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6 Gedanken, die mich nach dem Lesen von „Der Circle“ von Dave Eggers beschäftigen

Gemessen am Rausch der Novitäten ist „Der Cirlce“ von Dave Eggers ein alter Hut. Im Herbst 2013 wurde es im Original veröffentlicht, 2014 gab es dann die deutsche Übersetzung. „Der Cirlce“ hat also schon die Runde durch die Feuilletons sämtlicher Zeitungen gemacht und ist auch bereits die Bestsellerliste erst hinauf und dann wieder heruntergerutscht. Nichtsdestotrotz lohnt sich das Lesen „älterer“ Bücher, das bewies mir „Der Cirlce“ gerade erst wieder.

Im Kern der Handlung geht es um die riesige Internetfirma „Circle“, die ein Konglomerat aus allen bekannten Größen der Gegenwart ist – Facebook, Google Alphabet, Apple und so weiter. Das Buch ist eine Dystopie, die fast vollkommene Überwachung wurde durch die große Datenkrake „Circle“ ermöglicht. Mich hat die Lektüre von „Der Circle“ nachdenklich gestimmt, auch während der Zeit, wo ich nicht gelesen habe, musste ich an Passagen und Ideen aus dem Buch denken. Dave Eggers hat mit seinem moralischen Zeigefinger voll in die Wunde getroffen.

1. Die permanente Dokumentation des Lebens

Auf fast schon freundliche Art und Weise zwingt der „Circle“ seine Nutzer bei Zing (einer Art Facebook) zur Dokumentation ihres gesamten Privatlebens: Jede Kleinigkeit soll geteilt werden mit der Menschheit, allem wird große Bedeutung beigemessen und überall werden irgendwelche Petitionen losgetreten, um etwas in der Welt zu verändern. Ich finde das furchtbar anstrengend und ziemlich losgekoppelt von den Dingen, die wirklich wichtig sind im Leben. Zing ist eine Parallelwelt, wo immer gejubelt wird und die Partizipation Selbstzweck wird. Wie weit sind wir – bin ich – von noch Zing entfernt? Nach „Der Circle“ überlege ich umso mehr, ob meine Posts und Bilder überhaupt einen Sinn erfüllen. Bisweilen tröste ich mich damit, dass ich anderen Menschen zu neuen Büchern inspiriere und so irgendwie die Bildung fördere. Aber lebensnotwendig ist das nur bedingt.

2. Sozialer Druck – Eine Krankheit?

Im Buch „Der Circle“ wird auf Mae (die Hauptfigur) ganz deutlich Druck ausgeübt von ihren Vorgesetzten, dass sie schon etwas mehr partizipieren müsse in der digitalen Welt. Maes Meinung ist immerhin wichtig! In der Konsequenz schwebt die drohende Kündigung über Mae, die doch gerade erst in diesem tollen Unternehmen angefangen hat zu arbeiten. Aber braucht es diesen Druck überhaupt direkt durch den Tadel einer anderen Person? Ich finde das nicht. Der Druck mitmachen zu müssen entsteht von selbst, er breitet sich aus wie eine Krankheit durch die Gesellschaft. Kein Mensch verpasst gern etwas und jeder Mensch sehnt sich nach Anerkennung. Nirgends gibt es Anerkennung schneller als über ein „Gefällt mir“; das erzeugt eine gewisse Sucht nach „guten“ Posts.

Der Circle Dave Eggers 2

3. Ein Angriff auf die Freiheit

Im Verlauf des Buchs geht der „Circle“ immer drastischer vor: Projekte, die sich mit der totalen Aufzeichnung aller Erlebnisse beschäftigen, werden aus den Boden gestampft. Zum Beispiel werden überall Minikameras installiert. Aber mit der Gegenwart ist noch lange nicht Schluss. Auch die Vergangenheit wird durchforstet – jedem soll es möglich sein, zu wissen, was seine Vorfahren tatsächlich gemacht haben. Der Preis dafür ist hoch – denn wer weiß schon wirklich, welche Straftaten bis hin zum Mord vielleicht noch unentdeckt geblieben sind.

