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Die Graphic Novel Albert von Sebastian Jung

Literatur ist vielfältig. Als Buchbloggerin ist es mir wichtig, diese Vielfalt selbst zu erfahren, zu erforschen und in gewisser Weise auch zu verkosten. Bisher habe ich mich an noch keine Graphic Novel gewagt und schon gar nicht an eine Rezension einer solchen. Was macht man als Rezensent mit den ganzen Bildern beziehungsweise Zeichnungen? Fehlt da nicht der Text? Ich begebe mich im kommenden Herbst und Winter auf eine Entdeckungstour durch das Genre der Graphic Novel. Und vielleicht bleibt es nicht nur bei einer Tour – du und ich werden es schon sehen. Zumindest habe ich bei der ersten Graphic Novel, die ich gelesen habe, schon einmal gelernt, dass Graphic Novel und Roman einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben: Das Erzählen einer Geschichte. Den Kern von „Albert“ von Sebastian Jung bildet die Lebensgeschichte von Sebastians Großvater Albert.

Das Leben von Albert Jung

Emma Jung brachte gegen Mittag des 16. Februar 1922 Albert auf die Welt. Nur 3 Tage nach der Geburt starb Emma. Albert war das 14. Kind von Herrmann und Emma, allerdings sind schon 2 Geschwister tot gewesen als Albert geboren wurde. Alberts älteste Geschwister hatten selbst schon Familien. Im Alter von 9 Jahren starb auch Alberts Vater Herrmann bei einem Grubenunglück. Albert war nun Vollwaise und kam bei seinem zweitältesten Bruder Emil unter. Emil war Gewerkschaftsmitglied und politisch links gesinnt; er hatte einen enormen Gerechtigkeitssinn und kämpfte auch dafür. Diese Haltung übertrug Emil auf Albert.

Die schönsten Jahre seines Lebens verbrachte Albert auf einen Bauernhof in Holzhausen bei Paula und Gustav, hier arbeitete er als Jungknecht und verdiente sein erstes Geld. Aber nicht nur das – zum ersten Mal in seinem Leben war Albert angekommen, hatte ein Zuhause und jemanden, der sich wirklich um ihn kümmerte. Paula und Gustav ermöglichten Albert sogar die Ausbildung zum Landwirt; sie bezahlten die Ausbildung sogar. Albert strengte sich sehr an, er wollte unbedingt Bauer werden – eine andere Option hatte er überhaupt nicht. Leider wurde dieses Glück zerstört durch den Angriff der Deutschen auf Polen im September 1939. Kurze Zeit nach Kriegsbeginn beschloss Alberts Vormund, sein Onkel Ferdinand, dass Albert zur Wehrmacht gehen sollte und melde Albert daher für den freiwilligen Kriegsdienst an. Aus der Traum von einer Ausbildung zum Landwirt.

Gehorsamkeit und Pflicht

Es deutet sich schon in den ersten Jahren von Alberts Leben an – Albert tut das, was man von ihm verlangt und erduldet die Entscheidungen, die Andere für ihn fällen. Eine andere Wahl hatte er schließlich nicht. Die Ausbildung zum Landwirt war der größte Wunsch von Albert. Tatsächlich? Eigentlich weiß das keiner, denn nach seinen Wünschen wurde er überhaupt nicht gefragt. Er hängte einfach an das sein Herz, was der richtige Weg erschien, der machbare Weg. Das ist so ganz anders als die Geschichten junger Menschen heute. Heute gibt es zu viele Optionen, zu viel Machbares und man kann sich gar nicht richtig entscheiden.

Als Leserin erfahre ich überhaupt nicht, welche Pläne Albert vielleicht mal hatte. Ob er Träume hatte. Was ich allerdings ziemlich deutlich erlebe beim Lesen sind die Zwänge, denen Albert fast sein ganzes Leben lang ausgesetzt war. Zwischendurch kam mir der Gedanke, ob Albert sich wirklich nicht wehren konnte. Warum hat er sich gerade in seinen jungen Jahren immer so gefügt? Aber es ist leicht, aus der Distanz zu kritisieren – wer weiß, was ich gemacht hätte.

Die Familiengeschichte von Sebastian Jung

Sebastian Jung wollte mit der Graphic Novel „Albert“ seinen Großvater ein Denkmal setzen. Der Vater von Sebastian, Eberhard Jung, wurde auch eingespannt in dieses Familienprojekt: Eberhard ist der Erzähler. In der Graphic Novel finden sich nicht nur Zeichnungen von Sebastian Jung, sondern auch persönliche Dokumente und Fotos aus dem Leben von Albert Jung. Das ist richtig spannend und irgendwie auch wunderschön.

Mit der Graphic Novel haben Sebastian und Eberhard Jung auch ein Stück die Beziehung zum Großvater verarbeitet, so scheint es mir zumindest. Albert Jung war nach den Entbehrungen seines Lebens eher ein verschlossener Mensch, so richtig kam keiner an ihn heran. Beim Lesen der Graphic Novel musste ich auch immer wieder Vergleiche zwischen meinem eigenen Großvater und Albert ziehen. Mein Großvater war jünger, musste selbst nicht als Soldat im Krieg deshalb kämpfen, hat den Krieg aber sehr wohl erlebt. Zu keiner Zeit im Leben konnte ich meinen Opa als verschlossen bezeichnen. Das Nachdenken über die eigene Familiengeschichte kommt unweigerlich beim Lesen dieser bewegenden Graphic Novel.

Fazit

Sebastian Jung ist mit der Graphic Novel „Albert“ eine ergreifende und sehr menschliche Aufzeichnung der Lebensgeschichte seines Großvaters gelungen.

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