Kapri-zioes

Sind wir alle Opfer des Kommerzes und merken es nicht einmal?

Immer häufiger werde ich stutzig, wenn ich Twitter oder Facebook öffne. Immer wieder muss ich kurz innehalten, wenn ich einen Blogartikel lese oder wenn ich selbst einen schreibe. Zuletzt ließ mich eine Marketing-Aktion des Bürobedarf-Händlers Viking straucheln. Anlässlich des Weltalphabetisierungstags verschickt Viking schöne Boxen mit Stiften und Papier an ausgewählte Blogger. Zuvor werden diese ausgewählten Blogger natürlich per eMail kontaktiert, ob sie auch bei dem Spiel „Stiftbox gegen einen Artikel über diese Produkte von Viking“ mitspielen. Das macht Viking nicht zum ersten Mal – schon im Februar gab es solche Bastelboxen für den Welttag der Poesie. An der Aktion als solches ist nichts illegal und auch sonst handelt Viking vollkommen korrekt, schließlich wird keiner der Blogger gezwungen, gegen geltendes Recht zu verstoßen. Aber was ist dann der Preis?

Über die Konsumkultur im Social Media

Ich denke nicht, dass Viking wirklich wert auf den Weltalphabetisierungstag oder den Welttag der Poesie legt. Es sind einfach schöne Themen, um sie mit Schreibgeräten zu verbinden, schließlich lässt Viking auf Facebook auch kaum ein Thema aus, um einen konkreten Bezug zu den angebotenen Produkten herzustellen. Allerdings geht es mir auch nicht wirklich um Viking. Das ist nur der Anlass, der mich diesen Artikel schreiben lässt. Mich erschreckt die Durchdringung des Internets durch den Konsum. Unternehmen, die versuchen Blogger in ihre Marketing-Aktionen einzubinden, sind da nur die Sperrspitze. Die Blogger selbst machen bei diesem munteren Treiben fröhlich mit und kurbeln es sogar noch regelrecht an, wenn sie gern und viel von sich als Werbefläche verkaufen.

Zum Beispiel kann Stefanie Giesinger laut welt.de für ein Bild auf ihrem Instagram-Kanal 11.957 € verlangen. Im Artikel finden sich noch die Konditionen für Bilder von 9 weiteren Instagram-Sternchen und es findet sich immer auch eine Einschätzung darüber, wie „smart denn geworben wird“ und ob überhaupt eine Kennzeichnung vorhanden ist. Leider ist es keine Seltenheit, wenn die Kennzeichnung fehlt oder sich Werbebild an Werbebild reiht. Instagram ist auf diese Weise vollkommen durchkommerzialisiert. Was auf den ersten Blick nach spannenden Bildern und Inspiration aussieht, ist in Wahrheit eine Reklametafel.

Was mich am meisten erschreckt ist allerdings, dass ich mich da nicht einmal ausnehmen würde. Auch mein Instagram-Feed ist durchdrungen von Produktfotos – nämlich von Büchern. Ich lobe, ich kritisiere und arrangiere Bücher. Immer wieder. Weil es mein Hobby ist. Weil ich es spannend finde. Auf meinem Blog ist es natürlich nicht anders: Auch hier reiht sich Rezension an Rezension. Eigentlich dreht sich alles um den Konsum von Literatur, aber ist das wirklich gut? Geht da nicht auch etwas verloren, wenn es immer nur um das Haben, fast nie ums Sein geht?

Das Haben und das Sein

Eigentlich rühmt sich die Buchmenschen-Szene immer, dass sie so Erhaben ist über den blanken Konsum, über das geistlose Fressen. Schließlich gibt es nicht einmal genug Geld, um alle Buchmenschen anständig zu bezahlen; prekäre Arbeitsverhältnisse und Freelancer-Dasein sind keine Seltenheit. Wie soll es da auch Geld für ausschweifenden Konsum geben? Nichtsdestotrotz werden jedes halbe Jahr tausende von neuen Büchern produziert, für die dann Marketingbudgets verprasst werden, um sie auf die Bestseller-Listen zu pressen. In diesem Karussell gibt es keine Pause, kein freundlicher alter Mann sitzt im Führerhäuschen und drückt den Knopf zum Anhalten. Keiner steigt aus, außer jemand ist so mutig und stürzt sich während voller Fahrt von seinem Metallpony.

Es scheint kein Maß mehr zu geben bei den ganzen Sponsored Ads auf Twitter, Facebook und Instagram und ich finde das unendlich anstrengend. Mich nervt das ständige Zugedröhne mit bunten Bildchen und immer neuen tollen Produkten. Es muss doch noch andere Themen als den Konsum geben? Wichtigere Themen? Gerade befinde ich mich irgendwie in einer Zwickmühle und finde keine Lösung, wie es wieder mehr um das Sein gehen könnte. Geht das nur mir so?