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Experiment unter der Glaskuppel: Die Terranauten von T.C. Boyle

Es gibt Autoren, die schaffen nahezu Unmögliches oder zumindest ein kleines Wunder. T.C. Boyle ist so ein Autor, der mit seinen Worten etwas in seinen Lesern auslöst. So hat er beispielsweise meinen Bloggerfreund den Kaffeehaussitzer aus einer mehrjährigen Lesepause herausgeholfen: „Heute kommt es mir kaum vorstellbar vor, aber es gab einmal eine Zeit, in der ich jahrelang fast kein einziges Buch gelesen habe. In der ich beinahe die Freude am Lesen verloren hätte. Es ist schon ein Weilchen her, aber ich habe nie vergessen, welchem Autor ich es verdanke, aus dieser buchlosen Zeit wieder herausgefunden zu haben. Es war T.C. Boyle mit seinen wunderbaren Werken „Wassermusik“ und „Grün ist die Hoffnung“.“

Natürlich war ich da neugierig, wie dieser Schriftsteller schreibt und was für Themen er behandelt. Ich musste das neuste Buch von T.C. Boyle „Die Terranauten“ also kurz nach Erscheinen lesen, denn bisher habe ich noch überhaupt nichts von ihm gelesen gehabt.

„Die Terranauten“ – Leben in einem Experiment

Dawn Chapman, Ramsay Roothoorp und Linda Ryu haben sich alle um einen Platz im „Ecosphere 2“- Experiment beworben. Insgesamt 16 Personen nehmen am Auswahlverfahren teil. 8 Kandidaten werden dann für 2 Jahre unter einer Glaskuppel, der „Ecosphere 2“, eingeschlossen und untersuchen, ob der Mensch in einem kleinen geschlossenen Ökosystem überleben kann. Die Teilnehmer müssen sich dann mit den eingesperrten Tieren und dem Anbau von Pflanzen selbst versorgen. Während der 2 Jahre darf nichts rein und nichts raus. Das ist das Gelübte, das sich alle Teilnehmer abgenommen haben, denn der zweite Versuch ist die letzte Chance, der Menschheit zu zeigen, dass der Mensch beispielsweise auf dem Mars oder auf der Erde überleben könnte, wenn alles andere in Schutt und Asche liegt.

Der erste Versuch ist schon nach einem Unfall gescheitert. Die Schleuse musste wegen einer abgetrennten Fingerkuppe geöffnet werden und damit war alle Glaubwürdigkeit des Experiments verspielt. Die Crew der zweiten Mission musste es also unbedingt besser machen. Jeder Bewerber wollte Teil dieser Mission sein, sei es wegen des Ruhms oder ehrlichem Interesse an der Forschung. Keiner kann wissen, was passiert, wenn 4 Frauen und 4 Männer für 2 Jahre in ein riesiges Terrarium eingesperrt werden. Das Experiment soll dabei nicht nur Ergebnisse über die Entwicklung der Natur liefern, sondern auch wertvolle Informationen über das zwischenmenschliche Verhalten und die Gruppendynamik sammeln.

Der Roman beginnt mit unmittelbarer Bekanntgabe der Teilnehmer an Mission 2, also dem Ergebnis der Auswahlphase. Dawn Chapman, Ramsay Roothoorp und Linda Ryu sind jeder auf seine Weise sehr angespannt und ich verrate dir schon einmal, dass nicht alle 3 Mitglieder der zweiten Mission werden. Nichtsdestotrotz wird die Geschichte von T.C. Boyle abwechselnd aus der Perspektive dieser 3 Personen geschildert.

T.C. Boyle – ein Meister des Zwischenmenschlichen

Das Buch „Die Terranauten“ ist virtuos komponiert, denn je weiter ich das Buch gelesen habe, desto spannender wurde es für mich. Zu Beginn widmet sich T.C. Boyle ausführlichen Charakterstudien und beschreibt seine Figuren und ihre Eigenheiten sehr penibel. Das gefällt wahrscheinlich nicht jedem Leser, denn die Handlung an sich erzeugt nicht sonderlich viel Spannung auf den ersten 100 Seiten.

Aber ich habe es geliebt und noch viel mehr, als im weiteren Verlauf des Buchs die Entwicklung der Charaktere und ihrer Wünsche immer verzwickter wurde. T.C. Boyle hat im Laufe des Experiments noch etwas Dramatik hinzugefügt, die durch die äußeren Umstände verursacht wurden, wie beispielsweise Hunger und Lebensmittelknappheit. Der Fokus bleibt aber ganz klar auf den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Teilnehmern der zweiten Mission. Diesen Umstand finde ich sehr spannend und er brachte mich auch dazu, die letzten 200 Seiten des Buchs in einem Rutsch durchzulesen. Ich wurde von der Geschichte völlig vereinnahmt.

Eine Geschichte nach einer wahren Begebenheit

Umso interessanter war es für mich, dass „Die Terranauten“ auf einer wahren Begebenheit beruhen. 1991 wurde „Biosphäre 2“ in Arizona erbaut, um zu beweisen, dass ein sich selbst erhaltendes Ökosystem mit darin lebenden Menschen existieren kann. T.C. Boyle hat sich zunächst sehr genau die realen Begebenheiten gehalten, weicht dann aber im Zeitverlauf davon ab. Du solltest das Experiment aber erst googeln, wenn du „Die Terranauten“ gelesen hast, sonst nimmst du dir vielleicht die eine oder andere Gegebenheit vorweg.

Im Buch geht es aber noch um viel mehr als die Gruppendynamik, immer wieder kritisiert T.C. Boyle die Gesellschaft. Zum Beispiel wurden die Teilnehmer auch ein bisschen nach ihrem Aussehen ausgewählt. Das Experiment ist von Anfang an auch darauf ausgelegt, für Medienrummel zu sorgen und damit Geld zu verdienen. Beim Lesen fragte ich mich immer wieder, ob überhaupt noch ernsthafte Wissenschaft möglich ist, wenn damit immer gleich Geld in Verbindung steht. Oder allein die Notwendigkeit eines solchen Experiments spricht Bände, denn wenn die Menschheit die Erde nicht so „herunterwirtschaften“ würde, dann müsste niemand sich Gedanken machen, ob man auch außerhalb von ihr überleben kann.

Fazit

„Die Terranauten“ von T.C. Boyle ist ein vielschichtiger Roman, der spannend und gesellschaftskritisch zugleich ist.

T.C. Boyle: Die Terranauten. Carl Hanser Verlag. ISBN-13: 978-3446253865. 608 Seiten. 26,00 €

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