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Jennifer duBois – Ein gutes Mädchen

Selten habe ich das Glück einen wirklich sehr hervorragenden Roman zu lesen. Meistens missfällt mir die Oberflächlichkeit, mit der die meisten Autoren ihre Charaktere zeichnen. In 90% der Romane wird die Spannung allein durch eine reißerische Handlung erzeugt, selten durch die innere Dynamik wirklich plastischer Figuren. Ein gutes Mädchen macht da den kleinen, aber feinen Unterschied. Ich bin sehr froh, dass ich es lesen durfte.

Vielen wird Amanda Knox noch ein Begriff aus den Nachrichten sein. Neuigkeiten von diesem Fall werden in regelmäßigen Abständen verkündet. Im Januar 2007 soll Amanda Knox die Austauschstudentin Meredith Kercher in Italien ermordet haben. Die Justiz ist sich ziemlich uneinig, was diesen Mordfall betrifft. Amanda Knox wurde von unterschiedlichen Gerichten bereits schuldig oder auch unschuldig gesprochen. So richtig weiß niemand, ob sie den Mord begangen hat. duBois hat sich von Amanda Knox zu ihrem Roman Ein gutes Mädchen inspirieren lassen, es gibt einige Parallelen.

Jennifer duBois

Ein gutes Mädchen ist bereits der zweite Roman, der von ihr auf Deutsch veröffentlicht wurde. Jennifer duBois  wurde 1983 geboren in Massachusetts. Sie studierte Politik und Philosophie. Trotz ihres jungen Alters hat sie schon mehrere Preise gewonnen. Sie unterrichtet momentan an der Texas State University, zuvor war sie Dozentin an der Stanford University.

Der Inhalt

Lily Hayes ist eine amerikanische Austauschstudentin in Buenos Aires. Sie wird des Mordes an ihrer Zimmergenossin Katy bezichtigt. Für die Staatsanwaltschaft steht außer Frage, dass Lily die Mörderin war. Auch die Medien tun ihr Übriges und berichten schonungslos und sehr voreingenommen über Lily Hayes.

Aber da gibt es glücklicherweise noch Andrew, Lilys Vater, der von ihrer Unschuld felsenfest überzeugt ist und alles daran setzt, diese auch zu beweisen.

Meine Meinung

Ein gutes Mädchen von Jennifer duBois war für mich ein harter Stoff. Das meine ich nicht negativ, sondern sehr positiv. Es hat mich sehr überrascht, dass Jennifer duBois, obwohl sie so jung ist, bereits ein solches literarisches Talent besitzt. Das ist ziemlich faszinierend, sie ist nur 7 Jahre älter als ich. Man sollte sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Was wird sie erst für Bücher schreiben, wenn sie 20 Jahre älter ist?

Doch was immer der Grund war, er wusste, dass er etwas gesehen hatte, das er nicht vergessen würde. Er begriff, dass Güte keine Güte war, wenn sie dimensionslos und passiv blieb. Er begann zu glauben, dass es eine Barmherzigkeit jenseits des Mitleids gab. – S. 63

Die Autorin legt einen anspruchsvollen Schreibstil an den Tag. Jedes Wort sitzt. Manchmal sind die Sätze, die hier aneinandergereiht werden poetisch. Das Vokabular ist sehr vielseitig, ich bin mir sicher, dass für jeden ein neues Wort dabei ist. Kurzum Ein gutes Mädchen ist Literatur auf höchstem Niveau.

Seine eigene Depression war ein Wesen mit Krallen, Zähnen und Augen, mit Marotten und Vorlieben und Vorurteilen, einer eigenen, vollständigen Persönlichkeit. Der Trick, sich nicht das Leben zu nehmen, bestand darin, sich jeden Tag wieder davon zu überzeugen, dass es verheerende Auswirkungen auf absolut jeden Mitmenschen hätte, wenn man selbst aus der Welt schied, auch wenn es schlagende Beweise dagegen gab. – S. 84

Es war schön zu lesen, dass es noch Autoren gibt, die ihren Figuren auch die nötige Zeit und den nötigen Raum im Buch verschaffen. duBois gibt sich sehr viel Mühe bei der Beschreibung der Marotten, Erfahrungen und Erlebnisse ihrer Protagonisten. Sie lässt viele Details in das Buch einfließen, schafft es damit aber nicht zu langweilen, sondern viel mehr eine eigene Art der Spannung zu erzeugen. Für mich wurde deutlich, dass jede Figur im Prinzip ziemlich normal ist, aber aufgrund der eigenen Geschichte eben so handelt und reagiert, wie sie es tun. Zu jeder Zeit war die Handlung im Buch von daher authentisch und absolut schlüssig.

Lily hatte das Gefühl, kein Unrecht getan zu haben, und folglich durfte ihr auch kein Unrecht geschehen. Die Einfachheit dieses Gedankens war kaum zu fassen. Er war beinahe zu herzzereißend traurig, um darüber nachzudenken. – S. 288

Jennifer duBois hat sich mit der Vorlage Amanda Knox einen sehr interessanten Stoff herausgesucht. Man erkennt förmlich, dass sie nicht nur unterhält mit ihrem Roman, sondern auch tiefgründige Fragen stellt. Wie sehr lassen sich Gerichte und ermittelnde Staatsanwalte von den Medien beeinflussen? Was bedeutet Schuld? Auch nach dem Ende des Buchs plagten mich diese Fragen noch ein Weilchen.

Fazit

Ein gutes Mädchen von Jennifer duBois ist ein wunderschöner und tiefgründiger Roman von einem Ausnahmetalent. Hoffentlich wird es von duBois noch viel zu lesen geben.