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Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald von Andrea Hejlskov

Raus aus der Stadt, aus dem Job, aus dem normalen Leben – einfach in die Natur ziehen, da wo es ruhig ist. Einfach, weil dich alles gerade so sehr ankotzt. Hast du dir das noch nie vorgestellt? Andrea Hejlskov, ihr Mann Jeppe und ihre vier Kinder sind diesen Schritt gegangen und in einen Wald in Schweden gezogen. Wie das für sie ist und was sie dabei erlebt haben, schreibt Andrea Hejlskov in ihrem Buch „Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald“ nieder.

Über den Auszug aus der Zivilisation

Das normale Leben war für Andrea Hejlskov und ihren Mann Jeppe unlebbar geworden und das obwohl beide berufstätig waren. Jeppe war davon krank geworden. Er kam ins Krankenhaus und aß zwei bis drei Tafeln Schokolade am Tag. Wieder daheim hat er dreißig Kilogramm zugenommen und trug ständig eine muffige Fleecejacke, die er gar nicht mehr ausziehen wollte. Andrea Hejlskov arbeitete als Kinderpsychologin in einer Gemeinde. Dabei hatte sie oft das Gefühl, dass sie den Kindern gar nicht wirklich helfen könnte, denn die Probleme rühren aus unserer modernen Kultur. Und das kann man nicht mal eben einfach so ändern. Für Andrea Hejlskov war der Job wahnsinnig anstrengend, nie hatte sie wirklich Zeit, aber zugleich auch nie genug Geld.

Aber auch der Familienzusammenhalt war nicht so, wie Andrea Hejlskov und Jeppe sich das immer vorgestellt hatten. Eigentlich lebten sie irgendwie nebenher und jeder versuchte für sich selbst seinen Pflichten gerecht zu werden. Den Kampf allein zu gewinnen. Und das obwohl die Familie schon extra aus der Stadt aufs Land gezogen ist, aber es hat einfach nicht gereicht. Und dann wurde die Idee vom Leben in der unberührten Natur, in einer Art und Weise wie Menschen das früher gemacht hatten, zur Rettung.

Ich glaube nicht, dass jemand tun wird, was wir getan haben, wenn er die Verzweiflung nicht kennengelernt hat. Die Frustration. Es ist nichts, was man tut, wenn es einem gut geht, es ist etwas, das man tut, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.

Aus: „Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald“ von Andrea Hejlskov, Seite 23

Wir hier draussen – Eine Familie zieht in den Wald

Aber man kann sich die Geschichte nicht so vorstellen, dass die sechsköpfige Familie einfach naiv aufgebrochen ist. Zuvor haben sie recherchiert und auch mit einem richtigen Aussteiger gesprochen. Sie haben diesen Aussteiger, den Kapitän, auch schon für ein paar Tage in seinem Waldhaus besucht und sich vorgestellt, wie das wäre, wenn man gemeinsam im schwedischen Wald wohnen würde. Andrea Hejlskov und ihr Mann haben danach für erstmal ein Jahr eine Hütte im Wald gemietet, die nur wenige Kilometer vom Haus des Kapitäns entfernt ist. Dann haben sie alles für Experiment vorbereitet und sich natürlich auch immer wieder gefragt, ob man so einfach machen könne. Ganz besonders mit vier Kindern. Das hast du dich sicher auch schon gefragt.

Der größte Verrat ist es, wenn einem etwas klar wird und man keine Konsequenzen daraus zieht.

Aus: „Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald“ von Andrea Hejlskov, Seite 15

Zumindest waren Andrea Hejlskov und ihr Mann nicht gänzlich auf selbst angebaute Lebensmittel angewiesen. Durch ihre vier Kinder bekamen sie vom Staat jeden Monat 4000 Kronen, das entspricht etwa 420 €. Und das musste für Essen und ein paar Arbeitsmittel reichen.

Aber Sorgen verschwinden nicht einfach so

Beim Lesen von „Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald“ war es mir manchmal richtig klamm ums Herz. Denn das Leben im Wald ist nicht unbedingt einfacher als das in der modernen Gesellschaft. Manche Probleme werden mit einem Schlag viel existenzieller und ein paar Sorgen ziehen auch einfach von der Stadt in den Wald. Gerade zu Beginn war Andrea Hejlskov also etwas naiv. Aber auch schön zu lesen war, wie die Familie sich gegen die Wildnis behauptet hat und einfach nicht aufgegeben hat. Das macht Mut. Übrigens lebt die Familie mittlerweile seit sechs Jahren im Wald.

Es liegt ein Gefühl von Befriedigung, Wohlstand und Schönheit im Kauf von Dingen, die definieren, wer man ist, mit denen man sich seiner selbst versichert und sich anderen zu erkennen gibt. […] Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Und jetzt warfen wir den ganzen Kram weg und dachten darüber nach, wie wir versucht hatten, uns Liebe zu kaufen.

Aus: „Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald“ von Andrea Hejlskov, Seite 53

Hingegen sind manche Sorgen tatsächlich verschwunden. Im Wald ist Andrea Hejlskov nämlich bewusstgeworden, welche Dinge wirklich wichtig sind und dass der Konsum um seiner selbst willen einfach krankmacht. Das macht „Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald“ auch sehr interessant für Minimalisten und solche, die es werden wollen. Ich wage zu behaupten, dass man den Minimalismus durch dieses Buch besser versteht als durch viele dieser Minimalismus-Ratgeber. Noch dazu ist „Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald“ viel besser geschrieben: Andrea Hejlskovs Sprache ist eigenwillig, poetisch und wunderschön. Nicht zuletzt die Zitate daraus bezeugen das. „Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald“ ist für mich ein wichtiges Buch geworden.

Andrea Hejlskov: Wir hier draussen: Eine Familie zieht in den Wald. Mairisch Verlag. ISBN: 978-3938539477. 288 Seiten. 20,00 €.

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