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Blauschmuck von Katharina Winkler oder wenn Gewalt zu Literatur wird

Selten hat Literatur eine so starke Wirkung auf mich gehabt. Lesen verbinde ich tendenziell mit positiven Empfindungen, aber bei „Blauschmuck“ von Katharina Winkler war das Lesen nicht durch gute Gefühle geprägt, sondern durch Schrecken. Auf fast jeder einzelnen Seite hat sich mein Magen zusammenziehen müssen, habe ich mit der Protagonistin Filiz gelitten, gezittert und um Besserung gebangt. Nicht sehr häufig haben mich Sätze so bewegt, dass ich nicht nur sprichwörtlich mitgelitten habe. Ich habe tatsächlich gelitten! Das muss diese große Literatur sein, von der so viele Menschen erzählen und die es doch nur so selten gibt.

Filiz wird mit Blauschmuck geschmückt

Der Roman „Blauschmuck“ von Katharina Winkler beginnt mit der Kindheit von Filiz, der Protagonistin des Buchs. Filiz ist das siebte Kind kurdischer Eltern, insgesamt existieren 10 Geschwister. Eine Herde. Die Kinder schlafen auf Heu, sie liegen nebeneinander und übereinander. Die Mutter wirft ihre Kinder wie eine Kuh – Jungen und Mädchen im Wechsel. Und ihre Herde passt auf sich auf: Die größeren Geschwister achten auf die kleineren und die Mutter behütet alle vor dem Vater. Jeder hat seine Aufgabe in der Landwirtschaft und jedes Familienmitglied ist wichtig. Aber nicht so wichtig, dass es von der Gewalt des Vaters, des Patriarchats, verschont werden würde.

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Eine Schwester von Filiz, Yildiz, soll die Schafe hüten, aber an einem Tag werden mehrere Schafe von Wölfen gerissen. Der Vater tobt. Noch spätnachts sucht er nach seiner Tochter, will seine Wut abladen.  Er entdeckt Yildiz im Gebüsch, wo sie versteckt lauert wie ein Hase. Yildiz kann sich auf einen Baum retten. Der Vater kommt da nicht hoch. Die Mutter reicht ihrer Tochter heimlich Essen auf den Baum.

Wenn der Patriarch das Heim nach der Arbeit betritt, verstimmen die Stimmen im Haus. Jedes Kind hat dann seine Aufgabe. Eines rückt den Stuhl zurecht, ein anderes zieht dem Vater die Jacke aus, wieder ein anderes bindet die Schuhe auf, ein weiteres Kind wäscht die Füße, wischt sie trocken und verschließt anschließend die Sandalen. Dann gibt es Essen. Frisch gekocht von der Mutter, so wie der Vater es will. Der wichtigste Wert der Familie ist die Ehre, sie muss um jeden Preis erhalten werden. Der Vater achtet streng auf die Ehre.

3 Zitate aus „Blauschmuck“ von Katharina Winkler

Wir alle sind Herde und Hirten zugleich. Wir hüten einander. Aus: „Blauschmuck“ von Katharina Winkler, Seite 10

Ich halte den Atem an. Mit dem ersten Schritt in den Schnee bin ich heimatlos. Aus: „Blauschmuck“ von Katharina Winkler, Seite 50

Ich bin in meinem Zuhause, das kein Zuhause mehr ist, das immer meine Rettung in letzter Not war und mich in letzter Not nun nicht rettet. Aus: „Blauschmuck“ von Katharina Winkler, Seite 69

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Gewalt wird zur Normalität

Eine der erschreckendsten und zugleich beeindruckendsten Stellen für mich war die Schilderung des Blauschmucks, den die Frauen im Tal tragen. Der Blauschmuck verbindet alle Frauen, er ist Markierung und zugleich drückt er die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft aus. Nur Frauen mit Blauschmuck können Frauen mit Blauschmuck verstehen. Die Erscheinungsform des Blauschmucks ist vielseitig: dunkelblau, blau-rot, blau-schwarz. Die Stellen, an denen der Blauschmuck getragen wird ist es auch: um den Hals, am Arm, um das Handgelenk oder beispielsweise um die Fesseln. Der Blauschmuck ist die Markierung der Männer. Es gibt Frauen, die keinen Blauschmuck tragen, aber diese gehören nicht dazu. Wenn sie auftauchen, dann werden die Gespräche eingestellt, ihnen wird heimlich geneidet.