Die Grundphilosophie von der „Circle“ ist, dass kein Mensch mehr etwas Böses tut, wenn er beobachtet wird. Alle Menschen verhalten sich besser. In der Konsequenz heißt dies aber auch, dass sich kein Mensch mehr wirklich entspannen kann und dass nichts vergessen wird. Ich möchte nicht in einer solchen Welt leben – das wird wohl jeder Mensch sagen. Allerdings dürfen wir uns auch nichts vormachen, die Prism Affäre hat das gezeigt. Die Überwachung im Buch „Der Circle“ ist eben offensichtlich. In unserer Welt dürfen wir die Illusion von Freiheit zumindest behalten.

4. Was passiert, wenn kommerzielle Unternehmen Staatsaufgaben übernehmen?

Selten Gutes. Das habe ich während meiner Vorlesungen in Volkswirtschaft gelernt. Am Ende des Buches strebt der „Circle“ sozusagen die Machtübernahme an. Es soll Pflicht werden für jeden Bürger, ein Konto bei der „Circle“ zu haben. Über dieses Konto wird die Regierung gewählt, die Steuerangelegenheiten werden geklärt, finanzielle Mittel wie Sozialhilfe oder vielleicht sogar Förderung für die Gründung eines Unternehmens werden beantragt – kurz mit dem Konto wird alles abgewickelt. Das ist doch bequem für den Bürger, richtig viel Geld kann da gespart werden! Aber auch eine einzige Stelle hat den gesamten Staatsbürger in der Hand, die Abhängigkeit wäre enorm. Was wenn dieses Konto gesperrt oder manipuliert würde? Für mich ist das die gruseligste Stelle im ganzen Buch.

5. Die Naivität der Hauptfigur Mae Holland

Mae ist neu bei der „Circle“ und denkt, sie wäre im Paradies. Alles ist auf dem Firmencampus so sauber, alles ist so toll, so viele neue Erfindungen. Selbst bei kritischen Szenen beginnt Mae nicht ihre Einstellung zu ändern, ihr wird zu keiner Zeit bewusst, wie gefährlich das Unternehmen und dessen Erfindungen sind. Mae ist die klassische Mitläuferin, sie hinterfragt nicht. Immer wieder muss ich mich beim Lesen fragen, ob ich auch so wäre? Oder wann für mich der Zeitpunkt gekommen wäre, aus diesem Wahnsinn auszusteigen? Gern mache ich mir vor, dass ich im ersten Drittel des Buchs meine Kündigung eingereicht hätte, aber das wäre wohl nicht so.

Der Circle Dave Eggers 1

6. Die Moralisierung des Lesers

Dave Eggers überspitzt die Gegenwart sehr, dass macht auch den Reiz von „Der Circle“ aus. Alles könnte so sein und wir sind auf dem Weg in eine ähnliche Richtung. Die Welt des „Circle“ ist gerade so noch gut vorstellbar, aber schon grausam genug – das erzeugte für mich regelrecht einen Lesesog. Dave Eggers ist hinsichtlich seiner Ansichten kein Geheimniskrämer. Er moralisiert auf jeder Seite mindestens unterschwellig und er ist sehr radikal dabei. Es gibt in „Der Circle“ kein neutral – es gibt nur gut (keine Überwachung, keine neuen Erfindungen) und böse (alles, was „Der Circle“ tut). Das strengt mich an! Erfindungen und neue Technologien waren seit jeher ambivalent. Diesen Fakt ignoriert Eggers vehement, schließlich würde es ihm die Pointe versauen.

