Kapri-zioes

Kleine Schwester von Barbara Gowdy

Manchmal ist es doch so, dass man lieber nicht man selbst wäre, sondern viel lieber jemand anderes. Also meistens ist das so in unangenehmen und peinlichen Situationen. Dann beginnt man zu schwitzen, alles wird ganz heiß und das Gesicht färbt sich rot. Furchtbar. Bei Rose Bowan aus dem Buch „Kleine Schwester“ von Barbara Gowdy ist die Sache allerdings etwas anders.

Rose

Immer wenn sich eines der häufige Sommergewitter entlädt, bekommt Rose seltsame Kopfschmerzen und verliert kurz darauf das Bewusstsein. Dann träumt sie, dass sie eigentlich Harriet, die Lektorin wäre und lebt ihr Leben. Für Rose fühlen sich die Träume sehr real an und tatsächlich erlebt sie Episoden aus Harriets Gegenwart. Es ist kaum zu unterscheiden, ob Rose das wirklich nur träumt oder ob sie wirklich in Harriets Körper ist.

Eigentlich ist das Leben von Rose sehr ruhig und eintönig. Sie arbeitet in einem kleinen Kino, das der Familie gehört und schleppt sich zwischen den Filmvorführungen so dahin. Nicht einmal ihr Freund sorgt für ein bisschen Spannung.  Beim Lesen fühlt man die Langeweile von Roses Leben förmlich zwischen den Seiten aufsteigen. Mit Beginn dieser Anfälle ändert sich diese Trägheit. Rose entwickelt eine seltsame Dynamik und möchte unbedingt herausfinden, wer diese Frau mit dem aufregenden Leben ist.

Kleine Schwester

Zeitgleich schreitet die Demenzerkrankung von Roses Mutter immer weiter fort. Sie hilft noch mit im Kino, aber sie mussten sogar schon jemanden anstellen, der ein wenig mehr Arbeit übernimmt und vor allem auf die Mutter aufpasst. Roses Mutter beginnt immer häufiger von Roses Schwester Ava zu sprechen, die schon seit vielen Jahren tot ist. Der Verlust wurde allerdings nie wirklich in der Familie aufgearbeitet.

In „Kleine Schwester“ von Barbara Gowdy vermischen sich Realität und Surrealität. Beim Lesen wusste ich häufig nicht, wo ich mich gerade befinde und was diese Verworrenheit für einen Sinn hat. Aber im Leben ist das auch häufig unbekannt. Wobei das Buch nicht so viel Handlung enthält, sondern viel mehr aus Erinnerungen und Gedanken besteht. Es ist ein seltsames Buch für mich. In Roses Familie bleibt so viel unausgesprochen und mir kommt es auch nicht so vor, dass Rose das jemals wirklich gestört hätte. Sie lebt einfach so vor sich hin und macht sich keine Gedanken um ihr Leben. Die Aufregung durch Harriet hat auch nicht wirklich Konsequenzen für Roses Lebensführung. In meinen Augen gibt es da keine Entwicklung. Schade!

Barbara Gowdy: Kleine Schwester. Verlag Antje Kunstmann. ISBN: 978-3956141966. 240 Seiten. 22,00 €.

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