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Schwimmen von Sina Pousset oder Leben als Sollbruchstelle

Schwimmen oder Untergehen? Fliehen oder Bleiben? Weitermachen oder alles verändern? Diese Fragen schießen mir beim Lesen von „Schwimmen“, dem Debütroman von Sina Pousset durch den Kopf. Sina Pousset beschreibt in ihrem Buch „Schwimmen“ die Geschichte von Milla, die es als junge Erwachsene wirklich nicht leicht hat.

Darum geht es in „Schwimmen“ Sina Pousset

Milla lebt gemeinsam mit der vierjährigen Emma in der Großstadt. Es geht ihnen nicht wirklich schlecht, aber irgendwas ist nicht an der richtigen Stelle. Nachdem Milla Emma auf dem Fahrrad in den Kindergarten gebracht hat, beginnt sie ihre Arbeit in einem kleinen Verlag. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Manuskripte – die meisten davon sind unbrauchbar. Dabei braucht der Verlag unbedingt mal wieder ein erfolgreiches Buch, eine gute Geschichte, einen Lichtblick. Die gesamte Situation ist sehr frustrierend. An diesem Tag entdeckt Milla im Mantel, der eigentlich nicht ihrer ist, einen Papierzettel. Jans Handschrift ist darauf: Milch. Tomatensoße. Orangen. Eier. Ein Einkaufszettel und sofort erinnert sie sich an die Zeit mit Jan, der nun nicht mehr da ist.

Jan und Milla kennen sich seit Kindertagen. Sie sind Sandkastenfreunde und gemeinsam aufgewachsen. Vor vier Jahren waren Milla, Jan und dessen Freundin Kristina zusammen am Meer. 3 Tage Urlaub machen. Diese wenigen Tage waren geprägt von Liebe, Leidenschaft, Angst und Problemen. Der Urlaub endete nicht gut – Jan überlebte ihn nicht. Davon übrig sind nur Fragen: Was passierte wirklich mit Jan? Wer ist schuld an Jans Tod? Und wessen Tochter ist eigentlich Emma?

Leben als Sollbruchstelle

„Schwimmen“ von Sina Pousset war für mich ein Strudel, der mich mit in die Abgründe von Millas Leben nahm. Sina Pousset offenbart die Geheimnisse des Buches erst nach und nach und gerade zu Beginn legt sie absichtlich falsche Spuren. Sie verwirrte mich als Leser, aber regte mich dabei nicht auf. „Schwimmen“ ist ein gutes Debüt geworden, nicht zuletzt wegen Sina Poussets eigenwilligem Schreibstil. Die Sätze sind kurz. Die Satzstellung ist ungewöhnlich, als wäre etwas zerrissen. Und in jeder Seite schwingt eine Art Melancholie mit. Alles ist sehr poetisch.

Sina Pousset ist 1989 geboren und kann dennoch ihres jungen Alters den Schmerz, den manche Ereignisse unweigerlich mit sich bringen, mit großer Kunst beschreiben. Ihre ungewöhnlichen Wortgebilde habe ich beim Lesen mit Freude seziert. Manche Seiten habe ich zwei Mal gelesen, weil es mir so viel Freude machte, „Schwimmen“ zu lesen. Das kommt nicht häufig vor und schon gar nicht bei jungen deutschen Autoren. Mit denen habe ich schon viel erlebt und mich häufig über den Einheitsbrei aus den berühmten Schreibschulen geärgert. Sina Pousset ist da anders, denn sie hat wirklich etwas zu erzählen und sogar den Mut dazu.

In „Schwimmen“ geht es um große Themen, um Liebe und um den Tod. Aber natürlich irgendwie auch um das Leben, denn Milla lebt trotz des großen Verlustes weiter. Beim Lesen musste ich häufiger innehalten. Dann fühlte ich mich genauso verletzlich wie Milla oder Kristina. Ich bewundere die Figuren für ihre Ausdauer und die Stärke, die sie trotz allem aufbringen. Das Buch macht also Mut, sich dem Leben zu stellen, egal wie viele Sollbruchstellen darin auf einen warten.

Sina Pousset: Schwimmen. Ullstein Fünf. ISBN: 9783961010073. 224 Seiten. 18,00 €.

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