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Die Trotzigen von Boris Schumatsky (Die Welt war nicht immer so wie heute)

Ich habe nicht viel zu tun mit dem Kommunismus, selbst dem real existierenden Sozialismus bin ich knapp entgangen. Als ich im Oktober 1990 geboren wurde, war der ganze Spuk vorbei und Deutschland war offiziell wiedervereinigt. Ich kenne die DDR und ihre Umbruchszeit aus den Erzählungen meiner Eltern und ich weiß, dass definitiv niemand in der Planwirtschaft hungern musste. Auch ich habe, als ich in der zehnten Klasse und im Geschichtslehrplan die DDR an der Reihe war, meine Eltern mit bescheuerten Fragen genervt: Was war wirklich dran an der Bananensache? Was habt ihr mitbekommen von der Stasi? Wie fühlte sich das an?

Das war für mich interessant und schwer vorstellbar, denn ich kenne nur diese Ordnung der Welt, wie sie jetzt ist mit den 1000 Möglichkeiten und der oberflächlichen Freiheit. Nichtsdestotrotz habe ich mich schon in der Realschulzeit irgendwie für den großen Bruder der DDR interessiert, obwohl er nicht mehr so relevant war. Ich habe mich sogar durch fünf Jahre Russisch-Unterricht gequält und eine Qual waren die fünf Fälle und die Ausnahme von der Ausnahme schon. Der Aufbau-Verlag, genauer gesagt, Blumenbar, veröffentlichte kürzlich das Buch „Die Trotzigen“ von Boris Schumatsky. Bei meiner latenten Slawophilie ist es kein Wunder, dass ich sehr neugierig auf den Roman mit dem sechszeiligen Untertitel war: „Die Geschichte der Revolutionen der Anna Iwanowa und des Sascha Potjomkin zu Zeiten des Augustputsches und wie sie in Kohlenkellern und auf Barrikaden tanzen, vor Ämtern und auf die Liebe warten, miteinander reden und schlafen. Von Moskau nach Berlin und wieder zurück.“

Die Trotzigen von Boris Schumatsky  2

Die Trotzigen – Die Revolution ist groß

Boris Schumatsky erzählt die Geschichte von Sascha und Anna. Es ist eine Art von Liebesgeschichte; Pessimisten könnten nun behaupten, dass damit alles gesagt ist. Ist es nicht. Denn der Hintergrund dieser Liebesgeschichte ist das Spannende an „Die Trotzigen“. Anna Iwanowa heißt nicht wirklich wie die große russische Kaiserin aus dem 18. Jahrhundert, eigentlich ist sie Deutsche und heißt Heidi. Aber Anna ist besessen von Slawistik, von Russland und der Revolution dort. Deshalb kehrt sie auch nicht einfach nach Deutschland zurück als es etwas unsicherer in der Sowjetunion wird und der Augustputsch in Moskau stattfindet. Anna ist mit dabei bei der Revolution, verteilt Essen an die Demonstranten auf den Barrikaden und denkt nicht einmal daran ein friedliches Leben zu leben.

Hingegen kann Sascha nur daran denken, ein Visum für Deutschland zu bekommen damit er diesem unstabilen Land entkommen kann. Aber natürlich will er nur gemeinsam mit Anna fliegen, seiner großen Liebe. Er unternimmt im Verlauf des Buchs ziemlich viele Versuche, eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland zu bekommen.

Der Augustputsch fand 1991 statt. Deutschland war bereits wiedervereinigt; Michail Gorbatschow war Staatspräsident und trieb seit 1985 sein Reformprogramm Glasnost und Perestroika voran. Die damalige Zeit in der Sowjetunion war unsicher und unübersichtlich. Keiner konnte sagen, wohin Moskau tatsächlich hintrieb und wann es endlich genug von allem für jeden geben würde. Die große Stärke von „Die Trotzigen“ ist, dass genau diese Atmosphäre eingefangen wird: Es war eine wilde Zeit voller Träume und Hoffnungen, aber gleichzeitig herrschte große Angst.

Die drei besten Kapitelüberschriften

  1. Das Telefon gewährleistet nicht die Vertraulichkeit des Gesprächs
  2. Ein Putsch, und alle gehen hin
  3. Barbie auf den Barrikaden

Von Nataschas und Natschalniks

Boris Schumatsky benutzt im Roman natürlich viele russische Begriffe, häufig verzerrt er sie humorvoll. So ist beispielsweise von der Nataschismus die Rede – jede Frau scheint den Namen Natascha zu tragen. Es ist ein Sammelbegriff für x-beliebige Frauen. Natürlich ist Anna niemals eine Natascha, sie ist die Zarin. Und Anna dominiert alles. Sie setzt ihren Willen durch, ist eine starke Persönlichkeit. Für mich hängt Sascha da immer ein bisschen hintendran, natürlich hat er auch Wünsche. Aber er ist nicht der Natschalnik. Natschalnik heißt so viel wie Chef, Vorarbeiter oder der politische Führer.

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Es ist nicht gerade einfach, den Zugang zu „Die Trotzigen“ zu finden. Boris Schumatsky erklärt die Handlungen seiner Figuren nicht. Die Charaktere machen, was sie wollen und der Leser muss da eben hochkonzentriert bleiben und auf Monologe und Dialoge achten, sonst wird er von der Revolution abgehängt. Gerade in diesem wilden Gerangel aus Liebe und politischer Revolution geschieht so viel und der rote Faden ist manchmal nicht gut zu sehen. Aber vielleicht braucht man auch mehr Ahnung von diesen ganzen Sowjet-Dingen als ich sie habe, um das Buch vollends nachvollziehen zu können. Beispielsweise wird an einer Stelle ein Witz mit den Ansichten Leo Trotzkis gemacht. Den habe ich beim Lesen nicht ganz verstanden und so ist es bei vielen Stellen.

Mittlerweile weiß ich, dass der Trotzkismus eine Form des Kommunismus ist. Nach Trotzki funktioniert der Sozialismus nur international, es müsste auf der ganzen Welt sozialistische Revolutionen geben, sonst fällt die Sowjetunion zwangsläufig zum Kapitalismus zurück. Nun, Trotzki hat ja irgendwie Recht gehabt.

Fazit

Für alle, die sich sehr für Russland und die Wendezeit interessieren, ist Boris Schumtskys Buch „Die Trotzigen“ ein wunderbares Buch – für alle anderen wird die Lektüre schon schwieriger.

Kommentierfrage: Interessierst du dich für Russland? Kennst du andere interessante Romane in der Richtung?

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