Das Denken andere Blogger über „Der Circle“ von Dave Eggers:
Herrlarbig
Buch- und Medienblog
Die Liebe zu den Büchern
Tommi und die Schmöker

6 Kommentare

  1. Hi Janine, “ The Circle “ ist meine aktuelles Buch, habe circa die Hälfte gelesen und ich habe mich ebenfalls schon gefragt, wann wärst Du ausgestiegen. Auf jeden Fall ein Roman, der nachdenklich macht, wie weit geht es mit der Digitalisierung, oder sind wir schon zu weit gegangen. Liebe Grüsse. Olaf

  2. Es ist ja total befremdlich wie schnell diese Entwicklung gekommen ist. Wie soll es denn in 20 Jahren aussehen?
    Ich ahne echt nichts Gutes. Da wird der Roman noch nicht einmal mithalten können. Wenn man bedenkt, dass vor 20 Jahren kaum jemand Internet hatte und auch vor wenigen Jahren noch keine Smartphones, Tablet etc. gab, wie wird es dann in 20 oder 30 Jahren sein?

    Lg, Anja

  3. Hallo Olaf, hallo Wortlichter,

    die Entwicklung bleibt spannend und unvorhersehbar. Ich habe gestern Abend im Spiegel einen Artikel über Snapchat gelesen. Dabei war das Wichtige für mich nicht diese Chatapp, sondern das, was zwischen den Zeilen stand. Demnach haben Facebook, Google und Apple (kurz: etablierte Internetunternehmen) alle unheimliche Angst, dass sie demnächst überholt werden von irgendeinem Start-Up mit einer krassen Idee. Deshalb versuchte bspw. Facebook schon mehrmals Snapchat zu kopieren und hatte erst im dritten oder vierten Anlauf halbwegs Erfolg mit Instagram.Stories. Innovation ist ja per se erstmal gut, die Frage ist eben, was der Mensch daraus macht.

    Liebe Grüße,
    Janine

  4. Als ich den Circle gelesen habe, habe ich mich die ganze Zeit wahnsinnig aufgeregt. Aber natürlich konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Das ist schon richtig, was du sagst, Dave Eggers übertreibt einfach ganz krass, wodurch die Aussage des Buches verstärkt wird. Das nimmt einen emotional mit, und dadurch wird das Buch anstrengend. Ich fand das aber nicht schlimm.
    Und obwohl der Autor so stark übertreibt, habe ich nach dem Lesen immer wieder entdeckt, dass sich vieles in unserer Gesellschaft genau in diese Richtung entwickelt. Erst gestern habe ich gelesen, dass in London überall Überwachungskameras installiert sind, und dass die Menschen sich mittlerweile daran gewöhnt haben.
    Die Frage ist natürlich, ob diese krasse, technische Entwicklung wirklich so negative Folgen auf uns als Gesellschaft haben wird. Vielleicht nicht. Aber auf jeden Fall hilft dieses Buch, die Entwicklungen und die eigene Sicht + das eigene Handeln in Frage zu stellen.
    Meine Meinung: Das Buch sollte ein Standardwerk in allen Schulen sein!

  5. In meinem Bücherschrank steht das Buch von Dave Eggers „Der Circle“ und ich bin enorm gespannt, ob meine Ansicht, der deinen ähneln wird …
    Ich werde es hier dann schreiben, so bald ich es gelesen habe :-).
    Jeden Falls, dass, was du in deinem Atrikel schreibst klingt beängstigend, weil wir, wie ich aus den Nachrichten und Tweets bei Twitter lese, schon fast soweit sind.
    Die Nachfolger der SED (Die Linke) sind zwar abgewählt, aber all die anderen, die ihr ähnlich sind rücken rasant voran und zu dem die Wirtschaft, die mit vile neuer Technologie unserer Regierung den „Glauben“ schenkt, dass das, das Beste für das Volk wäre von denen sie gewählt werden. Das empfinde ich als grausam und beängstigt mich ein wenig …

  6. Ich bin gespannt, was du über Circle sagen wirst. Und ja, auch ich sehe die Realität von The Circle an manchen Stellen jetzt schon. Das macht Angst, aber immerhin fällt es auf und so kann man auch handeln. 🙂

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