Kapri-zioes

Sieben Nächte von Simon Strauss oder auf der Suche nach der eigenen Identität

Als ich gestern Abend den Debütroman „Sieben Nächte“ von Simon Strauss weggelegt habe, habe ich kurzzeitig die Welt nicht mehr verstanden und zugleich so viel besser verstanden. Mein Eindruck und meine Gedanken sind diffus und genauso wenig vermag ich sie auszudrücken. „Sieben Nächte“ hat mich – wie sagt man so schön – umgehauen; hinweggefegt und sehr beeindruckt mit seinen 138 Seiten. Schon jetzt weiß ich, dass dieses Buch mich noch einige Zeit, wenn nicht sogar Jahre, begleiten wird.

Sieben Nächte: Die Suche nach der Wahrheit

Zu Beginn des Buches sitzt ein junger Mann am Schreibtisch. Es ist Nacht und er schreibt. Er hat Angst, erwachsen zu werden, sich für eine Frau und einen Freundeskreis zu entscheiden – kurz: dem Leben eine feste Richtung zu geben. Keinesfalls möchte er im Alltagstrott versinken und gefühllos werden. Er möchte leben und alle Möglichkeiten voll auskosten. Mit einem nur etwas älteren Bekannten hat er einen Pakt geschlossen: Der junge Mann soll sieben Mal um sieben Uhr eine der sieben Todsünden begegnen und über sein Erlebnis muss er noch bis spätestens morgens um sieben Uhr einen Text von sieben Seiten schreiben. Die Eingangsszene erinnert an Goethes Faust und seinen Pakt mit Mephisto. Wenn es Mephisto gelingt, Faust Lebensglück zu zeigen und ihn innehalten zu lassen, weil der Moment so schön ist, dann bekommt Mephisto Fausts Seele.

Der Unbekannte, ist über dreißig und hat sein Leben schon gefunden. Niemand weiß, ob ihm zu trauen ist und was er von diesem Pakt hat, denn seine Motive bleiben unausgesprochen. „Aber ich habe keine Ausrede, keine Alternative. Ich werde eingehen auf seinen Vorschlag: Werde gierig, hochmütig und faul sein, neiden und wüten, Völlerei und Wollust treiben.“ (Aus: „Sieben Nächte“ von Simon Strauss, Seite 21)

Schließt die Augen und zerbrecht das Glas

Ich kenne nur wenige Buchanfänge, die mich so haben fühlen lassen, wie der von „Sieben Nächte“. Die Sätze von Simon Strauss sind stark und fordernd. Ich wollte nicht aufhören zu lesen und hatte zugleich Angst davor, weil ich nicht wusste, welchen meiner persönlichen Gedanken, Simon Strauss als nächstes offenbart und vor mir selbst entblößt. In stillen Minuten plagen mich die gleichen Sorgen und Ängste wie den Protagonisten des Buches, der tatsächlich genauso gut ich sein könnte, denn er hat nicht einmal einen Namen. Er ist jeder.

„Das hier schreibe ich aus Angst. Aus Angst vor dem fließenden Übergang. Davor, gar nicht gemerkt zu haben, erwachsen geworden zu sein.“ (Aus: „Sieben Nächte“ von Simon Strauss, Seite 11)

Das bisherige Leben wurde mit Bestnoten erledigt: Die Schule, das Studium und nun? Hoffentlich passiert noch etwas. „Davor, später nur auf graue, gerade Linien zurückzuschauen, habe ich Angst. Dass mir die Gefühle abhanden kommen, sich Gewohnheit einstellt. Vor der trockenen Sicherheit, dem Kniefall vor der Konvention.“ (Aus: „Sieben Nächte“ von Simon Strauss, Seite 13) Damit beschreibt Simon Strauss eine Sehnsucht, die eine ganze Generation (meine Generation) zu teilen scheint. Die Sehnsucht nach Idealen außerhalb der unmittelbaren persönlichen Bedürfnisse; die Sehnsucht nach Bedeutung.

Und deshalb sucht der junge namenlose Mann eine Reifeprüfung, die eigentlich keine Reifeprüfung ist, weil sie nur das fühlbar machen soll, was bisher auf taube Sinnesorgane gestoßen ist. Die Reifeprüfung soll eben nicht erwachsen machen. Mit dem Erleben der sieben Todsünden hofft er Protagonist auf einen letzten Kick, auf eine Überraschung vor der Eintönigkeit des Lebens. „Der einzige Kampf, der jetzt lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen. Zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus, der seine kalten Finger um alles legt.“ (Aus: „Sieben Nächte“ von Simon Strauss, Seite 15) Und mit diesen Gedanken zerbricht der junge Mann das Glas und zeigt uns Lesern, dass wir mehr Mut haben und auch mal Umwege gehen sollten.

Simon Strauss: Sieben Nächte. Blumenbar Verlag. ISBN: 978-3351050412. 144 Seiten. 16,00 €.

Weitere Rezensionen auf anderen Blogs:
Leseschatz
Günter Keil

Kommentierfrage: Welches Buch hat dich schon einmal überrascht, weil es deine eigenen Gedanken enthielt?