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Michelle Steinbeck – Die perfekte Dilettantin

Im Rahmen des Deutschen Buchpreises finden immer auch Blind-Date-Lesungen statt. Das ist für die Zuhörer der Lesung ein bisschen wie eine Wundertüte. Denn es ist vorher nicht bekannt, welche der 20 nominierten Autorinnen und Autoren von der Longlist liest. In diesem Jahr wurde in 7 Buchhandlungen in Deutschland eine solche Blind-Date-Lesung veranstaltet. Und in der Vogtländischen Buchhandlung in Reichenbach fand eine davon gestern Abend statt. In der Hoffnung, dass nicht Sibylle Lewitscharoff liest, habe ich die etwa 40 Minuten Fahrzeit über die Autobahn gern auf mich genommen.

Ich hatte Glück. Die Lewitscharoff blieb daheim und stattdessen las Michelle Steinbeck für uns. Für uns – das klingt persönlich und so war es gestern Abend auch in der Vogtländischen Buchhandlung mit 18 Lesungsgästen. Ein Großteil der Gäste kannte sich persönlich, scheint sich öfter bei einer Lesung in Reichenbach zu treffen, aber beäugt auch „Fremde“ nicht argwöhnisch. Zu Beginn der Lesung wurde verraten, dass die Vogtländische Buchhandlung nun schon 3 Jahre auf diese Blind-Date-Lesung wartet – denn solange stand sie auf der Warteliste.

Michelle Steinbeck

Eine sehr persönliche Lesung mit Michelle Steinbeck

Dann begann Michelle Steinbeck zu lesen. Das erste Kapitel aus ihrem Debüt-Roman „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“ war für das Auditorium sehr verstörend. Der Einstieg endet brutal mit einer Kinderleiche in einem Koffer. Die Gäste waren überwiegend weiblich, viele davon selbst Mutter und leicht schockiert. Dieser Schockzustand hielt aber nur wenige Minuten an. Zu sympathisch beantwortete Michelle Steinbeck die Fragen der Buchhändlerin Elke Matthes-Lippmann. Es wurde nach dem Bezug zum Vater von Michelle Steinbeck gefragt, wofür das tote Kind steht oder zum Beispiel wie autobiografisch die Inhalte des Romans sind.

Bei der Lesung habe ich gelernt, dass „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“ kein Schubladen-Roman ist. Eine eindeutige Kategorie gibt es nicht. Michelle Steinbeck betitelte ihr Buch als „Entwicklungsroman“. Aber so richtig stimmt auch das nicht, denn sie musste sich nur etwas ausdenken, um ihr Buch einem Verlag verkaufen zu können. Menschen brauchen schließlich Anker, an denen sie sich festhalten können. Das Debüt von Michelle Steinbeck ist keinesfalls ein Buch, welches sich halb gedankenlos weg lesen lässt. Es muss Zeile für Zeile gelesen werden.

Michelle Steinbeck 1

Michelle Steinbeck mühte sich während ihres Studiums in „Literarisches Schreiben“ zunächst mit einem Familienepos ab. Die Ansprüche waren hoch, alles musste möglichst „echt“ sein. Das machte Michelle Steinbeck krank, denn ihre Familie und die nähere Umwelt wurde zwangsläufig zu Romanmaterial degradiert. So würde das nichts werden mit dem eigenen Buch. Die Grundlage für „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“ wurden Träume. Die Bilder aus ihren eigenen nächtlichen Träume verarbeitete Michelle Steinbeck immer weiter bis sich daraus die Geschichte um Loribeth mit dem toten Kind in ihrem Koffer entstand. Durch diesen Aufbau kann jeder Leser seine eigenen Assoziationen in das Buch bringen. Der russische Autor Daniil Charms inspirierte Michelle Steinbeck.

Ich bin froh, dass ich mir die Zeit genommen habe, diese Lesung in Reichenbach zu besuchen. Denn ähnlich wie bei den Büchern von Daniil Charms lässt sich auch Michelle Steinbecks Buch wesentlich besser erschließen, wenn man die Lebensumstände des Autors bzw. der Autorin kennt. Es war ein charmanter Abend. Michelle Steinbeck liest hervorragend, die Betonung sitzt und es gibt keine Fehler beim Vorlesen. Und das obwohl sie noch nicht unzählige Male vor Publikum aus ihrem Buch vorgelesen hat. Denn Michelle Steinbeck überlegte bei jeder Frage wirklich, sie suchte gute Antworten und war sehr ehrlich dabei. Als Autorin ist Michelle Steinbeck noch nicht routiniert und glattgeschliffen, aber sehr wohl professionell. Michelle Steinbeck hat als perfekte Dilettantin* die persönlichste Blind-Date-Lesung im Rahmen des Deutschen Buchpreises gegeben.


*Der Ausdruck „Dilettantin“ ist keinesfalls negativ gemeint. Er bezieht sich auf den interessanten Artikel «Wir sind eine gewalttätige Gesellschaft» bei Tilllate.

3 Kommentare

  1. Reichenbach ist 10 Minuten von mir entfernt, und ich hatte das mit der Lesung dort absolut nicht auf dem Schirm. Ich bin mal weg, mich in den Allerwertesten beißen. ^^
    Toller Beitrag <33

    Liebe Grüße, Katja

  2. Ich überlege die ganze Zeit schon Michelle Steinbeck zu lesen. Das Buch wird ja doch immer wieder erwähnt wobei mir das tote Kind im Koffer doch Sorgen bereitet.
    Deinen Bericht fand ich richtig gut und sehr interessant. Er hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht und mir einen neuen Aspekt gezeigt. Ich werde mich wohl mal ranwagen.

  3. Liebe Katja,

    ich habe die Lesung auch nur durch Zufall entdeckt, weil ich auf der Seite des Deutschen Buchpreises nach den Veranstaltungsorten der Blind-Date-Lesungen geschaut habe. Da hatte ich natürlich schon den Plan, zu sowas zu gehen, wenn es machbar ist. 😉

    Viele Grüße,
    Janine

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