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Ellbogen von Fatma Aydemir oder die wütende Hazal (mit Gewinnspiel)

Flüchtlingskrise, Integration, Migrationshintergrund. Das alles kommt in Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ nicht vor und dafür schätze ich ihren Roman besonders. Dieses Buch hat mich überrascht, weil es erfrischend ist und neue Perspektiven bietet.

Zwischen den Stühlen

Hazal ist siebzehn Jahre alt und in Deutschland geboren. Sie hat es so satt. Sie hat die Gesellschaft satt, die ihr keinen Ausbildungsplatz zugesteht. Und sie hat ihre Eltern satt, die ihr zu viele Regeln auferlegen. Auf den ersten Seiten von „Ellbogen“ ist dieses Korsett so eng, dass mir selbst als Leserin manchmal die Luft wegbleibt, obwohl zwischen meiner und Hazals Welt sehr viel Abstand ist. Generell werde ich vom Buch regelmäßig daran erinnert, wie gut es mir doch geht. Hazal ist gut 10 Jahre jünger als ich und hat doch viel ernstere Probleme zu bewältigen.

Fatma Aydemir hat mir zum ersten Mal richtig in meinem Leben vermittelt, was es eigentlich heißt, in kultureller Hinsicht zwischen den Stühlen zu sitzen. Damit meine ich, wie es sich anfühlen muss, zwar in dem einen Land geboren zu sein, aber trotzdem nicht dazu zu gehören, weil die Eltern aus einem anderen Land eingewandert sind.

Hazal hat im Buch sogar noch die türkische Staatsbürgerschaft. Die sie dann auch nutzt, um nach Istanbul abzuhauen, weil sie ein Verbrechen in Deutschland begangen hat. Es entbehrt nicht jeder Ironie, dass Hazal einmal angekommen in der Türkei, feststellt, dass ihr diese Kultur auch fremd ist. Zum Beispiel muss sie bevor sie einen Laden betritt vorher sehr genau überlegen, was sie sagen möchte. Hazal legt sich die Worte zurecht, weil sie Türkisch doch nicht so gut beherrscht, wie man annehmen könnte. Jeder in Istanbul erkennt Hazal an ihrem Akzent, weiß, dass sie eigentlich aus Deutschland stammt. Wie kann Hazal da ihren Platz in der Welt finden?

Die wütende Hazal

In Deutschland erfährt Hazal ständig Ablehnung. Ein paar Beispiele in „Ellbogen“ stehen für die Demütigungen, die Hazal schon seit ihrer Kindheit ertragen muss. Eigentlich möchte Hazal nicht länger auf das richtige Leben warten. Sie besucht eine BVB – eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. Dort lernt sie nichts. Nur Bewerbungen schreiben. „Ich habe Angst, dass ich für immer auf der Ersatzbank rumsitze und auf das richtige Leben warte und das richtige Leben einfach nicht passiert.“ (Aus: „Ellbogen“ von Fatma Aydemir, Seite 65)

Und was macht man als Teenager, wenn das Leben nicht losgehen möchte? Mit viel Zeit und Langeweile? Hazal wird gleich zu Beginn des Buchs beim Klauen erwischt. Aber Diebstahl ist nicht die einzige Straftat, die Hazal im Verlauf von „Ellbogen“ begehen wird. Sie begeht eine Gewalttat, die so schlimm ist, dass Hazal keinen anderen Ausweg sieht als nach Istanbul abzuhauen.

Ellbogen

Genau das ist interessant, weil Hazal dieses Verbrechen begeht als Frau. In der Regel begehen Männer immer Gewaltverbrechen, fast nie Frauen. Gewalt ist immer auch Macht. Fatma Aydemir dreht die Machtverhältnisse also um: Hazal hat zum ersten Mal in ihrem Leben Macht, wenn auch nur für einige Minuten.

Dabei ist Hazal nicht einmal ein besonders starker Charakter, denn zum Beispiel ihren Eltern widerspricht sie normalerweise nicht. Sie versucht sie ein bisschen auszutricksen, ja. Und den Ladendetektiv, der sie beim Klauen erwischt, spielt sie ein großes Theater mit vielen Tränen vor, aber demonstrativ und offen würde Hazal nie widersprechen. Aber jetzt setzt Hazal für einen Moment die Ellbogen ein, die sonst immer nur sie spürt. „Wegen der Ellbogen, die uns das Leben reingerammt hat, immer wieder, und immer noch. Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind als wir.“ (Aus: „Ellbogen“ von Fatma Aydemir, Seite 237)

Es ist interessant, wie Hazal sich nach dem Verbrechen verändert. Im ersten Teil des Buchs ist sie schnoddrig und frech, sie benutzt unzählige Schimpfwörter. Dann erfolgt der Schnitt und Hazal ist in Istanbul. Hier ist sie eher still, beobachtet ihre Umwelt und sich, wird zur Analytikerin. Vielleicht kann man kritisieren, dass die beiden Buchteile nicht so recht zueinander passen, aber was passt denn noch zueinander, wenn man ein schlimmes Verbrechen begangen hat?

Fazit

„Ellbogen“ von Fatma Aydemir ist ein gelungener und vielschichtiger Roman, den ich so schnell nicht vergessen kann.

Fatma Aydemir: Ellbogen. Carl Hanser Verlag. ISBN-13: 978-3446254411. 272 Seiten. 20,00 €

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Gewinnspiel zum Buch

Ich finde „Ellbogen“ von Fatma Aydemir so unglaublich toll, dass ich dir auch gern etwas Gutes tun möchte und deshalb verlose ich ein Exemplar des gedruckten Buchs. Um am Gewinnspiel teilnehmen zu können, musst du mir bis zum 04.06.2017 23:59 Uhr die folgende Frage beantworten:

Wann und warum warst du zum letzten Mal richtig wütend?

Bitte vergiss nicht, deine eMail-Adresse anzugeben, damit ich dich im Gewinnfall benachrichtigen kann. Selbstverständlich gebe ich deine Daten nicht an Dritte weiter. Auslosen und den Gewinner bekanntgeben werde ich bis zum 06.06.2017. Eine Barauszahlung des Gewinnes ist nicht möglich. Der Versand erfolgt nur innerhalb Deutschlands und für den Versand übernehme ich keine Haftung. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.