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Rotlicht von Nora Bossong: Weit mehr als Sex

Selten in meinem Leserleben hat mich ein Buch mehr überrascht als „Rotlicht“ von Nora Bossong. Ich hatte Vorurteile und habe von dem Buch nicht mehr erwartet als den Selbsterfahrungstrip einer über 30-jährigen Frau. Zu lesen bekommen habe ich ein kluges Buch über unsere Gesellschaft in Kombination mit interessanten Beobachtungen einer jungen Autorin. In „Rotlicht“ geht es um weit mehr als Sex und Erotik. Das verspreche ich dir.

„Rotlicht“ – Die Erforschung des Rotlichtmilieus

Zu Beginn des Buchs schreibt Nora Bossong über den schmutzigen und mysteriösen Sexladen in der Nähe des Bahnhofs aus ihrer Kindheit. Die Auslage des Ladens war rotlackiert und alles wirkte irgendwie schmuddelig. Für Nora Bossong war es ein Ort des Geheimnisses, denn sie wusste nicht, was sich hinter dieser Tür abspielt, durch die nur manchmal irgendwelche Männer hindurchgehen. Mit 15 oder 16 Jahren betrat Nora Bossong zum ersten Mal in ihrem Leben diesen Sexladen. Eigentlich war es für nicht volljährige Personen verboten, das Geschäft zu betreten. Mit dieser Angst im Hinterkopf sah sie die seltsamen Geräte, Pornomagazine und Männern vor Videoregalen. Nora Bossong fasste ihren Ausflug wie folgt zusammen: „Kein Besuch von irgendjemanden hier erschien mir statthaft und richtig, für mich aber verbot sich dieser Ort gleich mit doppelter Wucht.“ („Rotlicht“ von Nora Bossong, Seite 11)

In der Zwischenzeit hat sich viel verändert. Die schmuddeligen Bahnhofssexshops sind großen sauberen Geschäften von beispielsweise der Fun Factory gewichen. Sex wird hier immer noch verkauft, aber auf eine sehr stylische und klinisch-saubere Art und Weise. „Doch während ich lediglich erwachsen wurde, hat sich die Erotik grundsätzlicher verändert – und vor allem das Geschäft mit ihr. Dieses ist nicht älter geworden, sondern optimiert worden: kaum noch in Seitenstraßen oder Hinterhauswohnungen versteckt, sondern jederzeit von überall online abrufbar und ganz und gar auf die Wünsche der Kunden ausgerichtet. Das Tabu ist heute nur noch ein dünner Schleier, den man stets beiseiteziehen kann.“ („Rotlicht“ von Nora Bossong, Seite 12)

Die Welt hat sich verändert, Frauen sind emanzipierter und können fast alles werden – sogar Bundeskanzlerin. Zugleich ist das Rotlichtmilieu noch immer eine Männerdomäne. Frauen treten hier nicht als zahlende Kunden, sondern höchstens als Objekt der Lust auf. Sie sind allenfalls käuflich. Nora Bossong wollte nicht länger nur am Rotlichtmilieu verschämt vorbeigehen, sie wollte wissen, was in Sexkinos, Laufhäusern, und Swingerclubs tatsächlich geschieht.

Nora Bossongs Beobachtungen

Nach den Schilderungen von Nora Bossong von ihren Besuchen in einer Tabledance Bar, auf einer Sexmesse, in einem Sexkino oder beim Gespräch mit Pornoproduzenten bekomme ich ein seltsames Gefühl. Allen ist gemeinsam, dass die Lust hier allenfalls oberflächlich ist und niemand dort jemals wahre Nähe zulassen würde. Alles beschränkt sich auf Erektion und Ejakulation. Für Frauen ist diese Welt nicht. Schon der Gedanke für irgendeine Form von Sex zu bezahlen, löst Kopfschmerzen aus und ist über alle Maßen verwerflich. Damit Frauen und Erotik zusammenkommen können, braucht es geschützte Räume und Sicherheit. Aber Frauen haben noch einiges zu lernen, so die Meinung einer Tantra-Therapeutin, die Nora Bossong interviewt. Frauen müssen deutlicher sagen, was ihnen gefällt.

Aber das ist nicht alles, worum es in „Rotlicht“ von Nora Bossong geht. Im fortgeschrittenen Verlauf des Buchs arbeitet Nora Bossong sich immer tiefer in das Rotlichtmilieu vor – dagegen wirkt der Besuch einer Tabledance Bar zu Beginn des Buchs wie ein Kindergeburtstag. Die Autorin spricht mit 2 ungarischen Prostituierten vom Straßenstrich, mit der ehemaligen Prostituierten und Frauenrechtlerin Huschke Mau und lässt sich ein Laufhaus zeigen.

Es geht um die Würde.

Die Schilderungen des letzten Drittels waren zugleich so spannend, dass ich überhaupt nicht aufhören konnte sie zu lesen, und erschreckend. Noch lange habe ich nach dem Lesen über die Textpassagen nachdenken müssen. Huschke Mau ist der Ansicht, dass es eigentlich kaum eine Prostituierte gibt, die sich freiwillig verkauft. Immer gibt es irgendwelche Zwänge. Im Fall der beiden Ungarinnen ist es die desolate Wirtschaftspolitik, die sie zum Geldverdienen nach Deutschland auf den Straßenstrich treibt. Mau geht sogar so weit, dass sie den Ehefrauen der Männer mindestens eine Teilschuld gibt, denn würden sie nicht wegsehen, würden die Männer auch nicht die Zwangslage der Prostituierten ausnutzen und sie in ihrer Würde herabzusetzen. Denn das ist das eigentliche Problem am Kauf von Sex – die Herabsetzungen eines anderen Menschen und die Ausnutzung von Macht.

Huschke Mau ist in ihren Ansichten radikal. Ich verstehe, dass Prostituierte nicht mit Maus Äußerungen übereinstimmen und auch Nora Bossong übernimmt gegen Ende des Buchs ein wenig diese Einstellung, dass Prostitution nur aus einer Zwangslage heraus entsteht und niemals freiwillig ist, also denke ich nicht, dass „Rotlicht“ im Rotlichtmilieu selbst viel Zustimmung bekommen wird. Nachdenkenswert sind die Aussagen in „Rotlicht“ dennoch. Nora Bossong beschreibt in „Rotlicht“ nicht nur das, was sie gesehen und gehört hat, sondern auch, wie sie sich mit dem Verlauf der Recherche selbst verändert hat. Das eröffnet nochmal eine ganze andere Ebene. Besonders deutlich hallt nach dem Lesen von „Rotlicht“ der Aufruf, Frauen mehr Respekt zu erbringen, wieder. Auch wenn sie bloß Prostituierte sind.

Fazit

„Rotlicht“ von Nora Bossong ist ein kluges Sachbuch, in dem es um weit mehr als nur Sex und Erotik geht. Es ist ein Appell an die Menschenwürde.

Nora Bossong: Rotlich. Carl Hanser Verlag. ISBN-13: 978-3446254572. 240 Seiten. 20,00 €

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