Aber das ist nicht die ganze Gewalt in „Blauschmuck“. Filiz heiratet und die Folgen dessen kann sie zu Beginn gar nicht begreifen. Sie kann nicht begreifen, wie sie von Tochter zu Eigentum wird. Von Mensch zum Gegenstand. „Blauschmuck“ ist geprägt von der Gewalt, die den Frauen von ihren Männern in einer archaischen Gesellschaftsform angetan wird. Immer wieder fragte ich mich beim Lesen, ob diese Frauen die Gewalt eigentlich als normal empfinden – ob sie einfach zum Leben dazu gehört. Das würde die Tatsache der systematischen Unterdrückung und des Missbrauchs der Frauen natürlich nicht besser machen.

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Liebe und Hass zugleich

Das Buch handelt nicht nur von Gewalt. Zugleich handelt das Buch von Liebe. Yunus, der Mann von Filiz, liebt seine Frau. Jedenfalls behauptet er das immer wieder. Es geht ihm nicht um die Befriedigung seines Jähzorns, wenn er sie für ihre vermeintlichen Missetaten bestraft. Es geht um das Wohl der Familie und letztendlich ist wieder die Ehre der höchste Wert. Liebe und Gewalt lassen sich manchmal kaum auseinanderhalten. So schrecklich schmerzt es Yunus, wenn er sieht, was er da eigentlich wieder getan hat. Nichtsdestotrotz kann auch Yunus nicht aus seiner Haut – er kann nicht aus dem strengen Rahmen ausbrechen, den die Kultur setzt.

Als ich das Buch beendet und die allerletzte Seite gelesen habe, wurde mir bewusst, dass „Blauschmuck“ auf einer wahren Geschichte beruht. Ab diesem Zeitpunkt hat mich „Blauschmuck“ noch mehr verstört und ich war froh, dass ich dies nicht schon beim Lesen wusste! Katharina Winkler hat Filiz in der österreichischen Arztpraxis ihres Vaters kennengelernt, hat sich mit ihr unterhalten und sammelte so über 60 Stunden Tonmaterial.

Das Bemerkenswerte an „Blauschmuck“ ist, dass es nicht nur eine Geschichte über die Gewalt an Frauen ist, sondern die Protagonistin Filiz als Heldin darstellt. Filiz wird durch die allgegenwärtige und permanente Gewalt an ihr und auch an ihren Verwandten nicht gebrochen. Sie bleibt stark und sie ist sicher stärker als ich es gewesen wäre. Zum Schrecken mischte sich beim Lesen des Buchs also auch so etwas wie Bewunderung für so eine starke Frau.

Fazit

„Blauschmuck“ von Katharina Winkler ist einer der heftigsten Romane, die ich in den letzten Monaten gelesen habe. Der Roman handelt von der Stärke der Frauen, auch wenn sie größter Gewalt ausgesetzt sind.

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Kommentierfrage: Kennst du aus deinem persönlichen Umfeld starke Frauen? Was macht sie für dich dazu?

7 Kommentare

  1. Das klingt nach einem Buch, das schwer zu ertragen ist. Und jetzt nachdem wir Deinen Artikel gelesen haben wissen Deine Leser auch, dass es eine wahre Geschichte ist. Mal sehen, ob ich mich da ran traue.

  2. Danke für diese großartige und sehr bewegende Rezension!
    Ich setz das Buch mal auf die Merkliste für den Moment, in dem ich wieder in Stimmung bin um so harte Kost zu lesen.
    Liebe Grüße und einen schönen 2. Advent,
    Ela

  3. Pingback: [Das Debüt 2016]: Shortlist – Durchsicht – Entscheidung – Lesen macht glücklich

  4. Hallo Janine,
    eine wundervolle Rezension hast du geschrieben. Ich habe Blauschmuck auch gelesen, aber habe bislang keine Rezension geschrieben. Ich konnte es nicht. Die Geschichte ist so schrecklich, dass ich es nicht geschafft habe, meine Gedanken in Worte zu fassen. Ein absolut lesenswertes Buch mit einer furchtbaren Geschichte.
    Schön, dass du das Buch anderen Lesern näher bringst.
    LG
    Yvonne

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