Kapri-zioes

Ich, die wütende Frau.

Wut ist nichts für Frauen. Das steht ihnen nicht. Für Männer ist es okay wütend zu sein, diese Verhaltensweise ist akzeptiert. Jedoch „eine wütende Frau verliert an Status, ganz gleich, in welcher Position sie ist“, sagt die Wissenschaftlerin Victoria L. Brescoll von der Universität Yale. Das hat Brescoll bei einer psychologischen Studie herausgefunden.

Aber was mache ich mit dieser Information, wenn ich gerade wieder wütend bin? So als Frau? Warum sollte ich meinen Gefühlen nicht genauso viel Ausdruck verleihen dürfen wie Männer? Das Wort ungerecht schießt mir durch den Kopf, aber am Ende ist es immer das gleiche Spiel: Meine Wut richtet sich nur minimal gegen die Menschen, die eigentlich daran schuld sind. Stattdessen bin ich den Rest des Tages auf mich wütend.

In letzter Zeit bin ich häufig wütend – manchmal nur wegen Kleinigkeiten. Vor wenigen Stunden hatte ich ein Praktikum (eine Unterrichtsform) an der Uni und dafür mussten Gruppen gebildet werden. Ich hatte mir eine Gruppe mit 3 Männern ausgesucht, mit denen ich im Alltag super klarkomme – alles war also gut. Für die Gruppenarbeit mussten wir dann einen Zettel mit unserem Thema ausfüllen. Der Mann, der direkt vor dem Zettel saß, hebt einen Stift auf und gibt Stift und Zettel mir, obwohl er genauso gut dieses eine Wort selbst hätte aufschreiben können. Kennst du dieses Phänomen, dass Frauen angeblich immer besser schreiben können? Jedenfalls halte ich kurz inne, ärgere mich über dieses Verhalten und greife dann doch zum Stift.

Anschließend ärgere ich mich dann über mich selbst, weil ich das Thema aufgeschrieben habe. Das Beispiel ist lapidar. Ja, weiß ich. Aber dieses Beispiel steht für viele Augenblicke in meinen Leben, in denen ich nein meine, aber das Gegenteil tue. Später lese ich dann wieder auf Edition F irgendwelche feministischen Artikel, die fordern, dass mehr Frauen wütend sein sollen. Aber was soll dann passieren? Außer Magenkrämpfen und Schlafproblemen vielleicht nicht viel. Nichts verändert sich wirklich durch Wut und aggressives Verhalten, besonders nicht bei Frauen, wie Brescoll zeigt. Taktik und besonnene Pläne helfen da schon eher. Bei der nächsten Gruppenarbeit werde ich einfach lächeln und sagen, dass ich das auch nicht besser kann.