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Was es bedeutet, ein Leser zu sein

Ich bin süchtig nach Büchern seit dem Alter von 14 Jahren. In meiner Kindheit hat mir das geschriebene Wort nicht so viel bedeutet. Viel lieber war ich draußen an der frischen Luft mit meinem Fahrrad und habe Jungen geärgert. Oder ich saß mal wieder stundenlang vor dem Fernseher und habe mir Zeichentrickserien gegönnt. Das änderte sich dann schlagartig mit einem Praktikum in einer kleinen Stadtbuchhandlung, aber diese Anekdote möchte ich dir heute gar nicht erzählen, denn ich habe sie bereits für meinen Blog aufgeschrieben.

Das Leben eines Lesers

Seit diesem Schülerpraktikum im Buchladen hat sich mein Leben grundlegend verändert. Ich lese seit über 12 Jahren so viele Bücher, wie ich schaffe. Manchmal lese ich schon vor dem Frühstück, wenn ich noch im Bett liege und nicht wirklich aufgestanden bin. Sehr oft lese ich am späten Nachmittag, wenn ich keine dringenden Dinge mehr erledigen muss. Aber am häufigsten lese ich abends in der Zeit nach dem Abendessen und vor dem Schlafengehen. Dann, wenn normale Menschen sich dem Fernseher hingeben und hypnotisiert Game of Thrones oder irgendeine coole Netflix-Serie anstarren. Genau dann starre ich mindestens genauso hypnotisiert auf Buchseiten und blättere die Seiten um bis mir meine Hand verkrampft oder ich vom Tag müde geworden bin.

Es passiert mir häufig, dass ich entweder in meinem Freundeskreis, in der Uni oder sogar auf Arbeit gefragt werde, ob ich wirklich die Bücher alle lese, über die ich da so auf meinem Blog schreibe. Und wenn ich dann meinen Blick auflege, der eine Mischung aus verwirrt, stolz und „Wie kannst du nur?“ ist, wird die nächste Frage gleich hinterher geschossen: Wie zur Hölle machst du das? Woher nimmst du die ganze Zeit? Die Antwort ist ziemlich einfach: Ich habe die Zeit zum Lesen zum festen Bestandteil meines Alltags werden lassen, in etwa so wie Zähne putzen. Und ich habe gelernt schnell zu lesen. Das ist allerdings eine Folge davon, wenn man ohnehin viel liest. Ich weiß nicht immer, ob diese Fragen aus Bewunderung rühren, aus Neid über meine Belesenheit oder weil für viele Menschen Bücher ein kurioses Relikt aus der Vergangenheit sind, wie zum Beispiel das Hochrad aus dem 19. Jahrhundert. Die wahre Antwort liegt wohl wie üblich im „Kommt darauf an.“.

Lesen heißt auch leiden – Eine Buchpassion

Meine wahren Kämpfe fechte ich als Leser aber selten mit meinen Mitmenschen aus. Es kommt tatsächlich selten vor, dass ich mich mit einem Freund oder einem Bekannten wirklich über ein Buch streiten kann. Die Diskussion über den Inhalt der Bücher führe ich also nicht am Freitagabend am Bartresen, sondern viel eher im Internet mit anderen Viellesern. Aber auch das wird selten haarig. Was mich beim Lesen am meisten fordert und mich manchmal auch ziemlich fertigmacht, ist das Lesen eines Buchs an sich. Denn gerade die schwierigen Bücher, über denen ich stundenlang brüte, die häufig weit über 400 Seiten lang sind, die sind doch die richtig guten Bücher.

