Kapri-zioes

Weshalb die Herren Seesterne tragen oder Schrulligkeit zum Quadrat

Bruttonationalglück, das (n.): die Messung des Lebensstandards in humanistischer und psychologischer Art und Weise.

In Bhutan wird die Welt anders gesehen. Das Bruttoinlandsprodukt als Indikator für den Wohlstand der Gesellschaft hat ausgedient, stattdessen wird dort nicht mehr die Wertschöpfung, sondern das Glück der Menschen gemessen. Eigentlich ist das eine Revolution, die alle Volkswirte in den Industrieländern umhauen müsste, aber bisher scheint sich so richtig nur Karl aus „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ von Anna Weidenholzer dafür zu interessieren. Karl ist ein älterer Mann mit viel Zeit und nachdem er im Fernsehen eine Dokumentation über die Messung des Glücks in Bhutan gesehen hat, hält es ihn nichts mehr auf seinem durchgesessenen Sofa.

Die Erforschung des Glücks

Karl ist unruhig. Er möchte wissen, wie es um die Gesellschaft steht, in der er lebt. Deshalb lässt er sich den Fragebogen aus Bhutan von seinem Sohn Helmut ausdrucken. Natürlich muss Karl den Fragebogen noch auf Deutschland anpassen und vor allem möchte Karl nicht das Glück messen, sondern eher die Zufriedenheit. Das ist ihm wichtig, denn der Begriff Glück könnte alle nur auf falsche Gedanken bringen – dieses starke olle Wort. Alle langweiligen Volkswirte werden Karl zu seiner Entscheidung beglückwünschen. Die erste Probandin hat Karl schnell gefunden: Seine Frau Margit wird zu ihrem Leben und ihren Ansichten befragt. Das dauert mehrere Stunden, ist ja schließlich der erste Versuchsdurchlauf.

Hätte Margit gewusst, dass die Befragung Karl nur noch aufgeregter macht, hätte sie sich garantiert nicht interviewen lassen. Karls Fragebogen ist fertig und nun muss er mit der Datenerhebung beginnen. Deshalb fährt er eines Tages, als ihn die Unruhe nicht mehr loslässt, einfach los ohne Margit Bescheid zu sagen. Eines Morgens setzt sich Karl ins Auto und beginnt seine Forschungsreise.

„Weshalb die Herren Seesterne tragen“ – Eine Fahrt in die Provinz

Anna Weidenholzer beginnt ihren Roman mit Karls Rückfahrt aus seinem ersten Versuchsort zurück zu seiner Frau Margit. Die Kapitelüberschriften sind die noch übrigen Kilometer der Strecke. Auf der Fahrt erinnert sich Karl an die Erlebnisse seiner Expedition zur Erforschung der Zufriedenheit. Als Quartier hat er sich dafür das Gasthaus „Zur Post“ ausgesucht bei einer Wirtin, die ihn eigentlich nicht hat dahaben wollen. Als Karl sagte, er wolle für 2 Wochen bleiben, zeigte sie ihm das schäbigste Zimmer, in der Hoffnung, er möge wieder abziehen und sie müsste nicht extra für ihn einheizen. Daraus wurde nichts, denn Karl ließ sich nicht beirren und war einverstanden, immerhin hatte er eine wichtige Mission zu erfüllen.

Also die Mission war für Karl allein wichtig, fast alle anderen Menschen waren der Zufriedenheitsforschung gegenüber eher skeptisch. Deshalb fand Karl auch nur schwer Probanden, besonders die Frauen machten ihm Probleme – keine wollte sich befragen lassen. Als Leserin kann ich das nachvollziehen, denn es muss schon sehr seltsam sein, wenn ein ortsfremder alter Mann einen mehrere hundert Fragen stellen möchte über alle Details des eigenen Lebens. Ich würde das nicht wollen. Karl tat sich schwer mit der Zufriedenheitsforschung, er dehnte seine Reise immer weiter aus. Margit ging dann schon gar nicht mehr ans Telefon, so wütend schien sie zu sein.

Kein Ende der Schrulligkeit

Aber auch wenn Margit wütend war, Karl dachte dennoch immer wieder an ihre Ratschläge während seiner Befragungen. Margit ist in „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ allgegenwärtig und ihre Ratschläge sind immer die langweiligsten. Generell erfasste mich beim Lesen von „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ eine große Langeweile. Die Handlung in diesem Buch ist sehr überschaubar, eigentlich passiert nichts. Selbst als Karl dann zu den Geheimnissen des Kaffs vordringt, passiert nicht viel. Denn Karl will auch gar nicht so richtig wissen, was für schmutzige Dinge in der Vergangenheit vorgefallen sind, er möchte sich nicht einmischen, denn er ist der objektive Forscher.

Die Gedanken von Karl sind wirr und deshalb passt Anna Weidenholzer ihre Schreibweise daran an. Gedanken hören mitten im Satz auf, wörtliche Rede und innerer Monolog vermischen sich und dazwischen kommt Margit mit einem klugen Ratschlag. Das Buch „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ strengte mich beim Lesen an, ohne dass es mir etwas gab als Leserin. Auf der Rückseite des Buchs steht „Eine Reise zur Erforschung des Glücks wird zu einer Tiefenbohrung in die Seele unserer Gesellschaft, ihrer Ängste, Zweifel und ihres Glücks.“ Für mich war das keine Tiefenbohrung zur Erschließung von Erdöllagerstätten, sondern eine Punktion, um Gelenkflüssigkeit aus dem menschlichen Knie zu untersuchen.

Fazit

„Weshalb die Herren Seesterne tragen“ von Anna Weideholzer ist ein langweiliger und schrulliger Roman. Für mich ist es fraglich, ob das Buch zurecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 steht.

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