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Der Tod ist allgegenwärtig (Schwarz und Silber von Paolo Giordano)

Schwarz und Silber von Paolo Giordano

Wie kann es sein, dass gerade die unscheinbaren Bücher das Herz mit der Wucht einer Kanonenkugel treffen? Mit „unscheinbar“ meine ich, dass diese Romane vom Medienzirkus relativ unbeachtet bleiben und die Cover auch meist sehr zurückhaltend gestaltet sind. Es ist, als ob die Verlage den emotional-explosiven Inhalt tarnten: Lieber Leser, es ist besser für dein Gemüt, wenn du dieses Buch einfach in der Buchhandlung stehen lässt. Lies das nicht, du machst dich nur ein bisschen unglücklicher (im Sinne von traurig). Mir ist das schon so bei „Raubfischen“ von Matthias Jügler ergangen und bei „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ von Monika Held. Jetzt habe ich wieder ähnliche Gedanken bei Paolo Giordanos Buch „Schwarz und Silber“.

„Schwarz und Silber“ – Über den Verlust

Paolo Giordano schreibt über ein junges Paar, das in den tiefen Riss in der Erde stürzt, den der Tod eines geliebten Menschen häufig mit sich bringt. Womöglich klingt es zunächst lächerlich, aber die Geschichte basiert tatsächlich auf dem Tod der Kinderfrau des Paares. Wie kann der Tod einer Kinderfrau, die nun doch etwas entfernter zur Familie steht als beispielsweise die Großeltern, solche Auswirkungen haben? Die Kinderfrau Babette, war für Nora und ihren Mann die ausgleichende Kraft im Haushalt.

Bei Babette durfte der junge Sohn des Paares, Emanuele, noch Kind sein – bedingungslos. Auch in Situationen, wo Nora und ihr Mann bereits erwachseneres Verhalten von ihrem Sohn erwarteten. Emanuele war noch nicht mal im Schulalter – die Erwartungshaltung der Eltern war also regelmäßig etwas übertrieben. Babette beschützte die Familie in gewisser Weise: Sie achtete darauf, dass sie anständig aßen und nicht den frittierten Blödsinn vom Fischmann. Babette kümmerte sich um den Haushalt und versorgte auch den namenlosen Ehemann, wenn Nora nicht da war. Und natürlich war Babette für die Erziehung und den Trost Emanueles verantwortlich, genau dann, wenn die Eltern es nicht sein konnten. Insofern kaschierte Babette die feinen Haarrisse in der Beziehung.

Schwarz und Silber von Paolo Giordano 2

Der Tod kündigt sich an

Babette arbeitete im Garten hinter dem Haus; sie wollte Platz schaffen für den Kohl und rupfte deshalb die spröden Bohnenpflanzen heraus. Ein Vogel setzt sich geschmeidig auf einem Stein neben Babette. Dieser Vogel ist von ähnlicher Größe wie eine Elster, am Hals ist er zitronengelb, sein Rücken ist blau gefiedert und sein Schwanz besteht aus langen weißen Federn. Der Vogel sieht Babette für einen Augenblick an und erhebt sich dann doch in die Luft. Nachts musste Babette von dem Vogel träumen. Babette wusste nicht, was für eine Art Vogel das war und suchte Rat bei einem Freund, der sich in Ornithologie auskannte. Babettes Freund verriet ihr, dass der Vogel, der zu ihr kam, ein Paradiesvogel war. Der Name ist irreführend, denn eigentlich ist er ein Omen für nahendes Unglück.

Als sich das Ereignis mit dem Paradiesvogel abspielte, war Babette bereits am Krebs erkrankt und zwar im fortgeschrittenen Stadium. Nach der Diagnose kam Babette nicht mehr arbeiten, sie beschäftigte sich nur noch mit ihrer Krankheit. Die letzten Monate in Babettes Leben bestanden nur noch aus Krebs. Und Paolo Giordanos „Schwarz und Silber“ besteht nur aus dem Sterben der Kinderfrau.

3 Weisheiten aus „Schwarz und Silber“

Eine Familie in ihren Anfängen ist manchmal auch das: ein vor Egozentrik zusammengezogener galaktischer Nebenfleck, in Gefahr zu implodieren. (aus „Schwarz und Silber“ von Paolo Giordano, Seite 57)

Mir fehlt die Art, wie sie uns Mut machte. Die Menschen geizen so sehr mit Mut. Sie wollen sich nur vergewissern, dass du noch weniger hast als sie. (aus „Schwarz und Silber“ von Paolo Giordano, Seite 26)

Auch ein junges Paar kann erkranken, an Unsicherheit, Wiederholung, Einsamkeit. Die Metastasen breiten sich unsichtbar aus, und unsere hatten bald das Bett erreicht. (aus „Schwarz und Silber“ von Paolo Giordano, Seite 152)

Das Leben als Paar in Einsamkeit

Paolo Giordano schreibt unbeschreiblich einfühlsam. Er schildert die Geschichte des jungen Paares und den Verlust von Babette eindringlich und intensiv. Beim Lesen hatte ich ständig Angst, dass die Beziehung von Nora und ihrem Mann doch noch zerbricht, weil die beiden ihr Leben ohne Babette nicht austarieren können. Erwartungen und Wünsche der beiden Partner sind ziemlich verschieden – es fühlt sich wie eine alte Apothekerwaage im krassen Ungleichgewicht an. 10 kg drücken auf meine Brust und ich bekomme das Gewicht einfach nicht runter.

Schwarz und Silber von Paolo Giordano 1

Ich habe „Schwarz und Silber“ gern gelesen. Die Präzision Paolo Giordanos ist bewegend und bedrückend zugleich. Das Thema Tod ist im Buch allgegenwärtig; ich wusste die ganze Zeit, dass Babette sterben wird am Krebs. Giordano hat das auf den ersten Seiten schon verraten. Wenn es dann aber soweit ist, ist es irgendwie nicht erträglicher.

Fazit

Paolo Giordano verfasste mit „Schwarz und Silber“ einen unbequemen Roman, der zwar nur knappe 170 Seiten umfasst, aber dennoch mit diesen wenigen Worten das Leserherz nachdenklich stimmt.

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