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Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam von Yavuz Ekinci

Als Kind habe ich Märchen geliebt. Ich war permanent auf der Suche nach neuen Märchen, die ich noch nicht kannte, weil ich mich gern von den magischen Figuren darin verzaubern ließ. Aber natürlich hatte ich auch Lieblingsmärchen, die mich selbst nach dem zwanzigsten Mal lesen nicht langweilten. Zum Beispiel war ich süchtig nach „Der Fischer und seine Frau“ oder „Der Froschkönig“. „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ von Yavuz Ekinci erinnerte mich zunächst ein wenig an diese magische Zeit.

„Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“

Der Anfang des Buchs mutet wirklich wie ein Märchen an. Yavuz Ekinci beschreibt die Idylle des Walnusstals im Schatten des Bergs Amar: Die Bäume, die Insekten, die Vögel, die Wirbeltiere, die Gräser – alle haben ihren Platz im Walnusstal. Hier gilt das Gesetz des Stärkeren, denn es geht um die archaische Natur. Der Frieden wird aber je unterbrochen vom Mann, der vom Berg Amar kommt und schreit „Sie kommen!“.

Feldherren, Propheten, Herrscher, Könige. Sie alle wollten den Berg Amar bezwingen. Und alle mussten scheitern bis auf ein Liebespaar: Amar und Sara wurden vom Walnusstal aufgenommen. Noch heute leben die Nachfahren von Amar und Sara im Walnusstal und fürchten sich nur vor dem Augenblick, wenn es doch jemanden gelingt, dass Walnusstal einzunehmen und über dessen Bewohner Zerstörung zu bringen.

Die Botschaft hinter der Erzählung

Yavuz Ekinci ist ein kurdischer Autor und verpackt in seinem Märchen auch eine Botschaft. Es ist das ständige Warten auf die sichere Zerstörung der Heimat. Da geht es den Kurden nicht anders als den Bewohnern des Walnusstals, die förmlich nur auf den Mann vom Berg Amar warten. Beim Lesen habe ich mich gefragt, was das für ein Leben ist, wenn man mit dem ständigen Gedanken leben muss, dass einem bald und mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit sein Heim genommen wird. Diese Art Prophezeiung ist furchtbar. Damit schreibt Yavuz Ekinci nicht nur ein Märchen, sondern übt auch Kritik.

Die Botschaft des Buchs ist ernst und fasziniert mich, nichtsdestotrotz habe ich beim Lesen von „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ nicht sehr viel Freude gehabt. Das Buch ist aufgeteilt in das Märchen von Sara und Amar und in die Geschichte der Bewohner des Walnusstals. Alles wird sehr kurz abgehandelt, die Figuren nur oberflächlich angeschnitten und so richtig will sich keine zusammenhängende Geschichte aufbauen. Noch dazu werden manche Details häufig wiederholt. Für mich entstand kein schöner Lesefluss, der den Leser ganz in die Geschichte eintauchen lässt.

Beim Lesen habe ich die ganze Zeit auf irgendeine Wendung gewartet, die mich noch ein wenig mehr erleuchtet, aber sie blieb aus. Und die Spannung beim Lesen entstand auch nur durch das Warten auf diese Wendung in der Geschichte, die nicht kommen sollte. Der Klappentext zum Buch sagt schon alles aus, was wichtig an diesem Buch ist. Was natürlich schade ist, weil dann ist die Lektüre von „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ sinnlos. Da helfen auch die schöne Sprache und die Poetik nicht viel.

Fazit

Ich habe von „Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam“ von Yavuz Ekinci mehr erwartet.

Yavuz Ekinci: Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam. Verlag Antje Kunstmann. ISBN-13: 978-3956141669. 192 Seiten. 18,00 €

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