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Untenrum frei von Margarete Stokowski – Ein Plädoyer für ein neues Frauenbild

In unregelmäßigen Abständen erscheinen immer Mal wieder feministische oder quasifeministische Bücher. Ich denke da an „Lean in“ von Sheryl Sandberg, „Weil ein Aufschrei nicht reicht: Für einen Feminismus von heute“ von Anne Wizorek oder „Wenn Männer mir die Welt erklären“ von Rebecca Solnit. Braucht es da noch weitere Bücher, könnte provozierend gefragt werden. Oder steht nicht überall im Prinzip das Gleiche drin? Nämlich die Forderung nach der Gleichberechtigung der Frauen. Aber ganz so einfach ist die Angelegenheit dann doch nicht. Ich bin froh über jedes feministische Buch, denn fast immer gibt es dazu auch eine Debatte in der Gesellschaft. Und genau diese Diskussion und die Verhandlung der Standpunkte ist wichtig!

Was „Untenrum frei“ mir beigebracht hat

„Untenrum frei“ von Margarete Stokowski ist ein solches Debattenbuch und ich habe es mit Vergnügen gelesen. Margarete Stokowski hat mir neue Denkanstöße gegeben und mir auch Zusammenhänge erklärt, die mir vorher noch nicht bewusst waren. Denn es ist nicht nur so, dass der Vorteil des Neuerscheinens feministischer Bücher ist, dass in der Gesellschaft diskutiert wird, sondern dass ich selbst beginne zu überdenken, wo ich als Frau heute stehe. Nach dem Lesen von „Untenrum frei“ fragte ich mich, wo in meinem Kopf veraltete Rollenbilder herumspuken oder was ich tun könnte, um die Gleichberechtigung voran zu treiben. Und es ist wie so oft im Leben, eigentlich weiß ich das irgendwie schon oder ahne es, aber aktiv dagegen unternehme ich nichts.

Eine der größten Lektionen von „Untenrum frei“ war für mich, dass ich viel öfter den Mund aufmachen sollte: Sexismus thematisieren, wenn er passiert und mich trauen, laut meine eigene Meinung zu vertreten. Denn eigentlich machen wir Frauen doch wirklich viel zu selten den Mund auf und wehren uns gegen rückständige Aussagen. In diesem Sinne hat Margarete Stokowski auch ein für mich persönliches Buch geschrieben, denn dessen Inhalte berühren mich jeden Tag.

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3 nachdenkenswerte Zitate aus „Untenrum frei“

Was passiert mit uns Frauen zwischen dem Moment, wo wir uns wünschen, Prinzessin oder Meerjungfrau zu sein, und dem Moment, wo wir merken, dass Sperma in den Augen brennt? Aus: „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski, Seite 99

Ich merke, dass ich anfangen muss zu reden, und es geht besser, je weniger ich mich beeindrucken lasse. Aus: „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski, Seite 172

Sie sagen, dass wir von Hass getrieben sind, weil sie sich wundern, dass da Frauen mal keine Harmonie und Liebe versprühen, sondern Forderungen haben. Aber Wut ist nicht dasselbe wie Hass. Hass will Zerstörung, Wut will Veränderung. Aus: „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski, Seite 201

Worum es in „Untenrum frei“ geht

Zu Beginn des Buchs schreibt Margarete Stokowski darüber, was der Feminismus eigentlich ist und was er bedeutet. Feminismus ist ein negativ besetztes Wort – zuerst wird er mit hysterischen Hexen, die Männer laut zeternd kastrieren wollen in Verbindung gebracht. Feministinnen haben einen Schaden und sind irgendwie seit frühester Kindheit gestört, weil sie von Vätern, Brüdern oder Liebhabern verletzt wurden. Im Grunde ist der Feminismus ein einziges lautstarkes Gekeife. Aber das ist schlichtweg falsch. Vielmehr geht es um das Miteinander in der Gesellschaft.

