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Warum ich „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin nach 100 Seiten abgebrochen habe

Die Autorin Natascha Wodin hat vor etwas mehr als einem Monat den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für ihr Buch „Sie kam aus Mariupol“ erhalten. Ich wurde neugierig. Schließlich habe ich während meiner Schulzeit und im Studium Tschechisch und Russisch gelernt und etwas Interesse an allem, was östlich von Deutschland in Europa passiert, ist dabei doch entstanden.

„Sie kam aus Mariupol“

Es geht um eine Frau aus Mariupol. Mariupol ist eine Hafenstadt und liegt am Asowschen Meer in der heutigen Ukraine. Diese junge Frau wurde von den Nazis als Zwangsarbeiterin aus ihrer Heimat nach Deutschland verschleppt. Die schwere Zeit der Zwangsarbeit hat sie überstanden, aber am Ende hat sie dann doch den Freitod gewählt – zu schrecklich war alles, was sie in ihrem Leben erlebt hat. Natascha Wodin ist die Tochter dieser Frau und beschreibt in ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ die Spurensuche nach dem wirklichen Leben ihrer Mutter.

In „Sie kam aus Mariupol“ geht es also viel um Identitätssuche. Und es geht um eines der größten Tabuthemen der deutschen Geschichte: Die Zwangsarbeit. Nahezu jeder Bürger müsste im zweiten Weltkrieg in Deutschland davon etwas mitbekommen haben, aber dennoch wird darüber geschwiegen. Auch im heutigen Geschichtsunterricht geht es vor allem um den Holocaust, die Geschichte von Zwangsarbeitern kommt höchstens am Rande vor.

Ich selbst habe mehr über Zwangsarbeiter von meinem Großvater als in der Schule erfahren. Allerdings war mein Opa mit Ende des Krieges gerade einmal 13 Jahre alt, daher konnte er mir seine Eindrücke nur aus kindlicher Perspektive schildern. In seinem Ort gab es eine Gruppe französischer Zwangsarbeiter bei einem Bauern, denen ging es einigermaßen gut. Sie durften zum Beispiel nach der Arbeit Fußball spielen oder wenn es regnete haben sie Weinbergschnecken gesammelt. Hingegen gab es auch eine Gruppe russischer Zwangsarbeiter. Laut Opa waren das „richtig arme Schweine“, sie durften definitiv nicht Fußball spielen und sie mussten hungern. Aber auf diese Informationen beschränkte sich mein Wissen über die Zwangsarbeit in Deutschland im Nationalsozialismus. Natascha Wodin bin ich dankbar, dass sie mich auf diese Problematik aufmerksam gemacht hat.

Warum ich das Buch dennoch nicht beendet habe.

Die Themen, die Natascha Wodin in ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ anspricht, sind zweifelsfrei wichtig und interessant. Allein die Identitätssuche ist sehr spannend für mich, aber dennoch habe ich das Buch nach 100 Seiten abgebrochen. Ich habe gemerkt, dass ich beim Lesen prokrastiniere: Das Lesen dieses Buchs habe ich vor mir hergeschoben, weil ich immer etwas Interessanteres zum Lesen fand. Ich denke, es lag vor allem am Stil von „Sie kam aus Mariupol“. Natascha Wodin schreibt nämlich einen einzigen riesen Monolog. Sie erzählt von der historischen Spurensuche und welche Stationen sie dabei gemacht hat, aber es gibt in dem Sinne keinen Spannungsbogen. Beim Lesen kam es mir vor wie eine nicht enden wollende gerade Straße.

Zwischendurch stellte Natascha Wodin immer wieder Fragen. Aber die waren nicht an mich als Leser gerichtet, sondern vielmehr an sie selbst. Generell hat Natascha Wodin „Sie kam aus Mariupol“ nicht für Leser geschrieben, sondern zuerst einmal für sich. Ich habe mich da nicht einbezogen gefühlt, dadurch löst diese tragische Geschichte auch kaum Gefühle in mir aus, obwohl sie es eigentlich müsste und das Buch begann mich zu langweilen. Da hilft auch der Preis der Leipziger Buchmesse nichts.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol. Rowohlt Verlag. ISBN: 978-3498073893. 368 Seiten. 19,95 €

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