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Nachts ist es leise in Teheran von Shida Bazyar oder die jüngere Geschichte des Irans

Schon lange habe ich keinen solchen Roman mehr gelesen, der neben der Unterhaltung auch so viel Wissen für seinen Leser bereithält. Denn ich hatte ja keine Ahnung – wie man so oft im Leben eigentlich keine Ahnung hat oder weißt du etwas über die jüngere Geschichte des Irans und warum Iraner nach Deutschland flüchten? Ich nicht. An „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar fiel mir besonders die Vermischung von Unterhaltung, wohldosierter Faktenvermittlung und dem Fingerzeig auf die Probleme in der Gesellschaft auf.

„Nachts ist es leise in Teheran“ – Die Geschichte

Vordergründig ist dieses Buch eine Familiengeschichte. In jedem Kapitel kommt eines der Familienmitglieder zu seiner Zeit zu Wort. „Nachts ist es leise in Teheran“ beginnt 1979 mit den Schilderungen des Vaters Behsad, der am marxistischen Widerstand gegen Ajatollah Chomeini beteiligt ist. Und eben weil Behsad Widerstand leistet, muss die junge Familie aus dem Iran flüchten. Behsad drohen Gefängnis, Folter und vielleicht sogar der Tod. Danach kommen Frau Nahid, Tochter Laleh, Sohn Morad und die in Deutschland geborene Tochter Tara zu Wort mit ihren Sichtweisen der Welt und ihren eigenen Problemen im Leben.

Das Kapitel von Laleh spielt im Jahr 1999 als ein Teil der Familie erstmals wieder in den Iran reist, um die Familie zu besuchen. Laleh wurde im Iran geboren und war ein Kleinkind als die Familie nach Deutschland ging, eigentlich kann sie sich nur an Bruchstücke dieses Landes erinnern. Für sie war der dreiwöchige Urlaub im Iran das Paradies und zugleich die Hölle – Laleh wusste, dass es nicht für immer war und sie ihre Verwandten im geordneten Deutschland vermissen würde. Und das tat sie. Sogar ihr Bruder Morad, der nicht mitkam, sprach aus, dass Laleh daran leidet und er froh ist, dass er nicht so ein enges Verhältnis zu den Verwandten hat, denn sonst würde er auch leiden.

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Was bedeutet es, ein Flüchtling zu sein

Und damit ist Shida Bazyar auch direkt in der aktuellen Flüchtlingsthematik. Wie ist das, wenn man seine Heimat verlassen muss? Behsads Familie hat die Heimat verlassen, um das Leben nicht zu verlieren an die Mörder, die das Land regieren. Wenn Andersdenkende nicht verfolgt werden würden, dann wäre Behsad niemals ausgereist. Denn jetzt kann er nicht mehr in sein Heimatviertel zurückkehren, kann seinen Vater nicht mehr in die Arme schließen oder mit ihm reden. Auch das schildert Shida Bazyar sehr intensiv. Der Schmerz der Familie ist groß. Und es gibt eine Szene, in der Baba Bosorg (Behsads Vater) in die Videokamera zu seinem Sohn sprechen soll. Er kann es nicht wirklich außer mit Höflichkeitsfloskeln und ist dann überwältigt vom Gedanken, dass er seinen Sohn nicht mehr wiedersehen soll.

Aber auch in Deutschland ist nicht alles einfach für die Familie. Erst das Zittern um die Genehmigung des Asylantrags und dann die Sprachhürden. Laleh muss häufig auf Ämtern für ihre Eltern dolmetschen, obwohl sie den Inhalt des Gesprächs wahrscheinlich nicht einmal ganz versteht. Zu Beginn muss die Familie auch zusammen in einem Raum schlafen. Platz ist nicht viel da und Geld ohnehin nicht. Es stellt sich die Frage, ob man einen wackligen Tisch von einem wohltätigen Spender annimmt oder lieber doch auf einen vom Flohmarkt spart, der dann etwas länger hält. Aber das ist alles nicht so schlimm, denn der Familie geht es eigentlich gut – niemand sitzt im Gefängnis wegen seiner Meinung.

Shida Bazyar weiß wovon sie schreibt in ihrem Romandebüt. Ihre Eltern waren selbst im Widerstand und mussten dann den Iran deshalb verlassen. Die Autorin hatte viele Informationen über die Zustände in der Gesellschaft damals von ihren Eltern, nichtsdestotrotz sind die Figuren frei zusammengefügt.