Margarete Stokowski definiert für sich: „Für mich bedeutet Feminismus, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihren Körper dieselben Rechte und Freiheiten haben sollen. Natürlich ist das keine Frage, die man nur anhand von Kriterien wie Weiblichkeit, Männlichkeit, Hetero-, Homo-, Bisexualität diskutieren kann. Einschränkungen von Rechten und Freiheiten haben und hatten immer schon auch mit Herkunft zu tun: im ethnischen Sinne wie auch als Klassenfrage.“ (aus „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski, Seite 13)

Diese Sätze sind wichtig und Margarete Stokowski wünscht sich zurecht, dass jeder zumindest das mitnimmt aus ihrem Buch. Aber eine Definition von Feminismus ist nicht alles, was „Untenrum frei“ zu bieten hat. Margarete Stokowski verwendet viel Zeit darauf, zu erläutern, wo uns in unsere Gesellschaft starre Rollenbilder begegnen, die alles andere als förderlich für eine moderne Gesellschaft und eben die angesprochene Gleichberechtigung sind. In vielen Episoden musste ich mich wiedererkennen – teilweise war das schmerzhaft.

Besonders interessant ist es für mich immer gewesen, wenn Margarete Stokowski bekannte Persönlichkeiten wie beispielsweise Susan Sontag, Simone de Beauvoir oder Kurt Tucholsky zitiert und für ihre Argumentationen herangezogen hat. Gerade Simone de Beauvoir hat Margarete Stokowski für mich noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Eine ganz entscheidende Verknüpfung und auch Schlüssel zur Gleichberechtigung sieht Margarete Stokowski im Sex. Sex und der offene Umgang mit Geschlecht und seinen eigenen sexuellen Bedürfnissen ist essentiell für wahre Gleichberechtigung. „Wir können nicht untenrum frei sein, wenn wir es obenrum nicht sind, und umgekehrt. Das <<Untenrum>> ist der Sex und das <<Obenrum>> unser Verständnis von uns selbst und den anderen.“ (aus „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski, Seite 143) Merk dir diesen Satz.

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Fazit

„Untenrum frei“ von Margarete Stokowski ist ein wichtiges und aktuelles Buch. Empfehlenswert sowohl für Frauen als auch für Männer!

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16 Kommentare

  1. Hallöle!

    Eine tolle Rezension, die Zitate sind sehr passend gewählt!

    Ich interessiere mich sehr für Feminismus, habe aber noch nicht viele Bücher in die Richtung gelesen. Ich denke, ich habe ein gutes Buch zum Starten gefunden!

    Vielen Dank für diese tolle Rezension, ich glaube, dass ich diesen Buchtipp gleich mal in der Bücherei suchen werde!

    Viele liebe Grüße vom #litnetzwerk,
    Anna

  2. Ein Wunschlistenbuch! Klare Sache. Seit ich es im Programm von Rowohlt gesehen habe.

    Meine Einstellung zum Feminismus? Oh. Das niederzuschreiben würde ewig dauern.
    Aber ich finde ihn unglaublich wichtig. Noch heute und wahrscheinlich für immer. Denn dass Frauen oder andere Minderheiten klein gehalten werden, dieses Verhalten hat sich die letzten mind. 1900 Jahre durchgesetzt. Frauen und Minderheiten wurden dominiert, vom… sorry für das Klischee, vom alten weißen Mann. Allein der Gedanke regt mich wieder auf. Diese Struktur über Nacht oder über Jahrzehnte, vielleicht gar Jahrhunderte komplett auszumerzen – das funktioniert nicht.
    Deswegen muss der Stein stetig, wenn auch langsam, gehöhlt werden. Es ist wichtig, dass Mädchen und Jungen nicht stigmatisierst werden durch Farben, Kleidung oder normalen Verhaltensweisen für ihr Geschlecht „Mädchen sind lieb und spielen mit Puppen“ oder „Jungen sind starke kleine Männer, die nicht weinen“ blablabla. Es beginnt bei jeder neuen Generation, die das Licht der Welt erblickt. Mit jedem Kind, welches wir Erwachsenen in diese Rollenbilder quetschen, wird die Schere nur größer und die Brücke schwieriger zu überwinden.
    Natürlich ist bei den bisherigen Generationen nicht alles verloren. Ich habe auch Röcke getragen, ich schminke mich. Aber das mache ich nicht mehr für mich, weil das von mir als Frau irgendwie erwartet wird. Sondern weil ich mir die Freiheit herausnehme, mich mal zu schminken, mal nicht. Mal Kleider zu tragen, mal nicht. Und manchmal bedarf es nur den richtigen Denkanstößen, damit sich so eine Einstellung entwickelt. Mich hat diese Realität mit seiner vollen Wucht getroffen, als ich ins Berufsleben eingestiegen bin. Erst da ist mir diese Distanz, die ich im Alltag noch weglächeln konnte, richtig bewusst geworden.

