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Die Vegetarierin von Han Kang – Eine Rezension

Jetzt sind über 5 Jahre seit meiner vegetarischen Episode vergangen und ich frage mich manchmal, was genau diesen Schritt bei mir ausgelöst hat. Traumatische Videos aus der Massentierhaltung? Zeitungsartikel? Meine Kommilitonen? – Diese eher nicht, dort gab es keinen einzigen Vegetarier. Ich weiß es nicht. Yong-Hye ist die Protagonistin aus „Die Vegetarierin“ von der südkoreanischen Autorin Han Kang. Ähnlich wie ich isst sie über Nacht kein Fleisch mehr, aber in Gegensatz zu mir, hat sie zumindest einen Grund.

Die Vegetarierin – Eine ganz gewöhnliche Frau

Der erste Satz des Buchs „Die Vegetarierin“ sitzt: „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“, erzählt der Mann von Yong-Hye und die darauffolgenden Sätze steigern sich noch. „Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. […] So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen.“

Der Mann von Yong-Hye mag es durchschnittlich und vor allem mag er es bequem. Sein Leben soll so reibungslos wie möglich verlaufen und die Komfortzone gilt es bis aufs Äußerste zu verteidigen. Der einzige Unterschied zu anderen Frau von Yong-Hye war, dass sie es hasste, BHs zu tragen. Als der Mann von Yong-Hye dies bemerkte, war er kurz überrascht. Ihm wurde sogar regelrecht heiß und überlegte ziemlich lang, warum Yong-Hye einen BH verweigerte. Das war lange Zeit die einzige Abweichung vom Protokoll der Durchschnittlichkeit. Wie sehr muss die Welt von Yong-Hyes Mann erschüttert worden sein, als sie eines morgens im Nachthemd in der Küche saß und sämtliches Fleisch entsorgte, dass sie eingefroren hatten? Yong-Hye war verrückt geworden und keiner konnte erklären weshalb.

Dabei hatte Yong-Hye einen furchtbaren Traum. Sie war in einem dunklen Wald und sie war verängstigt. Der Wald war aber keinesfalls gewöhnlich, denn anstatt von Blättern waren an den Bambusstämmen Fleischstücke. Blutige Fleischstücke! Ein widerlicher Alptraum. Danach konnte Yong-Hye einfach kein Fleisch mehr essen.

3 beeindruckende Zitate aus „Die Vegetarierin“

Ich begriff nicht, dass die ganze Zeit ein solcher Egoismus und eine solche Rücksichtslosigkeit in ihr geschlummert haben sollte. Aus: „Die Vegetarierin“ von Han Kang, Seite 17

Ich packte sie und zog ihr die Hose aus. Dabei musste ich ihre Arme gewaltsam festhalten, da sie um sich schlug, was mich unglaublich erregte. […] Nur in einem von dreien solcher Fälle gelang es mir, in sie einzudringen. Aus: „Die Vegetarierin“ von Han Kang, Seite 35

Aber am Tag darauf sollte Yong-Hye entlassen werden, was bedeutete, dass ich wieder mit dieser seltsamen und angsteinflößenden Frau zu Hause sein würde. Aus: „Die Vegetarierin“ von Han Kang, Seite 48

Fleisch – das Übel der ganzen Welt?

Natürlich blieb es nicht nur beim Fleisch. Wenig später entsorgte Yong-Hye auch Eier und Milch. Yong-Hye war absolut egoistisch in den Augen ihres Mannes. Seine Frau war plötzlich unberechenbar geworden und hörte nicht auf ihn. Sie fragte ihn nicht einmal! Ähnlich überrascht war der Rest der Familie. Die Verwunderung gipfelt bei einem Familienessen, bei dem Yong-Hye unter Zwang und Gewalt mit Fleisch gefüttert werden sollte, um sie wieder zur Besinnung zu bringen. Der erste Teil des Buchs „Die Vegetarierin“ wird erzählt aus der Sicht des Mannes von Yong-Hye. Im zweiten Teil kommt der Mann von Yong-Hyes Schwester zu Wort. Er ist Künstler und fasziniert von Yong-Hye und ihrer Andersartigkeit. Letztendlich schildert der dritte Teil von „Die Vegetarierin“ den Klinikaufenthalt aus Sicht von Yong-Hyes Schwester. Trotz der unterschiedlichen Sichtweisen wird in chronologischer Reihenfolge erzählt.

Han Kang ist eine ganz andere Autorin als man es in Deutschland gewohnt ist. „Die Vegetarierin“ ist ein ungewöhnliches und auf seine Art und Weise sehr krasses Buch. Von einem Tag auf den anderen steigt Yong-Hye aus ihrem normalen Leben aus. Sie erträgt es nicht mehr. Der Vegetarismus wird zur Befreiung vom Fleisch, seiner Rohheit und Widersprüchlichkeit. Yong-Hye wird mit ihrem Verhalten zum weiblichen Jesus. Sie opfert sich für die Menschheit.

„Die Vegetarierin“ ist ein gewalttätiges Buch, nicht nur wegen der Schilderungen des rohen Fleisches oder Yong-Hyes Alptraum. Yong-Hye wird von der Außenwelt immer wieder belächelt und es wird der Versuch unternommen, sie wieder zurecht zu rücken. Dafür braucht es Gewalt – sowohl physisch als psychisch. Das Buch „Die Vegetarierin“ beantwortet keine Fragen. Wie so oft bei guter Literatur, werden viel eher Fragen gestellt. In den Szenen, in denen Yong-Hyes Verhalten auf ihre Umwelt trifft, wurde ich als Leserin fast gezwungen, mich zu fragen, ob nicht viel mehr Yong-Hye gesund ist und alle anderen verrückt. Wahrscheinlich.

Fazit

„Die Vegetarierin“ von Han Kang ist gewaltige Literatur.

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