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Meine geniale Freundin von Elena Ferrante oder Wahre Freundschaft?

Elena Ferrante ist aktuell überall: Im Spiegel mit einem großen Exklusivinterview, im literarischen Quartett, in den Feuilletons der großen Tageszeitungen, viele Literaturblogger schreiben über sie und auf Instagram werde ich förmlich von Fotos ihres Buchs „Meine geniale Freundin“ unter dem Hashtag #ferrantefever  überflutet. Ferrante ist kurz davor zum Medienphänomen aufgebauscht zu werden. Wenn es nach den Journalisten geht, dann hat Deutschland fast eine Sensation verschlafen. Ist das tatsächlich so?

Die Geschichte einer wahren Freundschaft?

Elena und Raffaella (Lina) lernten sich in der ersten Grundschulklasse kennen. Elena war beeindruckt von dem frechen Mädchen, das mutig genug war, sich ganz offensichtlich mit der Lehrerin Maestra Oliviero anzulegen. Damals formte Lina aus Löschpapier kleine Papierkügelchen und tauchte sie in Tinte, um dann ihre Mitschüler zu bewerfen: Elena wurde zweimal an den Haaren und einem an ihrem weißen Kragen getroffen. Lina war egal, wie sehr Maestra Oliviero schrie und machte einfach weiter mit ihren Papierkügelchen. Vor lauter Ärger stolperte die Maestra als sie versuchte, Linas Verhalten zu unterbinden, und stürzte – die Maestra wurde sogar ohnmächtig.

Ziemlich bald entspann sich zwischen Elena und Lina ein Wettbewerb, wer die Klügere in der Klasse ist. Lina ist ausgesprochen talentiert; sie kann die schwierigsten Aufgaben lösen ohne sich anstrengen zu müssen. Noch dazu ist Lina mutig, frech und entschlossen. Elena musste sich rasch damit abfinden, dass sie nur die Zweite war – um mit Lina mithalten zu können, musste Elena lernen. Aber trotz des Fleißes war sie Lina immer unterlegen, wenn es darauf ankam.
Nichtsdestotrotz war Elena diejenige, die nach der Grundschule die weiterführende Schule besuchen durfte. Linas Eltern konnten sich den Schulbesuch nicht leisten und so war für Lina mit der Grundschule Schluss. Diese Entscheidung der Eltern war für Lina nicht ohne Schmerz, denn eigentlich war sie die Kluge.

Immer ist überall auch die Rede von Freundschaft, wenn über das Buch „Meine geniale Freundin“ gesprochen wird. Die Freundschaft zweier Frauen. Beim Lesen habe ich diese große Freundschaft nicht gesehen. Für mich war der Konkurrenzkampf von Elena und Lina viel vordergründiger. Die beiden befanden sich im ständigen Wettstreit – zunächst um Klugheit, dann später in der Pubertät dehnte sich der Wettkampf auf Schönheit und Chancen bei Männern aus. Für mich ist Freundschaft mehr als nur der kalte Stich der Eifersucht, der einen zu Höchstleistungen beflügelt. Es gab im langen Zeitraum der Jugend von Elena und Lina nur wenige Momente, die von Großmut zeugten. Weder Elena noch Lina opferten sich für ihre ach so wunderbare Freundin auf; keiner war jemals selbstlos.

Meine geniale Freundin Elena Ferrante 3

Der Weg aus dem Elend

Nichtsdestotrotz ist die Freundschaft zwischen Elena und Lina der Grund, warum Elena in der Schule so weit kommt. Durch den ständigen Wettbewerb wird Elena beflügelt: Sie wird sehr diszipliniert, lernt täglich mehrere Stunden und legt einen bewundernswerten Ehrgeiz an den Tag. Auf der einen Seite ist Elena nur durch Lina in der Lage so gute Leistungen abzuliefern, auf der anderen Seite wird Elena in der Schule nichts geschenkt; es ist der Fleiß, der sie soweit bringt.

