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Weißblende von Sonja Harter oder eine beengende Adoleszenz

Wie die Hölle für einen Teenager wohl aussieht weiß ich nun nachdem ich „Weißblende“ von Sonja Harter gelesen habe. Obwohl, eigentlich ist das auch nicht wahr – ich weiß jetzt, wie eine Hölle aussieht, denn jeder Teenager erbaut sich während der Pubertät und kurz danach seine eigene Hölle, ebenso wie die Hölle für jeden Erwachsenen individuell ist. Jeder hat andere Ängste und Sorgen. Ich habe den Debütroman „Weißblende“ von Sonja Harter für den Buchbloggerpreis von Das Debüt gelesen und ja, der Begriff Hölle passt ganz gut in diese Rezension.

„Weißblende“ – Ein Debüt über ein Kaff

Matilda wächst in einem Kaff auf. Der kleine Ort ohne Namen liegt in einem Tal zwischen Autobahn, Hochspannungsleitung und Zugstrecke. Das Rauschen ist aus dem Ort nicht wegzudenken und aus dem Unterbewusstsein schon gar nicht. Das Kaff ist so klein, dass kein Zug hier hält und auch kein Auto von der Autobahn abfahren kann, denn es gibt keine Autobahnabfahrt. Die Weite der Welt wird zum bedeutungslosen und manchmal auch störenden Hintergrundrauschen degradiert. „Wir sind das Durchzugsgebiet, bekommen die Durchreisenden nicht zu sehen, können nicht zusteigen, von einem Ort zum anderen fahren. Die Bahnstecke ist jenen vorbehalten, die von weit kommen und nach weit fahren.“ Aus: „Weißblende“ von Sonja Harter, Seite 11

Ein richtiges Entkommen aus diesem trostlosen Tal gibt es nicht, die wenigen Ausgänge sind schmale Schluchten durch die steile Bergstraßen hindurchführen, auf denen es schon viele Unfälle gab. Wer aus diesem Tal hinaus möchte, der riskiert also sein Leben, überspitzt gesagt. Nichtsdestotrotz ist ein Auto das höchste Gut an diesem Ort, denn es garantiert Mobilität. Deshalb wird schon in frühen Jahren mit dem Sparen begonnen, sodass mit 18 Jahren zumindest ein klappriger alter Golf vor der Haustür parkt.

Hier ist also Matilda aufgewachsen und ich möchte mit ihr nicht tauschen. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben und sie wurde von ihrem Vater aufgezogen, der damit überfordert war und ist. Er bemerkt nicht einmal, dass ihr das Bett zu klein geworden ist. Matilda – diesen Namen gab es schon einmal in der Literatur. Roald Dahl hat den gleichnamigen Kinderbuchklassiker über ein Wunderkind mit geistig-beschränkten Eltern und eine Schuldirektorin, die eigentlich eher eine Diktatorin ist, verfasst. Auch Matilda in „Weißblende“ ist ein Wunderkind. In der Schule schreibt sie sehr gute Noten und liest ein Buch nach dem anderen. Was soll sie auch machen in dieser Idylle, wo sonst nichts passiert?

Matilda, die Protagonistin

Matilda ist nicht nur Matilda, das Wunderkind. Sie ist auch zugleich Lolita aus dem gleichnamigen Roman von Vladimir Nabokov. Schon auf den ersten Seiten schwärmt Matilda vom Freund ihres Vaters Ludwig. Ein mittelalter Mann und Vater von ihrem Mitschüler Bernhard. „Es war Ludwig, der Vater von Bernhard, der mich von einem Moment auf den anderen einen ungekannten, unkontrollierten Wahnsinn erleben ließ, der sich in Form von Schweißausbrüchen, Übermut und einer unbändigen, unangebrachten Lautstärke äußerte. Der mich allein durch seinen Anblick zu einem anderen Mädchen machte, das nichts mehr wollte, als hier und jetzt aufzufallen, Eindruck zu hinterlassen, ohne zu wissen, wer am Ende die Schuld tragen sollte, für alles, was möglich gewesen wäre.“ Aus: „Weißblende“ von Sonja Harter, Seite 26 f.

Diese Schwärmerei für ältere Männer wird Matilda nicht ablegen, denn sie ist tatsächlich wie Lolita sexuell frühreif, verführerisch und hat einen Hang für pädophil anmutende Liebesbeziehungen. Und dann benötigt der Vater von Matilda auch noch Geld und vermietet die erste Etage an den Franzosen Alain Bonmot, der nur für einen Auftrag in einer nahegelegenen Fabrik in den Ort gekommen ist. Spätestens mit dem Eintritt von Bonmot in die Handlung wird „Weißblende“ von einem harmlosen Buch über ein Mädchen zu einem Buch voller Irrungen und Wirrungen. Gerade durch diese Unanständigkeiten in Verbindung mit Bonmot bekommt der Roman eine tiefere Dimension – Gesellschaftskritik. Es geht um Unterdrückung und der Frage nach der Schuld für diese.

Das Buch „Weißblende“

Mit „Weißblende“ hat es sich Sonja Harter, die bisher Lyrik schrieb, nicht leichtgemacht. Der Fortgang der Handlung ist wirklich überraschend und war für mich beim Lesen nicht absehbar. Nichtsdestotrotz ist das Lesen schwer. Das beginnt mit dem Schreibstil, den Sonja Harter anwendet. Die Sätze sind kaum verbunden. Aussagen stehen in der Luft und schießen manchmal auf den Leser ein. Mit flüssigem Satzbau hat das nichts zu tun.

Etwa bei der Hälfte des Buchs hatte ich kurz das Gefühl, dass ich jetzt endlich angekommen wäre und das alles verstehen würde. Ich hatte mir einen Zugang zu den Gedanken in „Weißblende“ erarbeitet, aber dieser währte nicht allzu lange. Wenige Seiten und dann war der Zugang zum Buch wieder weg und ich wunderte mich einfach nur über die Geschichte. Es ist viel auf einmal: die Geschichte der Mutter und der Großmutter, der überforderte Vater, die unterforderte Matilda und dann auch noch Bonmot. Mehrere Episoden wurden in „Weißblende“ verpackt und ich wusste beim Lesen nicht immer ganz genau, worauf Sonja Harter nun hinaus möchte.

Fazit

„Weißblende“ von Sonja Harter ist ein Debüt wie ein Boxkampf – wenn man glaubt, man liegt vorne und habe das Buch verstanden, gibt es schon den nächsten Kinnhaken.

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