Ein Buch, welches sich an ein oder zwei Abenden auslesen lässt, ist schön. Die kurzlebigen Bücher sind die perfekte Unterhaltungsliteratur, meist sind das richtige „Page-Turner“, aber häufig bleibt nach dem Lesen nicht viel übrig. Hingegen die harten Brocken, die ihre Erkenntnisse im bildlich Sinne mit 2 Macheten, von denen ich als Leser fast zerstückelt werde, verteidigen, diese Bücher erhalten einen besonderen Platz im Leserherz. Solche Bücher haben mich nämlich geprägt, mich sogar ein bisschen verändert:

Zum Beispiel hat mir „Die Haltlosen“ von Oguz Atay gezeigt, dass ich vorsichtig sein muss, wenn ich den Sinn des Lebens suche und die ganze Welt in Frage stelle. „S. Das Schiff des Theseus“ brachte mir bei, dass in jeder Geschichte Wahrheit steckt. Und „Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl lehrte mich, das Leben zu lieben und mutig zu sein. Gerade für diese Bücher habe ich viele Stunden gebraucht, um sie zu lesen und zu verstehen. Manchmal hat es mich regelrecht angestrengt und genervt, aber es sind Bücher, die ich für immer behalten werde.


Dieser Artikel entstand im Rahmen der Literaturaktion #buchpassion – Edition: Mein Bekenntnis zum Buch.

Kommentierfrage: Welches Buch hat dich verändert? Und Wie?

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  1. Interessant, dass du es als Kampf empfindest. Für mich sind solche Bücher der eigentliche Grund, warum ich gerne lese. Weil man richtig eintauchen kann in die Geschichte. Alles unter 400 Seiten hat kaum Chancen sich richtig zu entfalten. Ab 700 Seiten wird es meist erst richtig interessant. So zumindest mein Empfinden.
    D.h. aber nicht, dass „kurze“ Bücher nicht auch toll sind. Sie sind Zerstreuung und Unterhaltung. Gut für den Alltag und für Zwischendurch. Und ab und zu entdeckt man unter den kurzen einen ganz großen Schatz, der in unter 700 Seiten so viel Leben versteckt, dass man einfach nur fassungslos ist und hinterher lange braucht um sich auf das nächste Buch einzulassen.
    Ich glaube, das ist mein persönliches Gütekriterium: Wie lange brauche ich nach dem Ende des Buches um das nächste anzufangen. Je länger der Zeitraum, desto mehr hat es ausgelöst.
    LG Lexa

  2. Pingback: #buchpassion – Edition: Mein Bekenntnis zum Buch 9.-11.9.2016

  3. Ich weiß gar nicht, ob es bei mir so „das eine“ Buch gibt, das mich wahnsinnig verändert hat. Aber viele Bücher inspirieren mich. Zum Beispiel hab ich einige im Schrank stehen, die mich total zum Schreiben anregen – seien es Briefe, Prosa oder auch mal Lyrik. Oder Bücher, bei denen ich denke, die dürfen auf keinen Fall mehr gehen, wenn möglich. Bücher, in denen ich zauberhafte Sätze fand. Zum Beispiel Judith Hermann ist so eine Autorin für mich, vor allem mit ihren Geschichten. Inzwischen kommt es fast gar nicht mehr vor, dass mir ein Buch gar nicht zusagt, das ich gelesen habe. Dafür wähle ich zu sehr mit Bedacht in den meisten Fällen. (Außer, ich lasse mich doch mal von einem Hype anstecken, aber das kommt selten genug vor.) Gut für mich, schlecht für den Bücherschrank, weil der Platz natürlich schon lang nicht mehr ausreicht…
    Aber das kennen wir wohl alle, oder?
    Ich bin gespannt, was es zur #buchpassion noch alles zu lesen geben wird und Danke Dir mega für die Idee und Umsetzung! Geniale Aktion! (Auch wenn nun wieder das Real Life wartet und ich vieles wohl erst nachlesen kann…)
    Ganz liebe Grüße,
    Frauke

