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Das Umgehen der Orte von Fabian Hischmann – Rezension

Lisa ist ein Eskimokind.

Der zweite Roman, „Das Umgehen der Orte“, von Fabian Hischmann beginnt mit Lisa. 2004 ist Lisa ein kleines Mädchen, dass einfach nicht friert und deshalb eigentlich ihren Anorak nicht anziehen möchte, es aber doch tut, weil der Vater sonst Ärger mit der Mutter bekommt. Lisa ist schließlich so etwas wie ein Eskimokind. Einige Wochen später findet Lisa ihren Vater tot auf der Toilette. Zunächst könnte man vermuten, dass er Selbstmord begangen und sich absichtlich erhängt hat, wenig später muss man aber feststellen, dass der Vater einfach eine etwas exotischere Form der Selbstbefriedigung gewählt hat, die am Ende schiefging.

Nach der Beerdigung ihres Vaters fragte Lisa ihren Opa, ob ihr Vater nun im Himmel sei. Ihr Opa deutete nur mit dem Zeigefinger nach unten. Aber damals wusste sie auch noch nicht, dass ihr Opa generell ziemlich viel über die Hölle nachdachte. In dieser Zeit entdeckte Lisa Snickers für sich – irgendwas muss man schließlich für seine Seele tun. Mit 17 Jahren wog Lisa dann mehr als 100 Kilo.

3 prägnante Zitate aus „Das Umgehen der Orte“ von Fabian Hischmann

Lisa hat gefragt, ob Anne sie fett findet, und Anne meinte bloß: „Fett ist das falsche Wort. Du bist halt mehr als andere.“ (Aus: „Das Umgehen der Orte“ von Fabian Hischmann, Seite 18)

Manche Menschen sehen gruselig aus, obwohl sie lieb sind, Lisa. Aber sie sind lieb, nur darauf kommt es an. Hast du verstanden? Erst als er nicht mehr da war, verstand sie es wirklich. (Aus: „Das Umgehen der Orte“ von Fabian Hischmann, Seite 44)

Aber die meisten werden alt und haben überhaupt nie was gemacht. (Aus: „Das Umgehen der Orte“ von Fabian Hischmann, Seite 71)

Freundschaft ist das Wichtigste im Leben

Nachdem ich Lisa im Buch „Das Umgehen der Orte“ kennenlernen durfte, schließt sich ein Kapitel über Anne an. Anne ist neu in dieser Stadt im Südwesten Deutschlands, ihre Eltern sind Understatement-Bonzen und sie sucht Anschluss in der Stadt. Den findet sie ausgerechnet in der fetten Lisa, die sich wundert warum, denn schließlich hätte Anne jeden auswählen können.

Fabian Hischmann entspinnt seine Geschichte anhand vieler verschiedener Einzelgeschichten. In jedem Kapitel ist eine andere Person von Bedeutung und diese ist durch Freundschaft verknüpft mit der Person des vorhergehenden Kapitels. Das macht „Das Umgehen der Orte“ vielfältig, aber auch undurchsichtig und diffus. Gerade als ich mich als Leserin an Lisa und ihre Geschichte gewöhnt hatte, bricht die Erzählung zu ihr ab und ich finde mich in einer völlig neuen Situation – in einem anderen Jahr, an einem anderen Ort und bei einem anderen Charakter. Ab dieser Stelle entgleitet mir das Buch gefühlt, denn es gibt immer wieder neue Namen. Aus deren Leben wird eine Episode erzählt und dann springt Fabian Hischmann zur nächsten Person mit einer anderen Geschichte.

Beim Lesen fragte ich mich oft, warum erzählt Fabian Hischmann gerade diese Begebenheit aus dem Leben seiner Figur und wieso nicht eine andere? Es geht um die Freundschaft und die Verbindung der Menschen zueinander, sie gibt in seltsamen Situationen Halt und fängt auf, wenn es die Familie schon lang nicht mehr tut. Indirekt erfahre ich durch den Stil von Fabian Hischmann auch immer, wie es mit den vorangegangenen Figuren weitergegangen ist. Das ist ein ungewöhnlicher Stil, der überrascht, aber mich nicht in der Geschichte fesselt. Gerade auch weil die Figuren sich nicht erklären und lieber in ihrem Elend und ihren Befindlichkeiten ertrinken.

Die Romane junger Autoren in Deutschland

Im Zusammenhang mit diesem Buch, habe ich mich an einen Artikel in der Zeit von Florian Kessler erinnert. 2014 initiierte der Kritiker Florian Kessler mit diesem Artikel die sogenannte „Florian-Kessler-Literaturdebatte“, in welcher er sich darüber beschwert, dass die jungen Autoren zu angepasst sind und deshalb auch die Literatur angepasst und konformistisch ist. Schließlich studieren überwiegend Akademikerkinder an den zwei großen Schreibschulen in Deutschland. Fabian Hischmann, der am Literaturinstitut Hildesheim studiert hat, war von dieser Debatte auch betroffen.

