Kapri-zioes

Tschick von Wolfgang Herrndorf [Rezension]

Diese Geschichte beginnt leider mit Tragik und Tod. Dem Tod von Wolfgang Herrndorf höchstselbst. Eigentlich hatte ich mir schon lange vorgenommen, mal eines seiner Bücher zu lesen. Bisher kam es aber nie dazu. Erst sein Suizid war der Auslöser für den Griff zum Buch. Traurig.

Aber das ist wohl häufig im Leben so, erst durch den Tod einer Person schreien alle noch einmal auf. Nichts Ungewöhnliches also.
Ebenfalls wurde dann aus einem spontanen Entschluss etlicher Blogger bei Lovelybooks eine Leserunde zu Tschick ins Leben gerufen. Wer möchte, kann gern auch jetzt noch teilnehmen.

Zum Inhalt von Tschick

Maik ist ein Außenseiter. Unscheinbar, feige, langweilig. Er fällt nicht auf. Daheim geht es ihm auch nicht besser als in der Schule. Seine Mutter ist alkoholsüchtig und muss deshalb regelmäßige Ausflüge auf die sogenannte Beauty-Farm unternehmen. Sein Vater ist auch nicht besser, denn der vertreibt sich mit einer jungen Assistentin die Langeweile auf einer „Geschäftsreise“.

Eigentlich wollte Maik die Sommerferien allein am Pool der großen Villa verbringen. Allein, ungestört und ziemlich langweilig. Aber dann taucht Tschick auf. Tschick ist ein Russe, ein Asi und ein Dieb. Im Prinzip ist das kein Umgang für einen Sohn aus gutem Hause. Dennoch ist Maik zum ersten Mal im Leben nicht feige und die beiden erleben einen ganz und gar nicht langweiligen Ferientrip.

Meine Meinung

Tschick ist großartig. Und wirklich lesenswert. Schade, dass Wolfgang Herrndorf erst Suizid begehen musste, bis ich das gemerkt habe. Das Buch ist wie ein Freund, der einen zwingt, aus dem Hamsterrad des Immergleichen auszubrechen. Manchmal braucht man solche Anstöße als Mensch ja.

Ich wollte nicht, dass es ein Tag wie alle anderen war. Es war ein besonderer Tag. Ein besonders beschissener Tag. – S. 64

Wie schafft es Wolfgang Herrndorf bloss mit dieser Sprache, die definitiv kein Hochdeutsch ist und die eher schroff wirkt, stellenweise so poetisch zu sein? Nicht nur peotisch, sondern auch ehrlich. Und häufig auch humorvoll. Tschick liest sich wahnsinnig schnell weg, allgemein ist zu 250 Seiten nicht viel dazu. Aber bei Tschick kann es auch vorkommen, dass man es an einem Nachmittag weg liest, ohne es zu merken. Jedenfalls erging es mir so.

Maik ist bemitleidenswert. In der Schule nimmt ihn keiner wahr. Warum auch? Er unternimmt ja auch nichts, um sich einmal von seinen Mitschülern abzuheben. Nicht verwunderlich, dass er dann auch nicht zu Party des Jahres eingeladen wird, wo eigentlich fast alle, außer die Spinner und Asis, eingeladen wurden. Noch schmerzhafter, wenn es die Party von Maiks heimlicher Liebe ist. Das tut weh und da fühlt man auch noch mit, wenn man eigentlich schon erwachsen ist. Tschick ist dann schon wie eine Erlösung. Überaus unkonventionell und dennoch mit Auge für die Realität. Tschick ist definitiv kein Charakter den man bemitleidet, eher heimlich bewundert. Für soviel Dummheit und Wagemut.

Es war ein euphorisches Gefühl, ein Gefühl der Unzerstörbarkeit. Kein Unfall, keine Behörde und kein physikalisches Gesetz konnten uns aufhalten. – S.215/216

Es erstaunt mich, wie viele Leute Maik und Tschick auf ihrem Roadtrip begegnen. Alle dieser Personen haben einen Schaden und sind auf ihre Weise komisch. Wer da wohl Vorbild war für jede Einzelne?

Tschick ist für mich eine Parabel über Freundschaft und die Einstellung zum Leben. Gerade am Ende des Buchs musste ich mich unweigerlich fragen, ist denn wirklich immer alles nur schlecht? Könnte man das eigentlich aushalten, wenn es so wäre?

Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Nachrichten guckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV guckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war. – S. 209

Fazit

Tschick muss man lesen. Das ist eine Aufforderung, ein Befehl, eine Bitte.