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4 tolle Zitate aus „Nachts ist es leise in Teheran“

Wir hörten Alle Arbeit gebührt dem König und sagten, Die Arbeit gehört den Arbeitern. Und wenn dort steht Er führt uns zu Wohlstand, dann spucken wir auf seine Paläste, auf die Engländer, auf die Amerikaner, und schmuggeln die Bücher, kopieren sie, lernen sie auswendig, geben sie von Hand zu Hand. Wir haben gelesen, haben gelesen, haben gelesen, haben zu Hause geschwiegen und auf den Straßen geschrien, haben unsere Eltern verflucht und sind für unsere Kinder gestorben. Aus: „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar, Seite 11

Plötzlich weißt du nicht mehr, wann aus dem gemeinsamen Kampf während der Revolution ein Kampf gegeneinander um die neue Herrschaft geworden ist. Aus: „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar, Seite 47

Und wie ich einfach nie ganz ernst nehmen kann, was sie machen und wie sie es machen, weil ich irgendwie immer denke, ja klar, ihr seid wahnsinnig nett und habt mich lieb, aber eigentlich führt ihr hier gar nicht das richtige Leben, das richtige Leben ist in Deutschland. Da kann man die Entscheidungen über das eigene Leben selbst treffen, da kann man Sachen, die nicht gut laufen, vielleicht auch verändern, und wenn man dabei mal die Regel bricht, dann nennt man das Individualismus. Aus: „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar, Seite 167

Dabei ist das doch der Kampf meiner Eltern, der dort fortgeführt wird, dabei müsste doch gerade mein Vater dort sein, um zu sehen: Ihr Kampf ist nie gescheitert, er musste nur pausieren. Aus: „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar, Seite 224

Die jüngere Geschichte des Irans

Vor „Nachts ist es leise in Teheran“ hatte ich keinerlei Ahnung vom Iran und was dort in den letzten 50 Jahren geschehen ist. Vor 1979 war der Iran eine konstitutionelle Monarchie und wurde regiert vom Schah. Das Land verfügte über steigende Öleinnahmen und so konnten umfangreiche Reformen in allen Bereichen finanziert und durchgesetzt werden. Dem Iran ging es gut, es entwickelte sich vom Entwicklungs- zum aufstrebenden Industrieland. Aber nicht alle Teile der Bevölkerung befürworteten Industrialisierung und Modernisierung, besonders die schiitische Geistlichkeit war dagegen und darunter Ajatollah Chomeini. Ab 1977 kam es zu gewaltvollen Demonstrationen, Mord- und Brandanschlägen. Frankreich, die USA, Großbritannien und Deutschland entschieden, dass sie den Schah nicht mehr unterstützen und stattdessen mit Ajatollah Chomeini in Gespräche eintraten. Das war der Beginn der islamischen Revolution 1979.

Ajatollah Chomeini formte aus dem Iran die Islamische Republik, revolutionäre Gruppen wurden sukzessive und mit Gewalt ausgeschaltet. Die Politik Ajatollah Chomeinis war antiwestlich. Von 1980 bis 1988 gab es den Ersten Golfkrieg – der Irak griff den Iran an. 1997 gewann überraschend Chātami die Präsidentschaftswahl und schlug einen reformorientierten Kurs ein. 2005 wurde Ahmadinedschad zum Präsidenten gewählt und die internationale Isolation des Irans nahm erneut zu. Bei der Wiederwahl Ahmadinedschads 2009 gab es wieder Demonstrationen, die mit Gewalt niedergeschlagen wurden.

Und damit endet auch die Zeitspanne des Buchs „Nachts ist es leise in Teheran“. Der Kampf für Freiheit, der 1979 von den Eltern geführt wurde, setzt sich im Kampf der Nachkommen fort. Er war nie beendet, sondern hat nur pausiert.

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Fazit

Shida Bazyar hat mit „Nachts ist es leise in Teheran“ ein wunderbares Debüt mit großem Mehrwert für mich verfasst.

