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Die Nachtigall von Kristin Hannah oder Was ist dran am Mega-Bestseller aus den USA?

Ich möchte mich nicht so sehr von großen Trends und Hypes beeinflussen lassen. Jeden Tag setze ich große Bemühungen daran, nicht einfach das unkritisch super gut zu finden, was alle anderen gerade super gut finden. Eine eigene Meinung haben, auch mal unkonventionell sein und in jedem Fall furchtbar individuell sein. Aber ich lebe nicht im luftleeren Raum – als Bloggerin schon gar nicht, wenn so ziemlich täglich die neusten Meldungen des Literaturbetriebes auf Twitter, Facebook, Instagram und Printmedien auf mich einprasseln wie die Kugeln einer MG 42, das von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verwendet wurde.

Der Vergleich mit dem Maschinengewehr ist ziemlich treffend, denn auch „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah durchbohrt das Leserherz treffsicher. 2015 löste dieser Roman einen richtigen Lesehype in den USA aus und nun wurde das Buch auch ins Deutsche übersetzt. Um nochmal zu rekapitulieren, was Hype in diesem Fall ganz konkret bedeutet, habe ich mir dir Amazon.com-Rezensionen angesehen. (Und ich bin wirklich kein Amazon-Fan.) Aktuell gibt es über 27.000 Rezensionen und 86% davon haben „Fünf Sterne“ vergeben, im Durchschnitt hat „The Nightingale“ 4,8 Sterne. Um die Lesermeinungen in den USA kurz zusammenzufassen: Nahezu jeder, der „Die Nachtigall“ gelesen hat, fand das Buch prima. Ich bin ziemlich gespannt, wie die deutschen Leser den Roman finden werden angesichts dieser Zahlen.

„Die Nachtigall“ – Wie leiste ich am besten Widerstand gegen die Nazis?

Kristin Hannah schreibt ihre Geschichte aus Sicht zweier junger Französinnen im Zweiten Weltkrieg und beginnt im Jahr 1939: Viannes Mann, Antoine, hat gerade den Bescheid bekommen, dass er in die französische Armee eingezogen wird, um gegen die Deutschen in den Krieg zu ziehen. Eine heile Welt bricht zusammen. Das Unheil hängt wie eine fiese Gewitterwolke über dem Kapitel, denn der Erste Weltkrieg war noch nicht sehr lang Geschichte. Man wusste, was Krieg bedeutet: Im besten Falle Krüppel als Ehemänner, wenn die Männer nicht im Schützengraben ihren Tod finden. Im Winter wird es Hunger geben, denn in Kriegszeiten gibt es nie genügend zu Essen für alle. Kinder wachsen ohne ihre Väter auf und Familien werden zerrissen.

Dann gibt es da noch Viannes jüngere Schwester Isabelle, die noch zusätzlich an der Kaputtheit der Familie krankt. Die Mutter ist tot, der Vater ist nach dem Ersten Weltkrieg nur noch ein Schatten und Vianne wollte Isabelle auch nicht wirklich bei sich haben. Isabelle wurde in der Folge in Internate zu irgendwelchen Nonnen abgeschoben, aber wirklich lange dauerte es nicht, bis Isabelle von der Schule flog. Was macht man ohne richtiges Zuhause und mit einem Vater, der sich nicht für einen interessiert? Isabelle versucht es trotzdem weiter! Nach einem erneuten Rausschmiss aus einer Klosterschule reist Isabelle zu ihrem Vater nach Paris. Aber wir haben das Jahr 1939 und die Deutschen kommen, also schickt der Vater Isabelle lieber zu ihrer Schwester Vianne aufs Land, bevor Paris besetzt wird. Auf dem Land gibt es schließlich mehr Lebensmittel und die Gefahr ist wahrscheinlich geringer.

Die Nachtigall von Kristin Hannah 1

Einer der schönsten Buchanfänge, die es gibt:

Wenn ich in meinem langen Leben eines gelernt habe, dann ist es Folgendes: In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind. (aus „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah, Seite 7)

Ungleiche Geschwister – schreckliche Zeiten

Konflikte hat Kristin Hannah schon vorprogrammiert, sie hat die zwei unterschiedlichsten Personen, die jemals gelebt haben zu Geschwistern gemacht: Vianne ist ruhiger, pflichtbewusst und etwas ängstlich; Isabelle ist mutig, ein wenig naiv und in jedem Fall unerschrocken. Beide wechseln sich im Buch ab – manchmal gibt es Kapitel aus Viannes Sicht und dann auch wieder aus Isabelles Perspektive. Genau das erzeugt eine spannende Dynamik: Zwei unterschiedliche Personen müssen mit dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges zurechtkommen. Natürlich tut das jeder auf seine Weise. Es ist wenig verwunderlich, dass Isabelle sich sehr schnell nachdem die Deutschen Frankreich besetzt haben und die Vichy-Regierung gebildet wurde, dem Widerstand (der Résistance) anschließt.

