den Geschichten überwiegt eindeutig der Abgrund und das Elend. Liebesgeschichten sind rar gesäht. Und Frau Nors ist scheinbar fasziniert vom Motiv des Tierequälens. Häufig werden Tiere in irgendeiner Form verletzt. Warum das so geschieht, habe ich bis jetzt auch nicht herausfinden können.

Mir war durchaus klar, dass es sich nicht um eine Pause handelte, sondern um etwas Endgültiges, trotzdem begleitete ich ihn nach draußen und winkte, als er in der Einfahrt zurücksetzte. – S. 85

Handkantenschlag macht es mir wirklich schwierig ein abschließendes Urteil zu finden. Es gibt wirklich brilliante Kurzgeschichten. Mir gefallen beispielsweise Der Buddhist und Nat Newsom besonders gut. Andererseits gibt es eine ganze Reihe Geschichten, zu denen ich partout keinen Zugang finden konnte.

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Fazit

Handkantenschlag von Dorthe Nors ist eine Kurzgeschichtensammlung mit brillianten Einfällen und seltsamen Luftnummern.

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