Kapri-zioes

Das Unglück anderer Leute: Der Debütroman von Nele Pollatschek

Ich habe mit der Wahl meiner Familie Glück gehabt, so habe ich es immer gesehen. Also gut, die Wahl konnte ich, so wie jeder andere nicht treffen. Der Zufall hat entschieden, dass ich sehr gut mit meinen Eltern auskomme. Es gab da nie größere Schwierigkeiten. Manchmal gab es Streit, der war aber immer innerhalb von maximal zwei Tagen beseitigt. Das meine Situation in dieser Hinsicht ein großes Glück ist, ist mir meist nicht so bewusst – es war schließlich schon immer so.

Allerdings brachte mich der Debütroman „Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek zum Nachdenken. Bei ihr ist die Familie keine Idylle auf der thüringischen Seite des Vogtlandes wie bei mir. Das Familienleben in „Das Unglück anderer Leute“ ist nicht umkreist von Mischwald, Kleinstadtfrieden und weidenden Kühen.

Nele Pollatschek – Eine noch unbekannte Autorin

Nele Pollatschek hat Talent. Das unterschreibe ich gern. Nicht umsonst hat sie es geschafft, dass ihr erster Roman bei einem größeren deutschen Verlag verlegt wurde, dies ist vergleichsweisen wenigen Autoren vergönnt. Das habe ich zumindest mittlerweile bei meinen Reisen durch den Literaturbetrieb gemerkt – neue Autoren haben es nicht leicht. Umso schöner, wenn solch ein Erstling zu einem der Spitzentitel des Galiani Berlin Verlages ausgewählt wird und der Verlag als Begleitschreiben zum Rezensionsexemplar eine Anekdote erzählt. Von einem der schönsten und seltensten Momente eines Verlagsmenschen ist da die Rede. Es kommt nicht oft vor, dass ein Verlagsmensch von einem Manuskript umgehauen wird, denn oft sind die Erwartungen nicht groß. Aber Nele Pollatschek hat mit ihren Sätzen solchen Eindruck gemacht, dass ihr Manuskript schnell im Verlag zirkulierte und alle begeisterte.

„Das Unglück anderer Leute“ ist ein Familienroman, der im Odenwald und in Oxford spielt. Beide Orte sind Nele Pollatschek aus ihrem Leben sehr gut bekannt. Aktuell promoviert Pollatschek in Oxford, genauso wie ihre Hauptfigur Thene. Das Thema von Nele Pollatscheks Forschungsarbeit ist auch sehr interessant – das Böse in der Europäischen Literatur mit Schwerpunkt auf viktorianischen Erzählungen.

„Das Unglück anderer Leute“: Die Mutter, die alte Hexe

Das Böse in „Das Unglück anderer Leute“ wird zunächst verkörpert von Thenes Mutter. Astrid ist eine unmögliche Person, bei der ich sicherlich auch an die Grenzen meiner Geduld stoßen würde. Die Mutter von Thene zieht immer leuchtend rote Kleidung an, ist sehr exzentrisch, nimmt keine Rücksicht auf andere Leute und ist sehr laut. Natürlich schreckt sie auch nicht vor emotionaler Erpressung zurück, darin hat sie quasi promoviert. Nachdem Astrid sich von Thenes Vater, Georg, getrennt hatte, ging sie sogar soweit, dass Georg keinen anderen Ausweg sah als einfach fünf Jahre aus dem Leben seiner Tochter zu verschwinden. Er wusste es nicht besser und konnte dieser bekloppten Frau nicht länger standhalten.

Ich hatte beim Lesen großes Mitleid mit Thene. Denn eigentlich will sie nur ihre Ruhe. Thene will mit ihrem Freund ein friedliches Leben leben, lesen, schreiben und vielleicht ein bisschen Kirschkuchen futtern. Mit Astrid und der verrückten Patchwork-Familie geht das nicht. Thene hat noch einen jüngeren Halbbruder, Ellijah, der von allen nur Elli genannt wird. Er ist der Sohn von Ralf, der seit einigen Jahren zum jüdisch-orthodoxem Glauben übergetreten ist und nun von allen Menachem genannt werden möchte, diesen Wunsch erfüllt Thene ihn nicht. Ralf ist übrigens gleichzeitig der Cousin von Astrid, aber nicht alles, was legal ist, bringt auch Glück. Zu Elli kommt noch eine weitere Halbschwester, Trixie sowie noch Sarah. Ich habe jetzt leider nicht mehr im Kopf, wer da die Väter waren, aber ist wohl auch egal. Astrid hatte sehr viele Männer, im Buch werden immer wieder Geschichten über die Grässlichkeit der Stiefväter ausgetauscht.

Meine drei liebsten Zitate aus „Das Unglück anderer Leute“

Was das Verhältnis zu meiner Mutter anging, war ich Marxist. Das heißt, ich wusste, dass die materiellen Verhältnisse die ideellen Verhältnisse schaffen. (aus „Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek, Seite 26)

In meiner Familie nahm es mit der Wahrheit sowieso niemand so genau. Vor allem nicht, wenn sie einer guten Geschichte im Weg stand. Anders gesagt, jeder auf seine Weise waren wir alle Lügner. (aus „Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek, Seite 56)

Am Ende führt auch ein Leben als Punk nur zu einer verfloskelten Facebookmeldung. Im Tod werden wir alle zu den gleichen Klischees. (aus „Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek, Seite 175)

Das Ende einer Familie

Manchmal wusste ich beim Lesen nicht, was für Thene das größere Unglück war: Entweder dass Astrid wirklich ihre Mutter war oder dass Astrid Leben am Abend vor Thenes Masterverleihung in Oxford auf völlig sinnlose Weise ums Leben kam. Astrid konnte nämlich die Zeit nicht abwarten bis sie vom Flughafen mit dem Auto abgeholt wurde und kam ihrer Familie schon mal zu Fuß auf der Straße entgegen. Nachts, im Dunkeln. Ein LKW-Fahrer hat sie übersehen. Kann man da noch sagen „Selbst Schuld“ oder ist da Mitleid doch angebrachter? Ich konnte mich beim Lesen nicht entscheiden.

Thene analysiert die Situationen sehr klug. Ihr Blick ist scharf und dafür, dass es ihre eigene Familie ist, die sich dem Wahnsinn hingibt, erstaunlich distanziert. Ich habe die inneren Monologe von Thene mit großer Freude gelesen. Nele Pollatschek schreibt witzig und dadurch wirkt dieser familiäre Abgrund, der sich auftut nicht mehr ganz so erschreckend. Denn im weiteren Verlauf des Buchs geht es darum, wie die Familie jetzt mit Astrids plötzlichem Tod klarkommt. Was wird aus den ganzen Geschwistern? Was ist mit Georg?

Ich würde die Hauptfigur Thene gern in der Realität kennenlernen, wenn ich mir etwas wünschen dürfte. Und das nicht nur, weil sie in meinem Alter ist. Thene ist sympatisch und ich würde gern von ihr wissen, was gewesen wäre, wenn sie vielleicht nicht so eine kaputte Familie hätte. Das Einzige, was ich Nele Pollatschek an „Das Unglück anderer Leute“ übelnehme, ist das Ende. Das war mir zu überdreht, aber passt wohl sehr gut zu dieser schrecklich netten Familie.

Fazit

Nele Pollatschek hat mit „Das Unglück anderer Leute“ ein gelungenes Debüt verfasst. Ich hatte beim Lesen dieser Familiengeschichte großen Spaß.

Vielen Dank an den Galiani Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

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