Für Isabelle war der Waffenstillstand ein fauler Kompromiss: Marschall Pétain versuchte die Verluste auf französischer Seite gering zu halten und verhandelte mit den Nazis. Im Ergebnis war die eine Hälfte Frankreichs besetzte Zone und die andere blieb unbesetzt. Die Franzosen durften vom Kurort Vichy aus regieren, war aber wohl auch nur Marionetten des Deutschen Reichs. Isabelles Kampfgeist erwachte erst so richtig als sie heimlich eine Radiosendung mit einer Rede von General Charles de Gaulle hörte, der sagte, dass Frankreich weiterkämpft im Untergrund.

Die Nachtigall von Kristin Hannah 2

Literatur, die bewegt

Kristin Hannah hat ein wundervolles Talent zu schreiben. Mir kommen selten Bücher unter, die so mitreißend, lebendig und atmosphärisch geschrieben sind. Die unverzeihlichen Taten der Nazis tragen ihr übriges zum Roman bei. Die Angst spielt in fast jedem Kapitel von „Die Nachtigall“ mit – manchmal etwas diffus und dann aber wieder ziemlich deutlich, spätestens dann wenn die Nazis mit der Deportation der Juden in Frankreich beginnen.

„Die Nachtigall“ ist zurecht in den USA gehypt worden, Kristin Hannah hat großartige Unterhaltungsliteratur geschrieben.  Über die gesamten 600 Seiten wurde ich als Leser fest im Griff gehalten von diesem Buch. Ich freute mich schon jeden Tag darauf, wenn alle meine Arbeiten erledigt waren und ich endlich weiterlesen konnte. In letzter Zeit habe ich nicht sonderlich viel Zeit zum Lesen und es ist eine Seltenheit, dass ich ein 600 Seiten Buch innerhalb von drei Tagen lese, aber „Die Nachtigall“ hat auch mich in ihrer Intensität beeindruckt. Noch zwei Tage später musste ich an den Ausgang der Geschichte denken. Und wenn ich dann daran dachte, dass „Die Nachtigall“ auf der Geschichte einer Belgierin beruht, dann hatte ich gleich Gänsehaut.

Fazit

Der Hype um „Die Nachtigall“ von Kristin Hannah ist vollkommen berechtigt, ich habe die Lektüre wirklich genossen.

Kommentierfrage: Welches Buch hat dich zuletzt umgehauen?

7 Kommentare

  1. Hihi, heute werden wahrscheinlich überall die Rezensionen zu dem Buch online gehen 😀 … Ich fand es übrigens auch ganz großartig – und das passiert mir als langjähriger Vielleserin nicht mehr so oft, dass mich ein Buch wirklich so richtig mitnehmen kann!

    Liebe Grüße
    Ascari

  2. Liebe Janine,
    Danke für diesen Beitrag! Der Buchanfang liest sich wirklich toll!
    Du schreibst, dass Du versuchst, Dich nicht zu sehr von all den Hypes beeinflussen zu lassen. Das merkt man Deinem Blog auch an, finde ich. Eine geniale Fundgrube!
    Im Moment berührt mich „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ zutiefst und wühlt einiges an Fragen und Gedanken auf. Dass das ein Sachbuch schafft – sehr cool! (Ich weiß, Du hast dazu auch geschrieben, aber den Text will ich erst lesen, wenn ich meine Gedanken in eine lesbare Form gebracht habe… 😉 )
    Viele liebe Grüße,
    Frauke

  3. Hallo Janine, wieder eine tolle Rezension Deinerseits, die Lust auf diesen Roman macht! Ich wusste gar nicht, dass Du Dich so gut mit Waffen auskennst. Spitzenromane aus den USA tragen aktuell offensichtlich Vogelnamen, nach dem Distelfink nun die Nachtigall! Also ich werde mir dieses Buch unbedingt zulegen. Liebe Grüsse. Olaf

  4. Ich habe das Buch heute auch bei Twitter entdeckt. Finde das Cover absolut toll.
    Mein Genre ist es nicht so ganz, aber vielleicht lasse ich mich überzeugen und lese es auch mal

    Liebe Grüße
    Lilly

  5. Liebe Janine,

    mir ging´s anfangs wie dir: Ich habe mich gegen „Die Nachtigall“ gewehrt, gerade weil das Buch so gehypt und hochgelobt wurde bzw. wird. Aber dann habe ich es mir doch als Hörbuch angehört, war restlos begeistert und finde das Lob nun völlig gerechtfertigt. 🙂

    Ein anderes Buch, das mich zuletzt umgehauen hat, ist der Jugendroman „Salz für die See“ über vier Jugendliche, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus Polen flüchten und sich auf eine Schiffsreise begeben, die ein schreckliches Ende findet. Dies ist so ein Buch, dem ich mehr Beachtung wünsche und das ich sehr gerne weiterempfehle. 🙂

    Deine Besprechung zur „Nachtigall“ finde ich übrigens großartig.

    Herzliche Grüße
    Tina

  6. Hej Tina,

    vielen Dank für deine Empfehlung „Salz für die See“ – hoffentlich findest es viele Leser! 😉

    Janine

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