    Liebe Grüße, Rebecca

  3. Klingt so, als hätte das Buch die eine oder andere Anregung und könnte es schaffen, die eigene Perspektive ein wenig zu verändern. Das gefällt mir.
    Danke für die Buchvorstellung, das ist glatt auf meine Liste gewandert!

    LG Gabi

  4. Danke für die ausführliche Rezension. Das Buch selbst stand zwar auch schon vorher auf meiner Wunschliste, aber jetzt ist es noch mal wieder weiter nach oben gerutscht. Und du hast mich daran erinnert, dass ich schon lange mal darüber schreiben wollte, was Feminismus für mich bedeutet.

    Ich gebe dir vollkommen recht, solche Bücher sind auch deswegen wichtig, damit die Gespräche über das Thema nie ganz einschlafen und immer weiter gehen.

    LG Lexa

  5. Das klingt nach einem tollen Buch. Ich interessiere mich seit einiger Zeit auch mehr für Feminismus und versuche, meine Einstellung dazu weiterzuentwickeln und zu schärfen. Ich versuche zu reflektieren, was von meinen Handlungen und Gedanken auf meine eigenen Einstellungen zurückgeht, und was auf Sozialisierung und Rollenbilder der Gesellschaft. Das ist bei Weitem keine leichte Sache.
    Aber Bücher können dabei so gut helfen. Denkanstöße liefern. Beispiele nennen. Rückstände aufzeigen.
    Und dieses Buch klingt nach so einem. Danke, dass du mich (und wahrscheinlich viele andere) auf den Titel aufmerksam gemacht hast. Deine Rezension hat mir echt gut gefallen. Sehr persönlich, aber es kam auch gut rüber, was das Buch dem Leser allgemein zu bieten hat.
    Liebste Grüße,
    Julia

  6. Hallo Janine,

    ja, wir sind leider alle noch lange nicht so emanzipiert, wie wir es eigentlich sein sollten, daher finde ich auch jedes gut geschriebene Buch zum Thema wichtig, weil es wie Du ja so treffend sagst, die Diskussion und die Debatte in der Gesellschaft wieder neu anheizt. Daher bin ich auch für jeden Tipp zum Thema dankbar und habe mir dieses Buch gleich einmal vorgemerkt, das letzte das ich zum Thema gelesen habe war von Gloria Steinem, auch eine ganz tolle Frau.

    Ganz liebe Grüße und ich wünsche Dir noch einen schönen 2.Advent,
    Heike

  7. Liebste Janine,



    du weißt, was gerade passiert ist, gell?

    Kennst du eigentlich Laurie Penny? Ich glaube, ihre Bücher könnten dir echt gut gefallen (ich LIEBE sie, sie ist großartig). Ich bin mal so dreist und lasse dir einen Link zu einer Rezension da. Ist zwar eine von meinen älteren als ich noch etwas unbedarfter war, aber das Unsagbare Dinge ist unfassbar toll!
    https://bookcrow.wordpress.com/2016/04/06/laurie-penny-unsagbare-dinge-sex-lugen-und-revolution/

    Ich verlasse deinen Blog mal wieder mit einem breiten Lächeln und einem Einkaufszettel für Buchhandlung 😀
    Cheerio
    Mareike

