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Ein Manifest für unabhängiges Publizieren: Bibliodiversität von Susan Hawthorne

Ich kenne den Buchhandel. In einer kleinen unabhängigen Stadtbuchhandlung habe ich meine Begeisterung für Bücher entdeckt und dort auch viele Jahre immer wieder in den Ferien gearbeitet.  Nachdem ich das Abitur gemacht hatte, fing ich bei einer großen Buchladenkette mit meinem dualen Studium an. Das war plötzlich eine ganz andere Welt. Die Filiale, in der ich einen großen Teil meiner Praxisphasen verbrachte, war in einem großen Einkaufszentrum auf der „grünen Wiese“. Hier gab es praktisch keine Stammkunden, keine ewiglangen und persönlichen Gespräche mit Kunden oder einfach mal 10 Minuten an den Tresen setzen und in ein neues Buch schauen.

Statt dem Idealismus des kleinen Buchhändlers zählte plötzlich die Heilige Dreifaltigkeit des Geldes: Umsatz, Gewinn und Rendite. Besonders die Rendite war wichtig, schließlich mussten Investoren befriedigt werden und die glauben nun mal ganz besonders an die Verzinsung ihres Kapitals. Am meisten störte mich damals, dass der Buchhändler in der Filiale relativ eingeschränkt war mit der persönlichen Auswahl der Bücher. Ein Großteil der Bücher wurde zentralseitig bestimmt und dann auf die Filialen verteilt. Es gab häufig schlicht und ergreifend keinen Platz für individuelle Titel. Und damit möchte ich zu Susan Hawthornes Buch „Bibliodiversität“ kommen, denn ihre Beobachtungen und Gedanken gehen in eine ähnliche Richtung wie meine persönlichen Erfahrungen.

Das Manifest für unabhängiges Publizieren

Susan Hawthorne ist in der unabhängigen Buchbranche eine bekannte Größe. 1991 gründete sie mit Renate Klein den feministischen Verlag Spinifex Press in Melbourne, Australien. Lange Zeit war sie Sprecherin der englischsprachigen Sektion der International Alliance of Independent Publishers in Paris. 2014 erschien ihr Manifest für unabhängiges Publizieren und ist bis heute in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Bibliodiversität ist die Übertragung der natürlichen Biodiversität auf die Buchbranche. „So wie die Biodiversität ein Indiz für die Gesundheit des Ökosystems ist, kann der Zustand eines ökosozialen Systems an seiner Vielfältigkeit gemessen werden und der Zustand der Verlagswelt an ihrer Bibliodiversität.“ (Aus: „Bibliodiversität“ von Susan Hawthorne, Seite 15) Vereinfacht gesagt, sollte die Buchbranche sowohl eine Vielzahl kleiner Verlage und Buchhändler als auch aus einigen wenigen großen Verlagen und Buchhandelsunternehmen bestehen, um gesund zu sein. Keinesfalls sollte es zu einer Marktkonzentration mit sehr wenigen Medienkonzernen kommen, die den ganzen Buchmarkt beherrschen. Dadurch würden Meinungsvielfalt und Ideenreichtum massiv eingeschränkt werden.

Susan Hawthorne illustriert ihre Begrifferklärung mit praktischen Beispielen aus den USA, die mir als Leserin in Deutschland wirklich Angst machen. Allerdings weiß ich aus meinem Volkswirtschaftsstudium, dass jeder Markt zu Konzentration neigt. Also über den Lauf der Zeit verschwinden kleine Unternehmen und es bilden sich einige große Konzerne heraus. Das nennt man dann übrigens Oligopol. In der Realität in Deutschland kann man das gut bei Automobilherstellern, in der Luftfahrt oder bei Mineralölgesellschaften sehen. Es muss aber nicht zum Oligopol kommen, wenn vorher ein wettbewerbsrechtlicher Eingriff in den Markt, wie beispielsweise die Buchpreisbindung, erfolgt.

Über die Lage des unabhängigen Publizierens in Deutschland

Ebenso interessant wie „Bibliodiversität“ von Susan Hawthorne war für mich das Nachwort der Übersetzerin Doris Hermanns in der deutschen Ausgabe des Buches. Sie zeigt, dass auch in Deutschland nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen bei den unabhängigen Verlagen und Buchhändlern ist. Natürlich gibt es eine Vielzahl der kleinen unabhängigen Buchhandelsunternehmen hier und es gibt auch den Indiebookday und die Kurt Wolff Stiftung. Aber ist die Branche in Deutschland deshalb das Paradies?

Im Herbst 2016 etablierte die Verlagsgruppe Random House auch in Deutschland den Penguin Verlag. Gleich mit Start des neuen Verlags wurde ein sehr umfangreiches Verlagsprogramm mit jeder Menge Bestsellern angeboten. Bestseller aus den USA und Großbritannien. Für den Verlag ist das ziemlich clever – ein Buch wird jetzt einfach in mehreren Verlagsablegern weltweit veröffentlicht. Das Buch muss eben nur schnell in die Landessprache übersetzt und eventuell das Cover ein bisschen abgeändert werden. Die Einheitsgröße der Buchbranche sozusagen. Aber will man das wirklich als Leser?

Doris Hermanns prangert an, dass in Deutschland immer noch die Bücher von Autorinnen fehlen. Auch gibt es kaum Bücher von hier lebenden Geflüchteten oder Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund. Da hat die Buchbranche noch ein wenig Arbeit vor sich. Doris Hermanns beschließt ihr Nachwort mit den folgenden Sätzen:

„Und genau diese Lebensvielfalt und die Wandelbarkeit der Verhältnisse, diese Chancen und Herausforderungen sind es, die Bibliodiversität ausmachen. Wir können unseren Horizont nur dann erweitern, wenn wir anderen zuhören, die – aus welchen Gründen auch immer – anders leben als wir selber.“ (Aus: „Bibliodiversität“ von Susan Hawthorne, Seite 118)

Susan Hawthorne: Bibliodiversität: Manifest für unabhängiges Publizieren. Verbrecher Verlag. ISBN: 978-3957322388. 150 Seiten. 15,00 €

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Lustauflesen.de
Sätze & Schätze
Novelero

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