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Wer wir waren: Die letzten Worte von Roger Willemsen an die Menschheit

Er war einer der ersten Opfer, die das Jahr 2016 zu beklagen hatte. Im Februar rollte die Todesmeldung von Roger Willemsen wie ein ICE durch die deutsche Medienlandschaft und verkündete den Verlust einer der wichtigsten deutschen Intellektuellen. Nun erschien im Fischer Verlag sein letztes Buch „Wer wir waren“.

Die Zukunftsrede „Wer wir waren“

„Wer wir waren“ als Buch zu bezeichnen ist vielleicht ein wenig übertrieben, wenn man sich den Umfang des sechzigseitigen Hardcovers ansieht. Aber eigentlich ist es auch nur die überarbeitete und abgedruckte Variante der letzten Rede von Roger Willemsen. Im Sommer 2015 arbeitete Roger Willemsen an einem neuen Buch mit dem Titel „Wer wir waren“. Die Grundgedanken des Buchs schrieb er schon in einer Rede nieder und trug diese auch bereits vor Publikum vor. Dann eröffnete der Arzt von Roger Willemsen ihm die Krebsdiagnose. Konsequent, wie Willemsen war, stellte er die Arbeit an dem Werk ein und wollte die Zeit, die ihm blieb, für Wichtigeres nutzen.

Die letzten Worte eines Toten

Das letzte Buch von Roger Willemsen ist keine Geschichte und kein Erlebnisbericht aus dem Leben. Es ist eine Art Essay, in der Roger Willemsen alle klugen Gedanken gepackt hat, die er noch veröffentlicht haben wollte. Dabei ist der Text keinesfalls durcheinander und uneinheitlich – alles läuft hinaus auf ein paar wichtige Ratschläge beziehungsweise Thesen, die es wert sind, darüber nachzudenken. „Wer wir waren“ liest sich wie eine letzte Mahnung an die Menschen, sich auf das Wesentliche im Leben zu besinnen und die Gedankenlosigkeit zu stoppen.

Roger Willemsen hat viele gute Gedanken und überragende Argumentationsketten, allerdings ist „Wer wir waren“ nicht gerade einfach zu lesen aufgrund der Informationsdichte. Der Leser muss sich schon etwas anstrengen und womöglich das kurze Büchlein zwei Mal lesen. Aber das ist es auch wert. Ich habe die Strapazen des Denkens gern auf mich genommen. Beim Lesen hatte ich ständig das Gefühl, dass Roger Willemsen gewusst haben muss, dass dieses sein letztes literarisches Werk sein muss. Es fühlte sich immer so an, wie Worte eines weisen Menschen aus dem Grab. Ja, „Wer wir waren“ ist moralisch und vielleicht ist sogar der Zeigefinger von Roger Willemsen erhoben.

3 kluge Zitate aus „Wer wir waren“

Geradezu grenzenlos haben wir ja in allen Medien der historischen Rekonstruktion durch die Augen jener blicken gelernt, die waren und gingen. Vergleichsweise selten aber versuchen wir, uns im Blick jener zu identifizieren, die kommen und an uns verzweifeln werden. Aus: „Wer wir waren“ von Roger Willemsen, Seite 25

Wir erwachen im Goldenen Zeitalter der Ruhelosen und werden sagen können: Wenn wir in den Städten auf die Straße traten, hatte der Kampf um unsere Aufmerksamkeit schon eingesetzt. Aus: „Wer wir waren“ von Roger Willemsen, Seite 33

Wir waren die, die verschwanden. Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht, noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat. Aus: „Wer wir waren“ von Roger Willemsen, Seite 51

Worum es in „Wer wir waren“ geht

Die Grundidee des Buchs ist Gedankenakrobatik: Roger Willemsen betrachtet die Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft. Was werden die Menschen, die nach uns kommen, von uns denken? Welche Leistungen oder Fehltaten werden wir in ihren Augen vollbracht haben? Das ist so, wie wenn sich die Römer fragten, was wir Menschen im Jahr 2017 von ihnen halten. Oder anders ausgedrückt, was wird von uns übrigbleiben? Beim Lesen dieses Gedankens wird mit tatsächlich etwas schwindelig und auch etwas eng ums Herz.

Roger Willemsen analysiert in „Wer wir waren“ sehr scharf, was wir als moderne Menschen eigentlich für einen Blödsinn verzapfen. Und er benennt sehr genau, welcher unserer Annahmen irrsinnig ist. Zum Beispiel, dass alles, was neu ist, immer auch besser ist. Wir leben für die Zukunft, machen uns die schönsten Pläne und glauben unermüdlich daran, dass alles später besser sein wird. Die Zukunft ist für uns immer positiver als die Gegenwart und darüber vergessen wir die Gegenwart. Dabei ist diese eigentlich alles, was wir haben.

In unserem Zukunftsglauben und der Traumwelt daran verschwimmen Original und Simulation. Das ist wie in der schönen neuen Welt der Sozialen Medien – die meisten Bilder darin sind nicht echt, sondern zeigen nur perfekte Ausschnitte der Wirklichkeit und sind geschauspielert. Der Betrachter möchte selbst unecht werden. Roger Willemsen geht es um den ruhelosen Menschen, der Gefühl, Wissen und Handeln trennt. Wir haben das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, aber müssen erstmal eine umfangreiche und möglichst objektive Analyse anstrengen, bevor wir etwas unternehmen. Es muss ganz sicher sein.

Roger Willemsen war kein Freund von Smartphones. Nach „Wer wir waren“ kann ich das gut verstehen, denn Aufmerksamkeit wird zum wertvollsten Gut und der Konsum zum Heilsversprechen. Aber das liegt nicht am Smartphone allein, sondern an der Gesellschaft an sich. Nach dem Lesen von „Wer wir waren“ spüre ich den Wunsch etwas an meiner Lebensweise zu ändern. Jedes Mal, wenn ich die Zukunftsrede lese, wird der Wunsch stärker und das ist doch ein gutes Omen für 2017.

Fazit

Die Zukunftsrede „Wer wir waren“ von Roger Willemsen ist ein kluges Buch. Es hat mich bewegt und trotz des geringen Umfangs verändert.

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