  4. Manchmal brauche ich ewig für ein Buch, auch wenn es nur 200 Seiten hat. Ich lasse mich manchmal, wenn die Story und der Anspruch es hergibt, mich tief in meiner Seele berühren. Ich genieße dann das Buch wie einen Kaffee, lese ein paar Wörter und gebe ihnen Raum, sich in meinem Kopf zu entfalten und Assoziationen hervorzurufen. Manchmal schweife ich ab, genieße es mich treiben zu lassen, komme dann wieder zurück, genieße die Sprache, das Aroma des Buches, markiere mir schöne Wörter und klingende Sätze, die eine Resonanz hervorrufen. Schreibe manchmal meine eigenen Gedanken auf, lese weiter. Lese die letzten 10 Seiten einfach nochmal, weil es so schön war. Mit dieser Art des Lesens kommt man natürlich nicht vorran. Aber für mich ist es ein Hochgenuss und meine persönliche Krönung der Literatur, wenn ein Buch dies hervorruft. Manchmal möchte meine Seele schreien vor Entzückung und sich ins Abenteuer stürzen. Dann würde ich am liebsten das Buch zu klappen und mich auf die Reise machen.

    Es gab viele Bücher die mich verändert haben. Manchmal habe ich es direkt beim Lesen gefühlt, wie bei Goethe und Schiller, dass ich die Ideen in mich aufsauge und mich beim Lesen weiterentwickle und manchmal habe ich es erst hinterher gemerkt, wie durch ein Buch eine Idee, in meinen Kopf gelangt ist, die dann dort behütet und „ausgebrütet“ wurde. So las ich einmal als Jugendliche ein Buch über das Leben eines Streetworkers und in mir keimte die Idee, auch Sozialarbeiterin zu werden. Von Goethe und Schiller habe ich vor allem meinen Wissens-und Reise- und Freiheitsdrang. Am meisten beeinflusst hat mich wohl am Ende Eat Pray Love, durch das Buch habe ich reflektiert, warum ich eigentlich nicht an Etwas glaubte und dann geschahen wundervolle Dinge 🙂 Heute bin ich ein sehr religiöser Mensch, was ich niemals für möglich gehalten hätte.

    Liebe Grüße, Anja

  5. Janine, dein Artikel hat mich fasziniert und total begeistert, ja ich möchte „sagen“ ich fühle eine kleine Veränderung in mir … , wie, wenn ich einen kleinen Stich einer Biene bekommen hätte – LIES MEHR!!! Deine Geschichte gibt mir einen tollen Ansporn auf Lese-Lust. DANKE SCHÖN!!!
    ABER das kam schon weitaus früher, die Vorliebe für Bücher. Als Kind bekam ich von meiner Oma vorgelesen und als ich selbst die Märchen der Gebrüder Grimm, von Hanni und Nanni und all den anderen, lesen konnte, war es um mich geschehen – ich wurde zum Bücherwurm.
    Mehr von mir erfahrt ihr Morgen auf diesem Blog :-).

  6. Schön, dass es nicht nur mir so geht. Als wäre Zeit, zum Lesen ein Unding. Das schöne ist ja, das Lesen immer und überall geht. In der Badewanne, auf dem Sofa, am Esstisch, im Freien, im Bett, auf dem Klo, im Auto, im Zug, auf der Parkbank, … Die eigentliche Frage ist ja, ob ich lesen WILL. Meistens reicht das schon aus.

  7. Liebe Janine,

    ein aufschlussreicher Artikel, der mir sehr gefallen hat.

    Ich bin so gar keine Schnellleserin, ich brauche immer Muße – so zwischendurch zu lesen, ist nicht mein Ding. Ich lese am liebsten abends bzw. im Bett – da ist alles ruhig, und ich kann herrlich entspannen.

    Zeit zum Lesen schaufle ich mir immer frei, das muss einfach drin sein…

    Viele Grüße

    Rosa

  8. Liebe Anja,

    kennst du schon die 10 Rechte des Lesers? Ich muss sie mir immer wieder ins Gedächtnis rufen. Die schönste Lesezeit ist doch nicht das schnelle Lesen, weil man etwas gelesen haben möchte, sondern das langsame Lesen, weil es tatsächlich um den Inhalt geht. Deine Gedanken zum Lesen sind großartig!

