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Die Verteidigung des Paradieses – Ein Buch von Thomas von Steinaecker

Vergangenes Jahr auf der Longlist vom Deutschen Buchpreis 2015 stand das Buch „Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle. Eine Dystopie. Es war eines der wenigen Bücher, die ich von der Longlist damals gelesen und rezensiert habe. Irgendwie interessieren mich die dystopischen Romane immer ganz besonders. So ist auch „Die Verteidigung des Paradieses“ von Thomas von Steinaecker das erste Buch, welches ich von der Longlist 2016 lese. Das Thema Untergang geht eben immer.

Heinz lebt im Paradies?

Viel gibt es nicht mehr in Deutschland. Das Land ist zerstört und kontaminiert, gefährliche Banden rauben die letzten Überlebenden aus und zu guter Letzt kreiseln Drohnen am Himmel, die auf Menschen feuern. Heinz hat es gut getroffen in diesem Deutschland, denn er lebt mit einer kleinen Gruppe in einem Alpenreservat, dass noch intakt ist. Das Leben ist mühevoll, aber durch den Anbau von Obst und Gemüse und die kleine Rinderherde haben alle genug zu Essen. Um Trinkwasser braucht sich auch keiner Gedanken machen, denn die Bäche im Reservat rauschen kraftvoll und sind klar. Das Alpenreservat ist eine kleine unentdeckte Insel inmitten einer untergegangenen Zivilisation.

Heinz ist 15 Jahre alt und das einzige Überbleibsel aus der Zeit vor dem Untergang ist ein elektronischer Spielzeugfuchs – Der Fennek. Er weiß kaum etwas über das Deutschland, wie es früher einmal war. Heinz sind nur noch Erinnerungsbruchstücke geblieben und die Hoffnung, dass irgendjemand aus seiner Familie doch noch lebt. Aber jetzt geht es ihm gut. Zum Geburtstag hat er eine Rarität bekommen: Eine hellblaue Tafel Rittersportschokolade in der Geschmackrichtung Alpenmilch und Schreibhefte, in denen er die Chronik der Gruppe festhalten kann für die Nachwelt.

Der Chronist der Gemeinschaft

Die Notizhefte faszinieren Heinz sehr. Er freut sich wie wahnsinnig über das bisschen Papier, das für mich eigentlich selbstverständlich ist. Heinz fasst einen Plan, er möchte das bewahren, was er erlebt und er möchte die letzten Erinnerungen aus dem unzerstörten Deutschland für die Nachwelt aufschreiben. Er möchte Wörter retten, er sammelt sie und schreibt sie in unzusammenhängenden Listen auf. Alles, was in diesen Notizbüchern steht, kann nicht verloren gehen.

Aber eigentlich geht ziemlich viel Wissen verloren, denn die Gemeinschaft kann nur noch aus dem schöpfen, woran sie sich erinnern können. So etwas wie Internet oder Bücher gibt es auf der Alm nicht. Thomas von Steinaecker warf für mich eine interessante Frage auf: Was ist, wenn der Mensch sein Wissen nicht mehr haltbar machen kann? Jede Generation muss sich ihre Kenntnisse wieder selbst erarbeiten oder bekommt hoffentlich vieles mündlich von den Alten beigebracht. Nichtsdestotrotz geht durch die „mündliche Überlieferung“ viel verloren, was die Gesellschaft sich eigentlich schon angeeignet hatte.

Eines Menschen Würde

„Die Verteidigung des Paradieses“ wäre keine Dystopie, wenn Heinz die ganze Zeit auf dem letzten heilen Fleck Erde leben könnte, was noch existiert. Die Technik versagt und die Alm ist nun nicht mehr das Paradies, sondern gleicht sich der verstrahlten Ödnis um sie herum an. Die Gemeinschaft muss sich entscheiden – weiterhin auf der Alm versuchen zu leben und mit Sicherheit irgendwann sterben oder den Versuch unternehmen und einen Ort finden, der noch lebenswert ist. Bisher konnte die Gemeinschaft würdevoll leben. Keiner musste einen anderen Menschen töten, weil er sonst verhungert wäre, denn Essen gab es auf der Alm ausreichend.

Was aber passiert, wenn die Gemeinschaft auf Räuberbanden trifft oder sogar nur auf ganz gewöhnliche andere Menschen, die auch nur versuchen zu überleben? Kann die Menschenwürde bewahrt werden? „Die Verteidigung des Paradieses“ befasst sich in besonderer Weise mit dem Thema der Würde. Ich habe gern gelesen, wie die Gemeinschaft immer weiter sich von ihren Idealen entfernt oder besser gesagt entfernen muss, denn am Ende ist es doch immer die Entscheidung für das Überleben. Und ich bin froh, über die Menschlichkeit, die Thomas von Steinaecker seinen Figuren dann doch zugesteht. So etwas wie Liebe und Fürsorge ist auch während des Untergangs möglich.

„Die Verteidigung des Paradieses“ habe ich immer auch mit einem kleinen Schauer lesen müssen. Es ist sehr spannend sich das alles vorzustellen, wie es wäre, wenn die heutige Wohlstandgesellschaft nicht mehr wäre. Thomas von Steinaecker hat Deutschland als Handlungsort gewählt und das macht es umso leichter, sich in die Umgebung hinein zu versetzen, denn auch immer werden real existierende Orte genannt vom Autor. Das Buch habe ich regelrecht verschlungen, denn die leise Angst trieb mich an und ich wollte wissen, was mit Heinz und der Gemeinschaft passiert. „Die Verteidigung des Paradieses“ kann aber nicht nur auf das Genre Unterhaltungsliteratur beschränkt werden, denn dafür stellt Thomas von Steinaecker zu gut die Frage nach der Würde des Menschen.

Fazit

Das Buch „Die Verteidigung des Paradieses“ von Thomas von Steinaecker ist berechtigterweise auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 gelandet und ich bin traurig, dass es das Buch nicht auch auf die Shortlist geschafft hat.

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