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Candy Bukowski: Wir waren keine Helden

Es war ein warmer Tag, es war Freitagnachmittag und ich hatte zuvor ziemlich lang an meiner Bachelorarbeit geschrieben. Nach mehreren Stunden Recherche und dem Formulieren von hochwissenschaftlichen Phrasen und Satzkonstrukten ist mein Kopf übervoll. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, die Arbeit an die Wand zu klatschen und Zerstreuung auf Facebook zu suchen. Da lief gerade eine Party, weil Karla Paul das Buch „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski empfohlen hatte. Beim Namen Bukowski muss ich natürlich aufhorchen, ich liebe die Texte von Charles Bukowski und musste gleich meine Frage loswerden: Ist der Name Bukowski Zufall? Nein – natürlich nicht. Bei Autoren ist selten etwas Zufall und eigentlich sollte ich das mittlerweile auch wissen.

Ist Candy Bukowski das weibliche Pendant zu Charles Bukowski?

Im Herbst vergangenes Jahr hatte ich schon einen Artikel über den Autor Charles Bukowski geschrieben. Was macht Charles Bukowski aus? Besonders in Erinnerung ist mir diese dreckige Lebendigkeit geblieben. Sein Schreibstil ist schroff, die Worte sind hart wie ein Vorschlaghammer und treffen auch so.  Er hasste die ganzen Toten um ihn herum und noch mehr die Idioten, die konnte er nicht ertragen. Es gibt tatsächlich Parallelen zwischen Charles und Candy Bukowski: Das Markante ist Candy Bukowskis Schreibstil – starke Sätze, ehrliche Geständnisse, unbeugbare Meinung. Sowohl Charles als auch Candy verwenden ziemlich häufig Schimpfwörter und schreiben über Sex. Bei Charles Bukowski gab es nur mehr Drogen und Nutten.

Candy Bukowski 3

Generell mag Candy Bukowski die ehrlichen und knallharten Autoren wie Wolfgang Herrndorf, Raymond Carver und Monika Maron, wie sie in einem Interview sagte.  Die größten Parallelen sehe ich zu Monika Maron; sie hat sich das Leben als solches auch zum Thema ihrer Bücher gemacht.

Wir waren keine Helden

Ich hasse eigentlich den Drang, das Werk eines Autors mit dessen Leben zu hinterlegen. Wenn ich auf einer Lesung bin und jemand die Frage stellt, wieviel der Geschichte wahr ist, dann bekomme ich schlecht Luft und verspüre einen seltsamen Druck unterhalb meines Halses. In „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski ist es aber unumgänglich die Autorin Candy auch in der Protagonistin Sugar wahrzunehmen und dass macht dieses Buch sowohl wunderbar emotional als auch spannend.

Candy Bukowski 2

Zu Beginn des Buchs sieht der Leser Sugar aufwachsen. Es ist die Zeit der 80er Jahre, des Punk und Sugars wilder Adoleszenz. Sugar ist verliebt in den Punk Pete, ärgert ihre Eltern und säuft nächtelang in einer Kneipe, in der die Wirtin Emmi heißt. Aufregend, ziemlich wild und der Anfang des Buchs erinnerte mich beim Lesen ein bisschen an Tschick. Die Lebensgeschichte von Sugar wird immer weitergesponnen bis weit über die 80er Jahre hinaus. Als Leserin habe ich erlebt, wie Sugar sich verliebt, wieder entliebt, einen Job annimmt und wieder sausen lässt und wie sie Mutter wird. Sugars Leben hält auch ein paar tiefe Schläge in die Bauchnabelgegend bereit.

Die drei besten Lieder aus „Wir waren keine Helden“

  1. Another Day in Paradise von Phil Collins
  2. Lemon Tree von Fools Garden
  3. Bologna von Wanda

„Hätten wir schöner gelebt, wenn wir es gewusst hätten?“

Candy Bukowski ließ sich sehr inspirieren von einem Zitat von Marguerite Duras: „Hätte ich gewusst, dass ich eines Tages eine Geschichte haben würde, ich hätte sorglicher gelebt, um sie schön werden zu lassen und wahr, mir zu gefallen.“ Candy Bukowski philosophiert radikal. Immer wieder gibt es im Buch stellen, in dem sie nach dem allgemeingültigen und wahren am Leben fragt und sich damit abgrenzt von anderen Menschen. Was würden wir machen, wenn wir wüssten, wie unser Leben verläuft? Würden wir etwas anders machen? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Für Candy fällt die Antwort eindeutig aus, obwohl Candy im Buch keine wortwörtliche Antwort gibt – Von jeder Seite winkt das Nein.

Candy Bukowskis Schreibstil ist ungewöhnlich, lässt stolpern, überrascht, verwirrt und inspiriert. Ich habe „Wir waren keine Helden“ sehr gern gelesen, aber manchmal war es für mich schwer, beim Lesen den Worten von Candy Bukowski zu folgen. Die Autorin erklärt sich nicht, Details sind für mich als Leser nicht immer leicht nachvollziehbar und ich kann dadurch nicht jeden Absatz des Buchs auch wirklich in den roten Faden einordnen. Nichtsdestotrotz liegt in dieser Schwäche auch eine absolute Stärke, denn gerade der besondere Stil lässt Oscar-reife Zitate entstehen.

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Die drei schönsten Zitate aus „Wir waren keine Helden“

Umwege gehen bedeutet ganz einfach: Du hast drei Asse im Strumpfband und das Leben spielt Schwach. (aus „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski, Seite 191)

Eine gute Zeit. Trotz allem. Weil ja jede vergangene Zeit immer auch eine gute ist. Ein verklärtes Fragment, aussöhnendes Wohl gegen das Wehe, tausend Gründe dafür, dagegen ließe sich nur Schuldspruch finden, also sprechen wir uns lieber frei. (aus „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski, Seite 80)

All das war die große, ungezwungene Freiheit. Klar war aber auch, dass es nicht ewig so weitergehen konnte. Warum auch immer. Weil das eben so nicht geht, sondern Glück größer und stabiler gebaut werden möchte. (aus „Wir waren keine Helden“ von Candy Bukowski, Seite 74)

Fazit

Candy Bukowski schreibt wie Charles Bukowski knallhart und erschreckend ehrlich über das Leben. „Wir waren keine Helden“ ist ein gelungener erster Roman.

Vielen Dank an Books on Demand für die Bereitstellung des Leseexemplars.

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Thomas Brasch
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2 Kommentare

  1. Ich danke sehr für die Verlinkung zu meiner Rezension! 🙂
    Deine Rezi zu lesen, habe ich soeben auch sehr genossen. Das Schwelgen in den schönen Zitaten, aus denen jeder quasi seine eigene Hitliste zusammenstellt, lässt das vergangene Leseerlebnis wieder aufleben. Ich glaube, ich geh gleich noch mal die Nase ins Buch stecken…
    Viele Grüße!

  2. Das ist ja mal ne schöne Rezension und ein toller Blog – schön, bin ich drüber gestolpert, ich schau wieder rein. Viel Glück und Schnauf für die Bachelor-Arbeit!

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