Kapri-zioes

Wie ich mit einem Buch mein Leben neu begann

Jetzt gerade bin ich 25 Jahre alt. Seit dem ich 14 Jahre alt war, habe ich ständig etwas mit der Buchbranche zu tun gehabt, habe mich vom Marketing der Verlage verführen lassen und ich habe selbst andere zu Büchern verführt – egal ob mit meinem Literaturblog oder bei meiner Arbeit im Buchhandel. Jetzt führe ich also schon mehr als 10 Jahre eine besondere Beziehung zur Literatur. Mit 14 Jahren machte ich ein Praktikum in einer Kleinstadt-Buchhandlung und danach war ich jedes Jahr mindestens einmal dort in den Ferien arbeiten bis ich mein Abitur hatte. Für mich war es das Paradies oder zumindest verkläre ich es so in der Nostalgie. Ich durfte jeden Tag die Pakete voll mit neuen Büchern auspacken und am Nachmittag habe ich die Kasse im Laden bedient und mich mit den Kunden unterhalten. Und niemand hat dabei gedrängelt, die wenigsten Kunden waren schlecht gelaunt oder in besonderer Eile.

Ein Leben für den Buchhandel?

Mit etwa 18 Jahren kam also für mich gar nichts anderes infrage als der Buchhandel, umso glücklicher war ich als ich einen der raren Plätze für ein duales Studium in Betriebswirtschaftslehre bei einem großen deutschen Buchhändler bekommen habe. Die Karriere im Buchhandel war sozusagen vorbestimmt. Aber als ich zum ersten Mal das Weihnachtsgeschäft in einer recht anonymen Großbuchhandel erlebte, war der Zauber irgendwie vorbei. Ich habe gemerkt, dass ich niemand bin, der permanent neue und fremde Menschen bespaßen kann. Der Buchladen war in einem Einkaufszentrum auf der „grünen Wiese“, so gab es kaum Menschen, die als Stammkunden gelten konnten, die man genauer kennenlernen konnte. Es lief eben alles anders als in meinem romantischen Buchtraum aus der Kleinstadt. Vielleicht war ich einfach nur zu naiv.

Ich war also gefühlt an einem von fünf Tagen ein guter Verkäufer, an den anderen strengte mich der Buchhandel unglaublich an. Es war einfach nicht das Richtige für mich – Langeweile und Stress wechselten sich ungünstig ab. Ich hatte den Beruf irgendwie verfehlt, obwohl ich täglich mitten im Paradies für Bücherwürmer stand. Zumindest die riesige Auswahl an Büchern tröstete mich etwas und die Aussicht, dass ich ja nicht für immer im Laden stehen müsste. Manchmal passierten auch wirklich schöne Dinge – genau dann, wenn ich ein neues tolles Buch entdeckte.

Ein Schatz? Vielleicht mein neues Lieblingsbuch?

Wenn man eine so richtige Hardcore-Bibliophile wie mich nach ihrem Lieblingsbuch fragt, dann ist der schiefe Blick einem gewiss. Ich möchte dann jedes Mal schnippisch sagen: Geht´s noch? Es gibt so viele schöne Bücher – wie um alles in der Welt sollte ich da ein einziges über alle anderen heben? Aber stattdessen kommt meist kleinlaut: Ich habe keines, aber ich kenne viele tolle Bücher. Das ist dann wohl auch nur die halbe Wahrheit, denn mittlerweile denke ich, dass es für jeden Lebensabschnitt das richtige Buch gibt. Ein besonderes Buch, was besonders gut zu den aktuellen Hürden passt, Kraft gibt und (so bescheuert es klingt) hilft. Am Ende meines dualen Studiums war das für mich „Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl.

Es erschien einige Tage vor meiner feierlichen Exmatrikulation, einem Tag, auf den ich schon lange hin fieberte. Ich war entspannt und zugleich unglaublich aufgeregt, weil demnächst ein neuer Lebensabschnitt für mich beginnen würde. Und ich hatte irgendwie auch Angst. Ganz allein würde ich wieder in eine neue Stadt ziehen, wie schon 3 Jahre davor und ich müsste mir wieder neue Freunde und neue Lieblingsorte suchen. Noch dazu würde ich so richtig an einer größeren Universität studieren, ich wusste noch gar nicht, was das eigentlich bedeutet. Ein duales Studium fühlt sich eher wie Schule an: Du bekommst deinen Stundenplan fest vorgegeben, sitzt mit den etwa 20 anderen Mitstudenten vormittags und nachmittags im gleichen Raum und auf jeden wichtigen Termin wirst du etwa dreimal hingewiesen. An einer Uni ist das utopisch. Im Angesicht dieser drastischen Veränderungen in meinem Leben haben mich die ersten Sätze von „Die amerikanische Nacht“ sofort in Geiselhaft genommen:

Todesangst ist so überlebenswichtig wie die Liebe. Sie berührt den Kern unseres Daseins und lässt uns erkennen, wer wir wirklich sind. Trittst du einen Schritt zurück und schließt die Augen? Oder hast du die Kraft, dich dem Abgrund zu nähern und hinabzusehen? Willst du wissen, was dort unten ist, oder willst du in der dunklen Illusion leben, in der uns diese Welt des Kommerzes eingeschlossen hält wie ein ewiger Kokon in seinem Inneren die blinden Raupen? Wirst du dich mit geschlossenen Augen zusammenrollen und sterben? Oder kannst du dich davon befreien und fliegen? (aus „Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl, Seite 5)

Im Buch geht es um den verrückten Filmemacher Stanislas Cordova. Seine Tochter Ashley wurde tot in einer alten Lagerhalle aufgefunden und der Journalist Scott ist besessen davon, zu beweisen, dass Cordova seine Tochter selbst umgebracht hat. Die Realität verschwimmt immer mehr und das ganze Buch ist ein elender Strudel, dem ich damals nicht widerstehen konnte. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass gleichzeitig so spannend und so lebensklug war. Der Kern des Buchs handelt von den Dingen im Leben, die wirklich wichtig sind und das ist definitiv nicht der Konsumwahn.  Für mich kam „Die amerikanische Nacht“ genau zu richtigen Zeit, genau dann als ich mit der bunten Welt des Buchhandels abschloss.


Diesen Artikel habe ich im Rahmen der Blogparade Lieblingsbuch #liebu von Lilienlicht verfasst. Das vorgestellte Exemplar von „Die amerikanische Nacht“ der Autorin Marisha Pessl bezieht sich auf die Hardcover-Ausgabe in der ersten Ausgabe aus dem S. Fischer Verlag.