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Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano oder das Leben ist ein Glücksspiel?

Mario Alberto Zambrano - Sonne, Mond und Sterne

Kennst du das mexikanische Spiel Loteria? Ich kannte es nicht bis Luz aus „Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano damit bekannt gemacht hat, aber seitdem habe ich große Lust es mal zu probieren. In der Schule habe ich früher immer Bingo gespielt, wenn meine Lehrer wieder besonders kreativ oder motiviert waren und uns die Englisch-Vokabeln nicht stur auswendig lernen wollten. Meine Englischlehrer waren oft in diesem Zustand, der Erlebnispädagogik verhieß. Leider kann ich mich nicht wirklich daran erinnern, dass ich jemals eines dieser Englisch-Vokabel-Bingo-Spiele gewonnen hätte, irgendwie war ich immer nur knapp dran. Ich setzte immer auf die falsche Vokabel-Konstellation; irgendein Mitschüler durfte immer schneller Bingo sagen. Möglicherweise war das damals die Verschwörung der Arschloch-Englisch-Vokabeln gegen mich – Mutmaßungen, die heute nur noch drollige Erinnerungen sind.

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Ich bin mir sicher, beim Loteriaspielen wäre ich ganz groß. So ein ein Loteriakartenset hat eigentlich 54 Karten, die alle nummeriert sind und einen Namen haben. Auf den Karten sind schöne Bilder von Figuren oder Gegenständen. Alle Mitspieler bekommen eine Art Spielplan, auf der eine Auswahl dieser Karten abgebildet ist. Der Spielleiter wählt dann eine Karte aus dem Deck aus und erzählt dazu ein Rätsel: Wer die gemeinte Karte errät und sie auf seinem Plan hat, darf ein Chip darauflegen. Der erste Spieler, der seine Chips in einer bestimmten (vorher vereinbarten) Anordnung, wie beispielsweise „Vier in einer Reihe“ oder „Vier diagonal“ hat, darf Loteria schreien und hat damit gewonnen. Schöne Bilder und Rätsel – das ist so viel besser als Englisch-Vokabeln!

Wenn die Sprache verschwindet

Durch „Sonne, Mond und Sterne“ habe ich das kleine Mädchen Luz kennengelernt. Ich bin glücklich darüber, denn ohne sie wäre ich mir nicht so bewusst darüber geworden, dass die Liebe in einer Familie fast grenzenlos sein kann. Eigentlich handelt das Buch von der Liebe einer Tochter zu seinem Vater. Luz liebt ihren Vater, auch wenn er gewalttätig ist und säuft. Beim Lesen war das zeitgleich ungeheuer schön, aber eben auch schrecklich.

Die elfjährige Luz spricht nicht mehr, sie vertraut sich einem Tagebuch an und erzählt Geschichten anhand der Loteria-Karten. Es ist sofort klar, dass irgendwas passiert sein muss, was für Luz furchtbar war – ein Alptraum.

Kindermund tut Wahrheit …

Die Handlung in „Sonne, Mond und Sterne“ verläuft jedoch keineswegs linear. Luz macht es dem Leser nicht einfach, sie erzählt einzelne Geschichten, die in der Zeit springen, aber am Ende doch zusammenhängen. Als Leserin hatte ich häufig das Gefühl, nicht alles zu erfahren – es gab zu viele Lücken. Und das ist auch logisch, denn Luz ist eigentlich noch ein Kind und weiß eben nicht alles oder interpretiert die Welt anders als ein Erwachsener es tun würde.

Diese kindliche Sicht macht den Roman von Mario Alberto Zambrano für mich jedoch besonders spannend und schön zu lesen. Luz hat definitiv im Leben nicht viel Glück gehabt bisher, je weiter das Buch fortschreitet, desto größer wird der Abgrund. Durch Luz ist dieser Abgrund aber nicht bedrohlich, sie strahlt Ruhe aus und eben diese bedingungslose Bereitschaft zu verzeihen. Durch Luz etwas naive Sicht auf die Welt tritt das Schöne deutlich hervor.

Mario Alberto Zambrano: Romane schreiben mit Bildern

Das Besondere an „Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano ist, dass es nicht einfach nur ein Roman mit endlos viel aneinandergereihten Wörtern ist. Jedem Kapitel ist eine Loteria-Karte vorangestellt. Und diese sind ein richtiger Augenschmaus, ich habe mich ein bisschen in diese Illustrationen verliebt.

Mario Alberto Zambrano - Sonne, Mond und Sterne

Aber mir ist etwas an „Sonne, Mond und Sterne“ aufgefallen. Das Buch besteht aus 53 Kapiteln mit jeweils einer Karte – ein Originalspiel hat aber 54 Karten. Was ist da passiert? Wer fehlt hier? Und hat das etwas zu bedeuten? Als ich das erkannt hatte, habe ich mir die Mühe gemacht und nach den Karten einer traditionellen Loteria gesucht und diese dann mit den Kapiteln im Buch abgeglichen. Es fehlt tatsächlich eine Karte und ich weiß auch welche. Im Buch selbst werden an mehreren Stellen Anspielungen darauf gemacht. Ich könnte dir jetzt verraten, welche Karte zum Bingo fehlt, aber ich werde es nicht, denn es ist schöner dieses kleine Geheimnis selbst zu entdecken. Mario Alberto Zambrano gibt durch das Fehlen dieser Karte viel Raum zur Interpretation, in gewissen Teilen haben ich den Roman jetzt sogar nochmal lesen müssen aus purer Neugier.

Meine drei liebsten Loteria-Karten

Die Meerjungfrau (Es ist übrigens auch Luz liebste Karte.)P1020562

Die KieferP1020566

Der TodP1020559

Fazit

Mario Alberto Zambrano hat mit „Sonne, Mond und Sterne“ einen wunderschönen Roman verfasst über ein junges Mädchen. Die besondere Bedeutung von Loteria-Karten für die Geschichte und die Gestaltung des Buchs machen es zu einem bibliophilen Schatz.

Vielen Dank an den Luchterhand Literaturverlag für das Rezensionsexemplar.

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2 Kommentare

  1. Ich hatte den Roman mehrfach in der Hand, weil ich die Illustrationen so toll finde. Mitgenommen hab ich ihn dann aber doch nie – vielleicht muss ich das bei Gelegenheit mal ändern. Und das Spiel klingt total super! Das würde ich auch gerne mal ausprobieren.

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