  8. Liebe Janine,
    eine tolle Rezension – und ein (leider) wieder wichtiger werdendes Thema, das das Buch aufgreift. Auch wenn man für sich selbst keine Ungleichheit erlebt (so dachte ich mir das für mein eigenes Leben), so bestehen in unserer Gesellschaft doch immer noch enorme Unterschiede zwischen Frauen und Männern, sei es in Sachen Bezahlung, Aufstiegschancen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch im privaten Bereich. Ich selbst dachte die letzten Jahre, je mehr Terrain Frauen sich v.a. im Beruflichen erobern, desto eher müsse man nicht mehr über Feminismus diskutieren – eine Täuschung. Ich habe derzeit eher den Eindruck, dass das Thema wichtiger ist denn je – einerseits weil es viele Männer gibt, die durch die Entwicklung verunsichert sind und sich massiv an tradierten Rollen festklammern. Andererseits weil auch die ganzen rechtspopulistischen Strömungen eine erhöhte Frauenfeindlichkeit mit sich bringen – das mag jetzt etwas verkürzt sein, aber wer gegen Ausländer hetzt, seine „Grenzen“ verteidigt, der verteidigt oft auch so typische Rollenbilder und da gehört die Frau heim an den Herd. Ich befürchte manchmal, unsere Gesellschaft bewegt sich in vielem rückwärts – und das betrifft auch die Rolle der Frau. Ganz entsetzt war ich neulich von einer Schlagzeile – wobei ich nicht weiß, wie die Umfrage entstanden ist – nach der jeder vierte männliche Europäer körperliche/Sexuelle Gewalt gegen Frauen unter gewissen Umständen „nicht so schlimm“ findet.
    Wenn das so ist, dann sind wir von einer gleichberechtigen Gesellschaft noch Welten entfernt – und das Thema Feminismus wichtiger denn in den letzten zwei Jahrzehnten.
    Das Buch wurde mir in den letzten Wochen nun zum dritten Mal empfohlen – jetzt wird es gekauft.
    Liebe Grüße von Birgit

  9. Liebe Rebecca,

    bevor ich nicht gearbeitet habe, hielt ich das Thema auch für ausgelutscht. Da ging es mir ähnlich wie dir. Und seit etwa Sommer interessiere ich mich noch stärker dafür. Ich arbeite in einer IT-Abteilung – das bedeutet, dass der Anteil der Männer gewaltig ist. Und es sind eben auch die kleinen Dinge, die mir nun auffallen. So Dinge, über die man nicht so richtig nachdenkt, die gegeben sind und sich eingeschliffen haben. Zum Beispiel Klischees über das Autofahren oder das Verhalten. Mich stört das manchmal mehr, manchmal weniger.
    Aber der Hammer wird wohl leider noch kommen, wenn das erste eigene Kind ansteht. Dann werden die bisherigen Beziehungsmuster hart auf die Probe gestellt und in der Regel übernimmt dann doch wieder die Frau den Großteil der Sorgearbeit. Das habe ich schon von mehreren Frauen gehört.

    Viele Grüße,
    Janine

  10. Liebe Lexa,

    verlink deinen Artikel zum Feminismus doch in den Kommentaren, wenn er veröffentlicht ist! Mich würde das interessieren. 😉

    Janine

  11. Liebe Birgit,

    hast du bisher noch andere „feministische“ Bücher gelesen?
    Danke für den Gedanken in Verbindung mit den rechtspopulistischen Strömungen. Ich hatte vor Kurzem auch einen Artikel in diese Richtung gelesen. Es ging darum, dass eine rechte Gruppe (Name habe ich leider vergessen) bei einer Demo extra Frauen hat ganz vorn laufen lassen damit diese zeigen, wie modern sie doch sind und das Frauen willkommen sind. Ich fand das schlimm, denn die Ansichten sind doch eigentlich ganz andere und eher nur Mittel zum Zweck.

    Viele Grüße,
    Janine

  12. Liebe Janine, auch nur die Klassiker: „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoire, „Der kleine Unterschied“ von Alice Schwarzer und „Der Weiblichkeitswahn“ von Betty Friedan, die man durchaus auch heute noch lesen kann, wenn sich auch manches schon überholt hat. „Angst vorm Fliegen“, Erica Jong, ein bißchen ein Kultbuch wohl gewesen, konnte mich nicht begeistern. In der Belletristik war Mitte der 1980er Jahre „Die bewohnte Frau“ von Giaconda Belli ein Muss – das ist und bleibt ein guter Roman. Aber ebenso wurde ich mit „Der Tod des Märchenprinzen“ sozialisiert (Svende Merian) – ich glaube, müsste ich es heute nochmals lesen, würde ich mich schräg lachen. Viele Grüße, Birgit

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