  9. Hallo Frauke,

    ich danke dir für dein Kompliment! Und für deinen Tipp zu Judith Hermann – ich werde gleich mal nachschlagen, was sie so für Bücher geschrieben hat. ^^

  10. Liebe Lexa,

    ich meine Kampf in meinem Artikel auch gar nicht negativ, sondern sehe das ähnlich wie du. Mit Kampf verbinde ich nicht nur Anstrengung, sondern auch Stolz. Irgendwie muss ich da immer an alte Sagen oder irgendwelche Kriegergeschichten aus dem alten Rom denken – für die war das eine Ehre. 🙂 Für mich ist es das auch.

  11. Hallo Janine,

    ein sehr schöner Beitrag, auch wenn sich der „Kampf“ mit dem Buch etwas negativ liest. Ich verstehe schon, worauf du hinaus willst und ich bin bei manchem Klassiker auch immer ein bisschen stolz auf mich, weil ich mich herangewagt und durchgehalten habe. Aber wenn es zu einem richtigen „Kampf“ ausartet – also, wenn ich mich überwinden muss, dann passen das Buch/der Autor und ich wohl nicht zusammen und ich lasse es gut sein.

    Lesezeit. Ja, die hat man, wenn man abends nicht 3 Stunden vorm Fernseher sondern vor einem Buch hängt. 🙂

    Liebe Grüße,
    Nicole

  12. Liebe Janine,

    was für ein schöner Artikel!

    Ich verstehe, was du mit den „harten Brocken“ meinst, allerdings denke ich nicht, dass es unbedingt diese Bücher sind, die uns beeinflussen und verändern. Die Bücher, die mein Leben verändert haben, waren nur selten große literarische Werke. „Fangirl“ zum Beispiel ist ein ehrliches, tiefsinniges und humorvolles Buch, das mir ebenso viel bedeutet wie „Der goldne Topf“ von E. T. A. Hoffmann oder „Emma“ von Jane Austen.

    Und wie schwierig die Thematik eines Buches ist, hängt ja auch nicht vom Umfang ab. Nur einige Beispiele: The Kite Runner, Falling Man, Cry Freedom, Panthertage … Bücher, die mich geprägt haben und die definitiv nicht mehr Seiten benötigen (stell dir mal einen Kafka mit über 400 Seiten vor … da wär selbst ich als Kafka-Fan eher abgeneigt :D). Daher würde ich’s wirklich nicht davon abhängig machen, wie viele Seiten ein Buch hat, ob es ein Brocken ist oder nicht, denn das tut ja gar nichts zur Sache, da es einzig und allein auf den Inhalt ankommt. 🙂

    Liebe Grüße
    Saskia
    whoiskafka.de

  13. Liebe Saskia,

    für mich persönlich ist es schon so, dass mir Bücher mit Seiten meist mehr im Kopf hängen bleiben. Der Inhalt begleitet mich als Leserin dann automatisch länger. Zumindest ist das meine Theorie. Für diesen Beitrag habe ich zuerst die Bücher ausgewählt, die mich wirklich bewegt/verändert haben und dabei gemerkt, dass es alles relativ dicke Bücher sind.

    Viele Grüße,
    Janine

  14. Liebe Janine,
    ich kann es absolut nachvollziehen, wie du das schilderst, wenn man ein anspruchsvolleres Buch liest und dabei eben nicht die Seiten fliegen, sondern Kapitel für Kapitel sorgsam erforscht werden muss.
    Denn solche Bücher haben im Grunde auch nichts anderes verdient, als diesen nicht ganz so leichten Weg für den Leser; die sind einfach nicht dafür geschrieben, dass man dabei entspannen kann, sondern voll und ganz bei der Sache zu sein hat und den Inhalt nicht reinschaufelt, sondern genüsslich und mit dem notwendigen Verstandesgebrauch Stück für Stück verzehrt.
    Wenngleich ich das nicht einmal von der Dicke des Buches abhängig machen würde, sondern vom Anspruch.
    Einen wunderschönen Abend!
    Itchy

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