Kapri-zioes

Ein deutsches Mädchen von Heidi Benneckenstein

Kannst du dir vorstellen, dass es Kinder gibt, die ihre Sommerferien in einem Lager für die nationalsozialistische Elite und nicht in einem dieser gewöhnlichen Ferienlager verbringen? In einem Lager, wo sie permanent Krieg spielen und in Rassenlehre abgefragt werden? Das gibt es und ich habe es selbst nicht geglaubt bevor ich Heidi Benneckensteins Buch „Ein deutsches Mädchen“ gelesen habe. Wohlgemerkt, schreibt Heidi Benneckenstein nicht über die Zeit von 1933 bis 1945, sondern über die Gegenwart.

Eine wahre Geschichte

„Ein deutsches Mädchen“ ist eine Autobiographie und dreht sich daher vor allem um Heidi Benneckensteins Kindheit und Jugend in der Neonazi-Szene. Die bereits erwähnten rechten Ferienlager waren allerdings nur ein Teil davon. Ihr Vater ist Helge Redeker, ein großer Name in der rechten Szene. Schon von Geburt an wird Heidi indoktriniert und hat keine gewöhnliche Kindheit. Beispielsweise wird sie sehr streng erzogen, muss immer gehorchen und Luxus gibt es kaum. Ihr Kinderzimmer besteht aus zusammengestückelten Möbeln in militär-grün. Heidi Benneckenstein lebt mit ständigem unterschwelligem Druck seitens ihres Vaters. Die Mutter erhebt keinen Widerspruch gegen die Erziehungsmethoden des Vaters. Vielleicht aus Angst vor ihrem eigenen Mann? Das Buch bleibt die Antwort schuldig.

Auch ihre Jugend verbringt Heidi Benneckenstein im völkischen Milieu. Sie sucht sich eine Neonazi-Gruppe, fährt auf Konzerte und Festivals, übernachtet im Braunen Haus in Jena. Frauen sind nicht viel wert in diesen Kreisen. Bestenfalls werden sie geduldet, aber wahrscheinlich eher Trophäen, die von einem Neonazi zum nächsten gereicht werden. Die Rolle der Frau ist die als Mutter. Es ist suspekt, wenn eine Frau mehr aus sich machen möchte beziehungsweise eine Karriere anstrebt. Die Stellen, an denen Heidi Benneckenstein in „Ein deutsches Mädchen“ auf die Rolle und Rechte von Frauen eingeht, sind die Stellen, die mich am meisten gruseln. Alles in mir sträubt sich gegen dieses Gedankengut.

„Ein deutsches Mädchen“

Ohne Frage ist „Ein deutsches Mädchen“ ein interessantes Buch mit wirklich erschütternden Erfahrungen. Allerdings hätte es dem Buch gutgetan, wenn Heidi Benneckenstein beim Schreiben strukturierter vorgegangen wäre. Manche Dinge wiederholt sie und an anderen Stellen habe ich nicht immer den roten Faden erkannt. Sie ist keine Schriftstellerin, aber jemand, der viel erlebt hat.

Besonders interessant war für mich zu lesen, wie so jemand, der seit frühster Kindheit in dieser Ideologie steckt, irgendwann einmal alles, was er gelernt hat, infrage stellt. Für mich ist Heidi Benneckenstein eine sehr mutige Frau. Es ist bewundernswert, wie sie trotz der Gefahr aus der rechten Szene ausstieg und jetzt gemeinsam mit ihrem Mann anderen Aussteigern helfen möchte. Aber die Geschichte über ihren Ausstieg kommt in „Ein deutsches Mädchen“ für meinen Geschmack zu kurz. Die Erlebnisse in Kindheit und Jugend werden sehr ausführlich geschildert, aber was Heidi Benneckenstein heute denkt, erfährt der Leser nicht. Der Leser erfährt ebenfalls nicht direkt, was Heidi Benneckenstein genau zum Ausstieg bewogen hat.

So ist „Ein deutsches Mädchen“ ein guter und interessanter Einblick in die rechte Szene, aber an manchen Stellen etwas oberflächlich und unstrukturiert. Nichtsdestotrotz ist es ein sehr lesenswertes Buch.

Weitere Bücher zum Thema

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen. Tropen Verlag. ISBN: 978-3608503753. 252 Seiten. 16,95 €.