Ich habe diese Debatte nur am Rande mitbekommen, wie wahrscheinlich ein Großteil der realen Welt außerhalb des Literaturbetriebs. Damals habe ich sie für absolut unwichtig gehalten und sie schnell wieder vergessen. Mit dem Lesen von „Das Umgehen der Orte“ kam sie mir aber wieder in den Sinn. Dieses Buch hat mich nicht überrascht, vielmehr hat es mich gelangweilt. Fabian Hischmann thematisiert zwar große Tragik, aber sie kommt nicht wirklich beim Leser an. In gewissen Teilen ist das Buch auch unverständlich. In der letzten Zeit habe ich häufiger Bücher von jungen Autoren gelesen, die episodenhaft und undeutlich waren. Ich hoffe, das wird nun kein neuer Trend unter den Jungautoren.

Fazit

„Das Umgehen der Orte“ von Fabian Hischmann basiert auf einer guten Idee, die leider nur mangelhaft umgesetzt wurde.

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10 Kommentare

  1. Hallo Janine,
    Ich hab mir von dem Buch eigentlich viel versprochen, habe große Erwartungen. Die sind nach deiner Rezension erstmal ein bisschen gedämpft. Mal sehen, wie mir die Geschichte gefallen wird.
    Liebe Grüße,
    Julia

  2. Vielen Dank für deine Verlinkung, Janine!
    Ich finde es interessant zu sehen, dass fast alle, die bislang über das Buch geschrieben haben, die Worte „diffus”, „konfus” oder „verloren” verwenden – ich habe das Gefühl, dass es sowohl schwierig ist, den Inhalt irgendwie zusammenzufassen, als auch, ein klares Fazit / Urteil zu fällen (wobei deins das negativste ist, das ich bisher gelesen habe). Generell scheint es bei den meisten gemischte Gefühle zu hinterlassen.
    Viele Grüße
    Inga

  3. Hallo Julia,

    vielleicht findest du trotzdem einen Zugang zu dem Buch! Sag mir bitte, wie du es fandest. 😉

    Viele Grüße,
    Janine

  4. Hallo Inga,

    ich kam wirklich schwer mit diesem Buch zurecht. Hast du vielleicht den Debütroman von Fabian Hischmann gelesen? Der hat auch schon eher gemischte Gefühle ausgelöst bei den meisten.

    Viele Grüße,
    Janine

  5. Hallo Janine!
    Nein, sein Debüt kenne ich leider nicht. Hast du es gelesen? Und hat es dir besser gefallen als „Das Umgehen der Orte”?
    Viele Grüße
    Inga

  6. Liebe Janine, ich habe sein erstes Buch geliebt und bin nun grad erstmal total happy, dass er endlich ein neues herausgebracht hat. Bereits die Kritik am ersten Roman fand ich ungerecht. Er schreibt so, wie junge Filmschaffende heute Filme machen. Sie stellen dar. Erzählen nichts, was nicht sichtbar ist. Zwischen den Zeilen muss man selbst lesen. Die meisten dieser Filme werden hochgelobt, erhalten Preise. Einen ganz lieben Gruß, Suse

  7. Hallo Inga,
    ich hatte das Buch nicht gelesen. Immer wenn ich mit jemanden darüber gesprochen habe, war die Meinung eher negativ, deshalb hab ichs mir gespart. 😉
    Viele Grüße,
    Janine

  8. Hallo Suse,

    schreib mir doch, wenn du „Das Umgehen der Orte“ gelesen hast deine Einschätzung. 😉
    Fabian Hischmann scheint tatsächlich zu polarisieren, aber das tun die Filme junger Filmschaffende ja meistens auch. Danke für den Gedanken!

    Viele Grüße,
    Janine

  9. Hi Janine,

    Den Debütroman von Fabian Hirschmann hab ich vor einiger Zeit gelesen. Ich fand ihn in Ordnung, aber er hat mich nicht so richtig mitgerissen. Sein zweiter Roman hört sich vom Aufbau her wirklich nochmal ganz anders an – aber das was du beschrieben hast, dass es eigentlich sehr tragische Momente gibt, die aber beim Leser gar nicht so richtig ankommen, hat mich doch auch an seinen ersten Roman erinnert. Da hatte ich ein ähnliches Gefühl. Ich finde es gut, dass du auch beschreibst, was dir an einem Buch nicht gefällt. Ich erinnere mich auch an den Artikel von Florian Kessler, fand ihn aber ziemlich von oben herab geschrieben. Ich lese sehr gerne Literatur von jungen Autoren und habe nicht den Eindruck, dass junge Literatur zu angepasst und immer gleich ist, sondern dass sie auch ganz tolle neue Romane hervorbringt. Du hattest nach Empfehlungen für junge Autoren gefragt. Ich lese zum Beispiel total gerne Franziska Gerstenberg (Kurzprosa), Roman Graf, Katharina Hartwell oder Ricarda Junge. Vielleicht kennst du ja auch Bücher von ihnen oder es ist etwas für dich dabei.

    Liebe Grüße, Milena

  10. Hallo Milena,

    vielen Dank für deine Tipps! 😉 Ich werde mir jeden einzelnen anschauen bzw. zumindest Katharina Hartwell kenne ich schon.

    Viele Grüße,
    Janine

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