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Der Abenteuerroman Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel von Philip Krömer

Als kleines Mädchen begab ich mich früher oft auf Expedition: In den Dschungel, in den Hades – also die Unterwelt der griechischen Mythologie, in die Wüste, in das tiefe Meer oder manchmal sogar auf den Mount Everest. Das fand natürlich nur in meinen Gedanken statt, aber als Kind ist das real. Die Abenteuer sind real. Das Buch „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ von Philip Krömer hat mich an diese Zeit erinnert als ich sorgloser und meine Fantasie noch nicht beschnitten war durch Prüfungsstress und der Überlegung, ob auch im nächsten Monat das Geld fürs Studentenleben ausreichen würde.

Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese Seite als schwere Eichentüre zu begreifen. Und anzuklopfen.

Klopfen Sie!

Aus: „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ von Philip Krömer, Seite 9

Über die nordische Mythologie – „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“

Ymir ist alt. Richtig alt. Denn er ist der Urriese aus dem die Welt und der Himmel entstanden ist. Dazu gibt es natürlich auch eine Sage aus der nordischen Mythologie: Ymir war nicht männlich oder weiblich, er war zweigeschlechtlich. Der Urriese entstand als sich das Gletschereis von Niflheim (das eisige Gebiet im Norden laut nordischer Mythologie) und das Feuer von Muspellsheim (der Gegenpol zu Niflheim im Süden) vermischten. Gesäugt wurde der Urriese von der Urkuh Auðhumbla. Aber das alles ist noch nicht sonderlich spannend. Die ersten Götter Odin, Vé und Vili erschlagen Ymir und erbauen aus ihm die Welt: Sie formten aus seinem Fleisch die Erde, sein Blut wurde zum Meer, aus Knochen gestalteten sie Felsen und Gebirge, sein Haar wurde zu Bäumen, der Himmel entstand aus Ymirs Schädel und die Wolken aus seinem Gehirn. Die Schöpfung der Welt, wie wir sie kennen, begann in der nordischen Mythologie also mit einem Mord.

Aber das ist nicht alles in „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ von Philip Krömer, denn Ymir dient nur als Vehikel für die eigentliche Geschichte. Wie in allen guten Abenteuerromanen oder -filmen wird die eigentliche Handlung durch eine Sage oder uralte Legende angereichert beziehungsweise damit unterlegt. Es entsteht eine Atmosphäre aus Geheimnis und höherer Bedeutung.

Wir fallen aus allen Wolken.

Links und rechts je ein Motor, die heulen und schlagen die dünnen Wolken mit ihren Rotorblättern wie Sahne, kuttern sie wie Hirn, unter uns drei Handbreit Blech und dann kilometerweit Leere. Ein Nichts aus scharfem skandinavischem Seewind und vereinzelten Möwen unter den Füßen, das nun anfängt zu schrumpfen, sich zu verkürzen und uns unserer Bestimmung zuzuführen.

Die dort unten auf uns wartet (lauert).

Aus: „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ von Philip Krömer, Seite 21

Auf der Suche nach alten Nazischätzen?

Denn eigentlich handelt „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ von Karl und seinen beiden Begleitern KleinHeinrich und VonUndZu. Die drei sind im Auftrag der obersten Führungsriege der Nationalsozialisten nach Island aufgebrochen. Es ist das Jahr 1939, der Krieg hat noch nicht begonnen, hängt aber schwer in der Luft. Die Expedition in Island soll 20 Tage dauern, dann werden die Abenteurer von ihrem Piloten wieder auf der notdürftig gebauten Piste wieder abgeholt werden und bis dahin sind sie auf geheimer Mission. So geheim, dass Karl bei der Landung noch nicht einmal weiß, worüber er den Naziführern berichten soll, wenn er wieder in Deutschland ist. Karl ist abgestellt wurden als Protokollant, denn das Volk und der Führer braucht gute Geschichten, um den Traum der Arier weiterträumen zu dürfen.

Aber KleinHeinrich weiß mehr. Er hat die nötigsten Instruktionen bekommen und führt die Reisegruppe Ymir zu einem Loch im Boden. Ein Loch aus Beton – „sichtbar von Menschenhand glattgespachtelt“. Sie befinden sich nun „im Bunker. Über dem Loch.“ Das Ziel der Reise.

Es lacht (das Abenteuer), und wie es lacht, mit aufgerissenem, lippen- und zahnlosem Schlund. In diese UnSchwärze sollen wir steigen? Über Ymirs versteinerte Zunge und dann hinab?
Natürlich sollen wir. Werden wir. Als brave Bürger, was bliebe uns anderes übrig?
Genau:
Nichts.

Aus: „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ von Philip Krömer, Seite 73

Ein aus der Zeit gefallener Abenteuerroman

Für mich war „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ von Philip Krömer eine Überraschung. Ich habe mich vor dem Lesen nicht wirklich mit dem Inhalt des Buchs beschäftigt, da ich dieses Buch im Rahmen des Buchbloggerpreises „Das Debüt 2016“ gelesen und für den Preis bewertet habe. Irgendwie rechnete ich nicht mit dieser Art von Buch, die über große Mythologie, Entdeckungen und Heldentaten berichtet. Das ist irgendwie unüblich geworden und doch haben die Abenteuergeschichten nicht die Wirkung verloren, die sie als kleines Kind auf mich hatten. Es ist ein Geschichtenstoff, die nicht rational über die neuronalen Netze verarbeitet wird, sondern ohne Umwege tiefere Bedürfnisse des Menschen anspricht.

Philip Krömer hat alles richtig gemacht in dem er gegen die Zeit geht. Ich kenne neben „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ nur einen aktuellen Abenteuerroman – „S. Das Schiff des Theseus“ und dann erst wieder Klassiker. Zugleich ist Abenteuerroman ein Label, dass verleitet das Niveau des Buchs zu unterschätzen. In den Zeilen dazwischen steckt schließlich auch Lebensweisheit und es geht nicht nur ums Abenteuer, sondern auch der Nationalsozialismus wird thematisiert.

Fazit

„Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ von Philip Krömer überrascht mich mit einem für die Gegenwart ungewöhnlichen Konzept – das Abenteuer. Hoffentlich werde ich in Zukunft häufiger so überrascht.

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