Kapri-zioes

Mischling von Affinity Konar oder die brutale Schönheit des Lebens

Manchmal hört man es im Zug, dass jemand nun wirklich nicht mehr verantwortlich gemacht werden könne für das, was da während der Zeit des Nationalsozialismus, des Holocausts geschah. Schließlich lebt man im Deutschland der zweiten beziehungsweise dritten Generation danach. Das Unrecht ist weit fort und die Schuld damit auch. Ganz so einfach ist es aber nicht und das zeigte mir „Mischling“ von Affinity Konar. Ja, es ist ein Auschwitzbuch. Ja, es ist nicht das erste und wahrscheinlich nicht das letzte, aber es ist besonders.

Die Geschichte von Perle und Stasia

Perle und Stasia sind unzertrennlich. Sie sehen identisch aus. Sie sind Zwillinge und als solche kommen sie 1944 in den „Zoo“ des berühmten Doktor Mengele im KZ Auschwitz. Noch im Güterwagon des Zuges, mit dem sie deportiert werden, werden sie von ihrer Mutter und ihrem Großvater getrennt. Zwillinge sind schließlich wertvoll, zu wertvoll, um sie einfach mit dem Rest umzubringen.

Josef Mengele war KZ-Arzt und damit zuständig für die Selektion der ankommenden Menschen in arbeitsfähig und quasi-tot sowie für die Überwachung der Vergasung der Opfer. Außerdem experimentierte er mit den Häftlingen und fügte ihnen dabei unglaubliche Schmerzen zu. Ganz besonders gern aber widmete sich Mengele der Zwillingsforschung.

„Wir wurden geschaffen, einst. Meine Zwillingsschwester Perle und ich. Genauer gesagt, Perle wurde geformt, und ich spaltete mich von ihr ab.“ (Aus: „Mischling“ von Affinity Konar, Seite 9)

Die Zwillinge konnten die kranken Experimente Mengeles nur verkraften, in dem sie sich ihre eigene Welt zusammen fantasierten. In „Mischling“ kommen abwechselnd Perle und Stasia zu Wort und schildern manchmal das gleiche Erlebnis, aber eben mit ihrer eigenen Sicht auf die Welt. Sie erfanden Legenden, magische Szenen, Spiele und Lügen für Mengele. Und genauso glaubten sie manchmal auch Mengeles Lügen, um den ganzen Wahnsinn auszuhalten. Zum Beispiel glaubte Stasia sehr bereitwillig an die Aussage Mengeles, dass er sie todeslos machen würde mit der Substanz, die er ihr spritzte. Als Stasia unsterblich wurde, war das eine der beeindruckendsten Stellen des Buches für mich.

Mischling

Mengele faszinierten ganz besonders die flachsblonden Haare von Perle und Stasia. So überaus arisch, aber leider hatten sie braune Augen, was auch immer mal wieder im Buch betont wird. Aus diesem Umstand rührt auch der Titel des Buches „Mischling“. Aber der Buchtitel steht nicht nur für das nationalsozialistische Propagandawort, sondern auch für das, was aus Stasia wird nachdem Mengele sie zum ersten Mal behandelt. „Das Wort hatte jetzt eine ganz andere Bedeutung als das Etikett, das uns die Nazis angehängt hatten, diese grausigen Gleichungen aus Blut und Kult und Erbe. Nein, ich war eine Hybride der anderen Art, eine mächtige Hybride, geschmiedet aus meinem Leiden. Jetzt bestand ich aus zwei Teilen. (Seite 76)“

Generell machte Mengele sich einen Spaß daraus, zu erkunden wie unterschiedlich Zwillinge auf seine Folter reagierten und ob ein Zwilling ohne den anderen überleben konnte. Perle und Stasia waren eins, sie fühlten den Schmerz der anderen und manchmal auch ihre Gedanken. Gleich zu Beginn ihrer Inhaftierung in „Mengeles Zoo“ teilten sie die Aufgaben untereinander auf, um zu überleben. Aber dann werden sie getrennt. Perle ist von einer Sekunde auf die nächste verschwunden und Stasia beginnt die Suche nach ihr.

„Stasia sollte für das Lustige, die Zukunft, das Böse zuständig sein. Ich [Perle] für das Traurige, das Gute, die Vergangenheit. (Seite 28)“

Warum ich Perle und Stasia nicht vergessen möchte

Affinity Konar schildert die Schrecken des KZ Auschwitz und des „Zoos“ ohne zu zögern. Beim Lesen spüre ich häufig eine Verengung in meiner Lunge, Unbehagen und Angst vor dem, was mich auf der nächsten Seite erwartet. Pausenlos habe ich mir gewünscht, dass Mengele etwas passiert, das ihm zum Aufhören zwingt, aber die Geschichte ist bekannt. Aber Affinity Konar kann nicht nur den Schrecken von Auschwitz beschreiben, noch viel besser kann sie über Schönheit und das Gute schreiben. Von beidem gibt es in „Mischling“ viel und es ist faszinierend, dass an Orten größter Not auch die größte Menschlichkeit existieren kann oder gerade deshalb.

Die Sprache in „Mischling“ ist häufig poetisch, aber immerzu spannend. Die Geschichte ließ mich während des Lesens nicht los und auch jetzt danach denke ich noch oft an Perle und Stasia. Wahrscheinlich gab es Perle und Stasia nicht, zumindest nicht unter diesen Namen. Sie sind erfundene Figuren in einem mehr oder minder erfundenen Roman, aber Mengele, das KZ Auschwitz und das Grauen gab es wirklich. Und das sollte nicht vergessen werden, auch wenn es schon Jahrzehnte vergangen ist.

Affinity Konar: Mischling. Hanser Verlag. ISBN 978-3446256460. 368 Seiten. 24,00 €.

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