Kapri-zioes

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

In den vergangenen Tagen habe ich ein ganz besonderes Buch gelesen. Es wurde 1919 in New York erstmalig veröffentlicht. Diesen Buchschatz hat der Atlantik Verlag (gehört zu Hoffmann und Campe) für den Bücherherbst neuverlegt. Ich frage mich immer noch, welcher findige Literaturagent dieses alte Buch ausfindig gemacht hat. Meiner Meinung nach wird sowieso zu viel Wert auf die Neuerscheinungen gelegt, es wird dazu geneigt ältere Werke zu vergessen. Völlig zu unrecht, wie „Das Haus der vergessenen Bücher“ beweist.

Selten liest man so viel Weisheit über Literatur und das Leben in dieser komprimierten Art und Weise. Auf fast jeder Seite findet sich eine zitierwürdige Aussage. Mein Post-It-Bestand hat gelitten. Wirklich. Jetzt muss ich demnächst mal wieder den Laden für Bürobedarf aufsuchen. Aber jeder muss halt seine Opfer für großartige Literatur aufbringen.

Christopher Morley

Christopher Morley lebte von 1890 bis 1957. Er wäre sicher überrascht gewesen, welchen Erfolg sein „The Haunted Bookshop“ (Das Haus der vergessenen Bücher) jetzt, nach 95 Jahren in Deutschland haben wird. Schließlich ist er ja auch schon fast 60 Jahre tot.

Zu seinen Lebzeiten war Herr Morley Herausgeber und Schriftsteller. Er war außerdem Sherlockianer. Sherlockianer gehen davon aus, dass Arthur Conan Doyle nicht der Autor, sondern „lediglich“ der Herausgeber der Sherlock-Holmes-Bücher war. In Wahrheit sind die Bücher von Dr.Watson verfasst und sie sind Tatsachenberichte. Warum auch nicht? Man merkt beim Lesen von „Das Haus der vergessenen Bücher“, dass Christopher Morley Fan von Sherlock Holmes war.

Der Inhalt

Wir befinden uns 1919 in Brooklyn. In einem Antiquariat. Es spukt hier. Und damit meine ich nicht den glatzköpfigen, bibliophilen Inhaber Roger Mifflin. Wobei der auch schon eine ziemlich skurrile Figur darstellt. Im Antiquariat spuken die Geister großer Schriftsteller. Hinter jeder Ecke lauert ein weiteres Werk aus der Literaturgeschichte. Roger Mifflin verkauft nämlich nicht jeden Schund. Er ist spezialisiert auf ausgewählte und gute Literatur.

Die Geschichte spitzt sich zu, als ein spezielles Buch immer mal verschwindet und dann unerklärlicherweise wieder auftaucht.

Meine Meinung

Trotz des Alters lässt sich „Das Haus der vergessenen Bücher“ sehr gut lesen. Das ist bei Weitem nicht immer der Fall. Das Buch wurde 1919 erstmalig veröffentlicht. Die Zeilen von Christopher Morley strotzen vor literarischer Qualität. Sein Schreibstil ist gehoben, aber nicht zu anspruchsvoll. Gerade Bibliophile werden schnell Zugang finden zu dieser magischen Welt von Roger Mifflins Antiquariat.

Unter uns gesagt: Das sogenannte „gute Buch“ gibt es nicht. Ein Buch ist nur dann „gut“, wenn es menschlichen Irrtum widerlegt. Ein Buch, das aus meiner Sicht gut ist, ist für Sie vielleicht ohne jeden Wert. – S. 13

Wahrscheinlich könnte man ganz gut einen dickeren Aphorismus-Band auf der Grundlage von „Das Haus der vergessenen Bücher“ herausbringen. Ich würde jedenfalls Beifall klatschen. Vielleicht wäre das auch eine Buchidee für den Atlantik-Verlag ein Zitatebuch für Buchbekloppte. Der Absatz wäre ja fast vorprogrammiert – zumindest unter den Buchbloggern.

Druckerschwärze und Schießpulver liefern sich seit vielen, vielen Jahren einen Wettkampf. Die Druckerschwärze ist in gewisser Weise im Nachteil, denn mit Schießpulver kann man einen Menschen in einer halben Sekunde in die Luft jagen, während man mit einem Buch manchmal zwanzig Jahre dafür braucht. – S. 117

In Christopher Morleys Buch werden häufig auch andere Bücher erwähnt. Viele davon sind real erschienen, manche hat sich der Autor kühnerweise selbstausgedacht. Irgendwann habe ich bei der Lektüre mal angefangen mir die Titel herauszuschreiben, damit ich später Nachforschungen anstellen kann. Es werden so viele Bücher genannt, irgendwann habe ich dann aufgegeben.

Deshalb sage ich, dass es hier spukt – mein Laden ist voll von den Geistern der Bücher, die ich nicht gelesen habe. Armen ruhelosen Geistern, die immer um mich herum sind. Es gibt nur eine Möglichkeit, den Geist eines Buches zu bannen – man muss es lesen. – S. 121

Beim Lesen des Buchs wird man sehr leicht in die Atmosphäre von Brooklyn um 1919 versetzt. Der Erste Weltkrieg wurde gerade beendet. Die Deutschen tragen den Hauptteil der Schuld und die Amerikaner sind so ein bisschen Weltpolizei und –sanitäter in Personalunion. Immer wieder fallen Anspielungen auf die Kriegsbewältigung. Wobei Morley kein Befürworter des Krieges zu sein schien. Es ist für mich faszinierend, wie aktuell das Buch dann doch aufeinmal wird. Ich denke da an die Ukraine oder den IS-Terrorismus als Paradebeispiele der Jetzt-Zeit. Der Krieg wird die Menschheit wohl nie verlassen.

„Meiner Meinung nach ist jeder ein Verräter an der Menschheit, der nicht seine ganze Kraft dem Versuch widmet, weitere Kriege zu verhindern.“, fuhr er dann fort. – S. 113

Christopher Morley kommt ganz ohne diese Puff-und-Peng-Effekte aus, die unsere heutige Literatur so sehr prägen. Und wenn es einmal zu mehr Gewalt kommt, wird sie sparsam dosiert und dominiert nicht das gesamte Buch. Wieviel bleibt von vielen Neuerscheinungen noch übrig, wenn man die brutalen Elemente herausstreicht? „Das Haus der vergessenen Bücher“ schafft es auch so, kontinuierlich Spannung zu erzeugen.

Dieses Buch verdient eine unbedingte Leseempfehlung, es eignet sich auch hervorragend als Geschenk für Buchliebhaber. Ich bin auch ziemlich froh, dass ich mich an der Leserunde von den 3 Blogs Bibliophilin, Fantasie und Träumerei und Willkommen im Bücherkaffee teilgenommen habe. Mit anderen Buchverrückten über „Das Haus der vergessenen Bücher“ zu reden macht nochmal so viel Spaß.

Fazit

Kaufen, Ausleihen, Ertauschen – egal. Hauptsache man liest „Das Haus der vergessenen Bücher“ von Christopher Morley.