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Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf

Seit 16. November ist die Shortlist des Bloggerpreises für Literatur „Das Debüt 2016“ öffentlich und ich bin eine der Juroren. Auf der Shortlist stehen 5 Bücher – „Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“ ist eines dieser fünf und das erste Buch, welches ich gelesen habe. Das Debüt von Uli Wittstock ist kein Krimi, aber es beginnt mit einem Mord.

„Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“ – Ein Toter beim Radio

Die Bestatter stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Der Tote ist in einer Position verstorben, die einen Abtransport in den sonst üblichen Behältnissen nicht ermöglicht. Die Leichenstarre ist bereits eingetreten. Der Tote war verdreht und gefesselt worden. Die Arme sind am Rücken festgebunden, die Beine sind angewinkelt und sowohl Hals als auch Füße waren mit alten Tonbändern aus früheren Zeiten des Radios umwickelt. Kommissar Schneider musste beim Anblick der Leiche an die Tournier-Fähigkeiten seiner Frau denken. Das ist das kunstvolle Zurechtschneiden von Obst und Gemüse – also, wenn aus Tomaten Blumen geschnitzt werden. Der Tote ist der prominente Moderator einer Volksmusiksendung: Manfred Wilkhahn. Wer hat ihn bloß ermordet?

Uli Wittstock kennt sich aus beim Radio, denn nach abgeschlossenem Studium arbeitet er seit 1991 als Journalist für den ARD-Hörfunk. Was liegt für einen Debütroman da näher als der Schauplatz eines Radiosenders? Und auch der Name des Buchs stammt aus der Akkustik – Weißes Rauschen. Es klingt wie eine Störung im Kanal, wenn es aus dem Lautsprecher knistert und dann nur noch rauscht.

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Verschiedene Teile eines Romans

„Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“ besteht aber noch aus mehr Komponenten als Kommissar Schneider und seinen Ermittlungen. Es wird immer wieder gesprungen zwischen einzelnen Erzählsträngen – unterbrochen von einem Symbol, dass für das weiße Rauschen steht. Der Leser wechselt den Sender unfreiwillig, weil er vielleicht gerade von einem Sendegebiet ins nächste gekommen ist. Oder weil der Schnitt im Mixtape unsauber war. In „Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“ werden die Geschichten von Windradinvestoren, grauen Radiomäusen, die heimlich Softpornos schreiben, Rapmusikern, arroganten Radio-Geschäftsführern und sogar von einer Varroa Destructor Milbe erzählt. Es wird verrückt und turbulent.

Die große Stärke von „Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“ ist die Kritik an Politik und Kapitalismus. Meine absolute Lieblingsstelle des Buchs ist diese als ein Politiker vor einer Horde aufgebrachter Imker eine Rede hält. Die Imker sehen ihre Bienen von der Milbe Varroa Destructor bedroht und fordern Maßnahmen der Politik. Dieser Politiker hält also große Reden von Aktionen und Hilfen für die Imker und schubst dann seinen Milben-Experten nach vorn und sagt, dass der Experte demnächst ein umfangreiches Konzept vorlegen wird. Zurück in der Limousine klopft der Politiker seinem Experten auf die Schulter und sagt: „Nun machen Sie was draus!“. Arbeit getan.

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Diese Szene ist allerdings eine der wenigen, die ich als Leserin wirklich genieße. Der Rest des Buchs löst in mir Unbehagen aus. Das erste Fünftel habe ich noch ziemlich gern gelesen, aber spätestens ab dann hat es mich genervt – zu abgedreht. Durch die Sprünge durch die Geschichten der einzelnen Personen, die manchmal miteinander verbunden sind, aber meistens nicht, bleiben die Charaktere nur oberflächlich. Die Sprache ist streng komponiert, sehr sachlich, leicht sarkastisch und variiert etwas je nach Person, aber weniger stark als sie eigentlich müsste. Als Leserin fand ich keinen Zugang zu den Personen des Romans. Manche Szenen sind sogar regelrecht unverständlich – kryptisch – und Uli Wittstock hat keine Lust seinem Leser bei der Einordnung des Geschriebenen zu helfen. Da nützen auch die zitatreifen Aussagen der Protagonisten wenig. Vielmehr erschien es mir als wäre der Roman konstruiert worden, damit Uli Wittstock endlich mal alles über die böse Politik und den beschissenen Kapitalismus aufschreiben dürfte, was er bisher dachte oder auch mal unter Freunden aussprach.

2 gute Zitate aus „Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“

„Die Stadt hatte in den letzten Jahrhunderten nicht viel Glück gehabt, denn sie war immer wieder heimgesucht worden von Horden aus allen Himmelsrichtungen, nicht wegen ihrer Schätze, denn als besonders reich galt dieser Landstrich nie, sondern wegen ihrer zentralen Lage an mehreren Handelswegen, über die sich eben auch gut Soldaten und ihre Gerätschaften transportierten ließen.“ Aus: „Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“ von Uli Wittstock, Seite 1

„[…] was also die Kirchen in zweitausend Jahren nicht geschafft hatten, das war nun diesem beschissenen Kapitalismus gelungen: das organisierte Böse zu verdrängen.“ Aus: „Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“ von Uli Wittstock, Seite 157

Fazit

„Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf“ von Uli Wittstock war für mich kein Lesegenuss, sondern einfach nur eine Aneinanderreihung diverser Geschichten.

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Bisher unrezensiert.

Kommentierfrage: Wann hat dir zuletzt ein Buch überhaupt nicht gefallen?

5 Kommentare

  1. Hier meine Besprechunghttps://literaturgefluester.wordpress.com/2016/11/24/weisses-rauschen-oder-die-sieben-tage-von-bardorf/

  2. Ich bin gerade zu meinem Bücherregal gegangen und habe von links nach rechts und auf und ab geschaut, Deine Kommentarfrage im Kopf. Ich habe kein Buch gefunden, das mir überhaupt nicht gefallen hat. Und ich bin erst los gegangen, weil ich mich so, am Schreibtisch sitzend, auch an keines erinnern konnte.
    Ich schätze das spricht dafür, dass ich mir meinen Lesestoff schon recht gut aussuche.

    Dieses Buch hier hast Du Dir ja nicht selbst ausgesucht.
    Es klingt aber auch nicht, als wäre es etwas für mich. Es scheint nicht gerade geschrieben zu sein, um auf einfache Weise viele Menschen zu erreichen, nicht wahr?

  3. Liebe Andrea,

    gute Literatur muss für mich nicht unbedingt einfach sein – sie kann ruhig auch mal fordern. Bei Weißes Rauschen habe ich mich von Uli Wittstock aber als Leser etwas allein gelassen gefühlt und das hat es für mich wohl etwas ungenießbar gemacht. Aber ich kann dir zustimmen, das Buch wurde nicht geschrieben, um viele Menschen zu erreichen. 🙂

    Viele Grüße,
    Janine

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