Das Leben in Neapel ist sehr geprägt von Gewalt und Unglück. Jeder konnte so leicht sterben und viele taten das auch. Es gab viele Krankheiten, Unfälle auf der Arbeit nahmen katastrophale Wendungen, die Blutrache war eine Spirale ohne Ende und dann gab es auch noch die Morde durch die Camorra. Kaum eine Familie hatte wirklich genug Geld, um ein gutes Leben zu führen – gespart werden musste an jeder Stelle. Die Bedingungen unter denen Lina und Elena aufwuchsen, waren also alles andere als harmonisch.

„Meine geniale Freundin“ ist für mich kein Roman über Freundschaft, für mich ist er ein Buch über den gesellschaftlichen Aufstieg einer jungen Frau – Elena. Dieser Aufstieg deutet sich am Ende des Buchs ganz besonders an, deshalb sind die letzten 80 Seiten auch die liebsten für mich gewesen. Wäre das Ende von „Meine geniale Freundin“ nicht so kraftvoll aus Elenas Sicht gewesen, dann hätte ich jetzt nicht das Bedürfnis, auch den zweiten Teil zu lesen. Die ganze Geschichte davor mit dem Wettkampf der beiden Mädchen war für mich ganz hübsch, aber hat keinen Lesesog in mir erzeugt. Aber nun bin ich wahnsinnig gespannt, wie Elena es schafft, dem Elend von Neapel zu entrinnen.

Meine geniale Freundin Elena Ferrante 1

Die mysteriöse Unbekannte

Elena Ferrante ist ein Pseudonym – keiner weiß, wer wirklich die Autorin von „Meine geniale Freundin“ ist. Der Spiegel hat in der Ausgabe 34/2016 ein Interview mit der Autorin abgedruckt, welches mich von der ganzen Berichterstattung über das Buch bisher am meisten beeindruckt hat. Ferrantes Antworten sind spannender als ihr eigentliches Buch für mich. Sie verspricht, ihr Pseudonym niemals selbst zu enthüllen, weil sie möchte, dass ihre Person nicht der Geschichte im Weg steht. Ironischerweise lenkt gerade dieser Schachzug ziemlich viel Aufmerksamkeit auf die Autorin. Ist das vielleicht Marketing-Kalkül?

Im Interview fragt der Spiegel: „Warum gibt es mehr erfolgreiche Schriftsteller als Schriftstellerinnen?“ Und Elena Ferrante gibt eine überaus interessante Antwort: „Wir tauchen mit großer Selbstverständlichkeit in die traditionell männliche Literatur ein, fühlen uns durch sie bestärkt, halten sie nicht für „Bücher von Männern für Männer“, sondern für universell. Männer dagegen nehmen von Frauen geschriebene Bücher als „Bücher von Frauen für Frauen“ wahr, […].“ Das gibt mir zu denken und es beschäftigt mich seitdem ich „Meine geniale Freundin“ und das Interview im Spiegel gelesen habe. Ich bin gespannt, wie es mit Elena aus „Meine geniale Freundin“ weitergeht, ob sie auch universell wird und nicht nur Literatur für Frauen.

Meine geniale Freundin Elena Ferrante 2

Fazit

„Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante ist kein Roman über Freundschaft, sondern ein Bildungsroman. Ob der Hype gerechtfertigt ist um das Buch und die Autorin, kann ich immer noch nicht beurteilen, aber mich persönlich reizt der Aufstieg der Protagonistin Elena.

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2 Kommentare

  1. Ich hab Ferrante hier liegen und werde es wohl als nächstes lesen, werde aber schon vorab immer skeptischer. So geplanten Hypes traue ich nicht so richtig über den Weg. Die Besprechungen, die ich bisher gelesen habe, waren auch zumindest durchwachsen. Allerdings haben mir die paar angelesenen Seiten ganz gut gefallen. Ich versuche mal, unvoreingenommen zu lesen 🙂

  2. Wie ich den Hype finde? Nun ja. Zumindest ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Buch dadurch sofort auch hierzulande ein Bestseller wurde. Aber das Interview – was ich Dank Dir überhaupt erst gelesen hab 🙂 – fand ich sehr beeindruckend. Dass sie sich nicht darum schert, dass irgendwelche Promo-Touren vielleicht doch helfen könnten… Ich hoffe, sie bleibt bei all den Anfragen standhaft.
    Aber ob ich das Buch lesen werde, weiß ich noch nicht. Meist lass ich so Hypes lieber ohne mich laufen… 🙂

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