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5 Kommentare

  1. Ich habe das Buch auch gelesen. Tolle Rezension! Ich fand es wirklich faszinierend wie sich die Einstellung zu Heimat und Identität über die Altersstufen der Kinder verändert…

  2. Ich habe gerade in der Bella Triste Literaturzeitschrift ein tolles Interview mit der Autorin gelesen. Sie ist wirklich eine tolle intelligente junge Frau.
    Eigentlich gibt es relativ viele Bücher, die die Flüchtlingsproblematik thematisieren, nur sind leider nicht alle auch gut und viele sind auch von Vorurteilen und dem westlichen Blick verzerrt. Das finde ich oft sehr schade. Ich würde gerne einmal ein Special machen, wo ich Empfehlungen gebe, weil ich ja aus dem Bereich komme…das Problem ist nur, dass ich mir sehr schwer tue, Bücher zu empfehlen, die ich nicht gelesen habe. Wobei ich auch immer wenig Muße habe, solche Bücher zu lesen, da mir die Geschichten schon zu Genüge von der Arbeit bekannt sind.
    Übermorgen (!) erscheint ein herzzereißendes Buch von Giuseppe Catozzella- Mit Träumen im Herzen. Es geht um die wahre Geschichte der somalischen Athletin Samia, die 2008 bei den olympischen Spielen in Peking als Läuferin dabei war und in ihrer Heimat auf Grund dieser sportlichen Aktivität, die für Frauen nicht erlaubt ist, verfolgt wurde, abgesehen davon dass im Land sowieso Bürgerkrieg, Hunger und Konflikte herrschten und das Leben nicht einfacher machten. Sie flüchtete nach Europa und ertrank schwanger vor Lampedusa mit einem Flüchtlingsboot. Sie war 21 Jahre alt.
    Ansonsten empfehle ich seit vielen Jahren: Bilal: Als Illegaler auf dem Weg nach Europa. Dort wird die wahnsinnig gefährliche Reise durch die Wüste nach Europa beschrieben, mit Menschenhandel, Schleppern etc. Nach dieser Lektüre kann wohl kaum noch Jemand der Meinung sein, dass Menschen freiwillig und aus lauter Lust und Laune, diesen Weg auf sich nehmen.
    Ich habe übrigens bestimmte Sehnsuchtsorte im Orient, über die ich sehr gerne lese und dann wiederum einige Länder, die mich eher weniger interessieren. Iran gehört leider nicht dazu. Dafür aber Irak, wegen Bagdad und den Märchen aus 1001ner Nacht. Als Kind habe ich Hörspielkasetten gehört, über das märchenhafte Bagdad. Es übt darum eine besondere Faszination aus, die leider so weit weg ist, von der Realität. Ansonsten lese ich auch gerne über den Maghreb und Afghanistan. In Tunesien bin ich selbst unterwegs. Liebe Grüße, Anja

  3. Vielen Dank für deine Tipps Anja!
    Mich würde ein Spezial zum Thema Flucht sehr interessieren, wenn du noch ein bisschen Motivation brauchst. Ich denke, dass es vielen Lesern so geht. Auf diese Liste gehört dann aber auch wirklich unbedingt „Nachts ist es leise in Teheran“. 🙂
    Auf die Bellatriste warte ich übrigens noch, eigentlich hatte ich auch angefragt wegen einem Artikel aus der Reihe MagazinLiebe bei mir. Aber so richtig kommt hier nichts an. :/ Jetzt bin ich aber noch gespannter auf die Ausgabe.

  4. Pingback: [Das Debüt 2016]: Shortlist – Durchsicht – Entscheidung – Lesen macht glücklich

  5. Es hat bei mir auch sehr lange gedauert bis die Bella Triste angekommen ist 🙂 Können wir ja dann unsere Eindrücke vergleichen, ist sicher spannend, besonders weil die Texte doch sehr…speziell (aber toll) sind 😀
    Ich werde sie auch noch rezensieren, die Akzente Ausgabe hat derzeit Vorrang.
    Nagut, Nachts ist es leide in Teheran ist dann schon mal fix dabei. Fehlen nur noch alle Anderen, haha. Aber irgendwie gibt es ansonsten kein Buch in diese Richtung, was mich wirklich umhaut, wo ich sagen würde, DAS muss man zum Thema gelesen haben… echt komisch, da muss es doch was geben. Nicht nur diese „guten“ Bücher, sondern diese Bücher die einen sprachlos zurücklassen. Ich denk nochmal drüber nach.

    Liebe Grüße, Anja

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