Kapri-zioes

„Der Mauerläufer“ von Nell Zink (Die Geschichte einer Emanzipation)

Manchmal frage ich mich, welchen Effekt Literatursendungen wie beispielsweise „Das literarische Quartett“ auf die Verkaufszahlen von den vorgestellten Büchern haben. „Der Mauerläufer“ von Nell Zink habe ich überhaupt erst durch die Aprilausgabe des literarischen Quartetts entdeckt. Bisher habe ich keine Folge der Sendung verpasst seit sie im Oktober 2015 neu aufgelegt wurde. Und ja es gibt einige Buchblogger-Kollegen, die „Das literarische Quartett“ nicht ausstehen können. Meine eigene Faszination dafür basiert auch auf einem Cocktail aus Neugier, Genervt-Sein und Beifall. Maxim Biller ist der Knackpunkt am Sendeformat – keiner pöbelt mehr und lenkt die Unsympathie der Zuschauer auf sich. Aber ohne ihn wäre die Sendung tatsächlich staubtrocken.

Mich machte „Das literarische Quartett“ neugierig auf Nell Zink, in gewisser Weise bin ich dieser Sendung vielleicht auch auf den Leim gegangen. Die Meinungen zu „Der Mauerläufer“ fielen gemischt aus – ein hoher Verfechter dieses Buchs war Maxim Biller. So ein bisschen wollte ich schon wissen, ob der Buchgeschmack dieses alten Zausels und mir irgendwelche Übereinstimmungen hat.

„Der Mauerläufer“ – Die Geschichte einer Frau

Tiffany ist schwanger. Gemeinsam fährt sie mit ihrem Freund Stephen im Auto durch die Berge als sich ein Unfall ereignet. Das Ergebnis dieses Unglücks ist noch ein viel größeres Unglück – sie verliert ihr Baby bei einer Fehlgeburt. „Der Mauerläufer“ fängt handlungsgeladen an, dies alles geschieht auf den ersten 2-3 Seiten. Und dann?

Danach ist die Geschichte nicht mehr ganz so einfach zu beschreiben: Eigentlich passiert ziemlich viel, aber dann auch wieder nicht. Tiffany und Stephen müssen sehen, dass ihre Beziehung nicht zerstört wird. Jeder ist untreu und schläft mit anderen Menschen. Nachdem Stephen seine Begeisterung für die Ornithologie voll auslebt, wird er auch noch Umweltaktivist und versucht Flüsse zu retten. Die Kurven in der Geschichte von Nell Zink kann ich nur schwer folgen, mir erschien das ganze Buch etwas durcheinander zu sein. Permanent habe ich mir beim Lesen die Frage gestellt, was ist jetzt genau der rote Faden? Worauf will sie hinaus und warum müssen diese Dinge passieren und keine anderen?

Tiffany – arbeitslos, jung, schön – ein Flittchen?

Tiffany muss nicht arbeiten; sie will es auch überhaupt nicht. Alle ihre Bestrebungen münden immer in den einen Punkt: Sie sucht jemanden, der sie ernähren kann und mit Taschengeld versorgt. Und zwischendurch braucht sie etwas gegen diese furchtbare Langeweile. Im Austausch für die materielle Sicherheit bietet sie den Männern zwei Dinge an: ihren Körper und ihre Hörigkeit. So richtig wurde mir Tiffanys Geschäftsmodell allerdings erst am Ende bewusst. Als Frau fand ich es dann umso furchtbarer, wenn Tiffany sich wieder bemühte ihren Arsch an die Wand zu bekommen. Am liebsten hätte ich sie manchmal angeschrien, warum sie sich nicht einfach einen Job sucht, bei dem sie ihr eigenes Geld verdient und diesen ganzen Arschlöchern den Rücken kehrt! Aber eigentlich wusste ich die Antwort schon, Tiffany traut sich nicht, ihr fehlt das Selbstbewusstsein und es ist eben leichter mit den altbekannten Methoden weiterzumachen als sich etwas Neues einfallen zu lassen.

Die drei prägnantesten Textstellen in „Der Mauerläufer“

Es wird viel über die Midlife-Crisis geredet, den vorübergehenden Stress, der auftritt, wenn du schließlich abschlaffst. Das sublime Aufblitzen grünlichen Lichts, wenn der Vorhang des Heiligtums zerreißt, wenn Dichter anfangen, Bücher zu rezensieren, und Programmierer in die Qualitätskontrolle wechseln. („Der Mauerläufer“ von Nell Zink, S. 106)

Er hatte unseren Vogel nach Rudolf Heß benannt, weil seine Farben denen der Naziflagge entsprachen, im Frühling mit dem Schwarz der SS am Kinn. („Der Mauerläufer“ von Nell Zink, S. 18 f.)

Ich hatte gedacht, Liebe wäre ein gesellschaftlich akzeptables Motiv. Aber für korrekt denkende Deutsche war ich ein hirnloses Flittchen, und in meiner privaten Historie hatte ich mich nie normaler gefühlt als in Gesellschaft anderer hirnloser Flittchen (z.B. Elvis). („Der Mauerläufer“ von Nell Zink, S. 110)

Das besondere Talent der Nell Zink

Die Autorin Nell Zink ist genauso wie ihre Protagonistin Tiffany eine Amerikanerin und lebt nun in Deutschland. Eine weitere Parallele zwischen Frau Zink und ihrem Buch ist der Naturschutz. Nell Zink befasste sich mit dem Naturschutz schon seit ihrer Kindheit. Sie übersetzte sogar Bücher über Ornithologie ins Englische. Einmal korrigierte Zink sogar Jonathan Franzen, weil dieser bei einem Artikel über Zugvögel im Mittelmeer wichtige Fakten gar nicht erwähnt hatte. Es folgte ein Briefwechsel zwischen Zink und Franzen, bei denen Franzen Nell Zink bestärkte, selbst zu schreiben.

Nell Zink hat einen einzigartigen und sehr markanten Schreibstil. Ich hatte Freude dabei, ihre ungewöhnlichen Sätze zu lesen. Sie lassen einen stolpern, manchmal musste ich die Sätze einfach mehrmals lesen damit ich auch ja kein Detail verpasste. Dieses Stolpern scheint Nell Zinks Masche zu sein, irgendetwas gehört immer nicht so richtig in den Satz, zerstört die Harmonie. Das ist spannend und es lohnt sich schon allein deshalb, den Mauerläufer zu lesen. Auch im literarischen Quartett klang häufiger an, dass Zink ein Writer´s Writer ist, also ein Schriftsteller für Schriftsteller. Nur andere Autoren vermögen es, sich mit einer solchen Inbrunst an gelungenen Satzkonstruktionen aufzugeilen.

Allerdings stellt sich nun die Frage für den Leser – was ist wichtiger? Sprache oder Plot? Und diese Entscheidung muss jeder Leser für sich selbst treffen. Ich persönlich halte „Der Mauerläufer“ nicht ganz für ein literarisches Meisterwerk, wie es Maxim Biller tut. Es war interessant, Nell Zinks eigenwillige Ausdrücke zu studieren, aber die Handlung an sich begeisterte mich wie ein Mittagsessen bei McDonald´s – es tut nicht weh, aber es ist auch nicht meine erste Wahl.

Fazit

„Der Mauerläufer“ von Nell Zink ist ein außerordentliches Debüt, nicht wegen der Geschichte, sondern wegen Nell Zinks Sprache.

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