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Abwesenheitsnotiz von Lisa Owens oder wie blockiere ich mich selbst

Abwesenheitsnotiz Lisa Owens

Besonders gern lese ich Bücher, die von jungen Frauen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren geschrieben wurden. Wann diese Liebe zu den jungen Autorinnen angefangen hat, weiß ich gar nicht mehr. Bei solchen Büchern habe ich immer ein bisschen das Gefühl, dass sie mich betreffen: Meinen Alltag, meine Probleme, meine Gedanken. Komprimiert könnte man sagen, es sind Bücher meiner Generation für meine Generation. Manche Figuren sind dann auch tatsächlich ziemlich nah an mir dran, andere sind hingegen so weit entfernt wie die Erde vom Stern Aldebaran im Sternenbild Stier, also konkret heißt das 65 Lichtjahre. Auf Claire Flannery aus „Abwesenheitsnotiz“ und mich trifft dieser Sternenvergleich ziemlich gut zu.

Aus dem Leben der Claire Flannery

Eigentlich geht es Claire gut: Sie hat einen guten Job, der auch noch anständig bezahlt wird. Claires Freund ist Assistenzarzt in der Chirurgie, verfügt also auch über ein gutes Einkommen, und betrügt Claire noch nicht einmal mit irgendeiner heißen Krankenschwester. Die Wohnung ist schön. Beide haben regelmäßig Kontakt zu ihren Eltern. Ja eigentlich ist doch alles ganz nett.

Zu Beginn von „Abwesenheitsnotiz“ hat Claire schon gekündigt und sucht nach einem besseren Job. Claires Leben war perfekt, aber irgendwie nicht ganz richtig. Sie braucht nicht nur irgendeinen Job, sondern einen, der zu ihr passt und sie völlig erfüllt. Beim Lesen wusste ich nicht, was ich von Claires Vorstellung halten sollte – der hundertprozentige Job. War das jetzt noch niedlich-idealistisch oder doch schon naiv?

Claire war den Großteil des Buchs so verbissen von der Idee, das zu finden, was ihr wirklich Spaß macht. Jedoch lähmte sie dieser große Plan gleichzeitig. Ich meine, wenn man wirklich wissen will, was einem Freude bereitet, dann muss man doch verschiedene Dinge ausprobieren und immer wieder neue Ideen umsetzen. Neugier und Mut sind wichtig. Aber Claire probierte nichts aus, sie verbrachte die Zeit meist daheim und schrieb hin und wieder eine Bewerbung.

Die besten drei Sätze aus „Abwesenheitsnotiz“

Mag sein, dass ich im traditionellen, büroverhafteten Sinn nicht den ganzen Tag arbeite, aber ich bin trotzdem ein Mensch, der sich bemüht und irgendwo ankommen will. (Seite 67)

Ich dachte immer, das Problem sei, dass ich meinen Job nicht mag; aber inzwischen sehe ich ein, das Problem ist, dass das nicht das ganze Problem war. (Seite 84)

Das innere Monster zu verbergen ist an sich schon ein Vollzeitjob. (Seite 132)

Die Suche nach dem Sinn

Die berühmte Suche nach dem Sinn ist ein großes Thema der jungen Autorinnen. Die Protagonisten sind häufig weiblich und fragen sich, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich, ob dieses Thema auch schon für andere Generationen so eine enorme Relevanz hatte oder ob das tatsächlich ein besonderes Merkmal meiner Generation ist. Möglicherweise ist es eine besonders krasse Form von Selbstzentriertheit und Egoismus oder aber es ist der Ausweg aus Materialismus und Raffsucht?

Abwesenheitsnotiz Lisa Owens 2

Ich kenne einige Kommilitonen, denen ist der Gehaltszettel gar nicht so wichtig. (Zumindest behaupten sie das jetzt, wo sie gewohnt sind, mit wenig Geld auszukommen.) Eine viel höhere Priorität haben Sinn und Freude an der Arbeit. Die Arbeit soll dem Menschen helfen und nicht noch mehr die Umwelt verschmutzen. Eine 40 Stunden Woche ist eigentlich auch zu viel, lieber nur die Hälfte für weniger Geld, aber mehr Zeit für Familie, Freunde und gesellschaftliches Engagement. Das größte Unglück wäre ein Job im Büro mit stupiden Aufgaben im Excel. Aber dann gibt es auch noch die Mitstudenten, die gern für eine Unternehmensberatung 60 Stunden wöchentlich schieben möchten, um fett Geld zu kassieren. Was ist der richtige Weg? Den gibt es nicht und genau diese Erkenntnis fehlt Claire aus „Abwesenheitsnotiz“, die sich in ihrer Perfektion verrennt und dann überhaupt nichts tut.

Abwesenheitsnotiz – Abwesenheit von was eigentlich?

Abwesenheitsnotizen werden in eMail-Programmen hinterlegt, wenn jemand für längere Zeit nicht da ist, beispielsweise bei Urlaub oder Krankheit. Lisa Owens hat für ihren Roman den Titel „Not Working“ gewählt, im Deutschen wurde daraus „Abwesenheitsnotiz“. Ich finde das ziemlich interessant und es trifft auch sehr Claires Leben. Sie hat nur ihren Job gekündigt, aber meiner Meinung nach, war das nicht alles. Irgendwie umfasst Claires Kündigung nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern ihr ganzes Leben. Claire ist in eine Art Kältestarre verfallen, die sonst nur Frösche und Kröten im Winter trifft. Die Sinnsuche wird zum Vakuum und es passiert nichts mehr.

Mich hat dieses Nichts genervt. In „Abwesenheitsnotiz“ gibt es kaum Handlung, das einzige Spannungsmoment ist, ob Claire nun ihr Leben auf die Reihe bekommt oder nicht. Lisa Owens reichert die Geschichte noch mit kleineren Konflikten an, die aber nicht wirklich Zug in das Buch bringen. Auf knapp 300 Seiten quält sich Claire hauptsächlich selbst im Stillen. Owens lässt sich recht viel Zeit mit ihrer Figur Claire, aber es kam bei mir nicht an. Ich habe immer wieder diese junge Frau vor mir, die nur aus Zweifel und Blockade besteht. Alles dreht sich um Claires Sinnsuche, sogar ihre Eltern und ihr Freund betonen immer wieder, dass sie gerade total viel um die Ohren habe. Sie zeigen Verständnis für Claires Quarterlife-Crisis. Lediglich unterschwellig wird Claires aktueller Lebensstil kritisiert. Warum hätte es da nicht beispielsweise einen Konflikt geben können? Es ist doch schwierig, wenn jemand überhaupt nicht mehr Geld verdienen geht, nur vom Erspartem und dem Geld des Partners lebt und daheim nach dem perfekten Job sucht.

Abwesenheitsnotiz Lisa Owens 1

Ich finde es schade, dass die Hauptfigur so viel Freiheit hat und diese dann nicht nutzt. Und ich finde es schade, dass Lisa Owens diese Sinnsuche so dröge beschreibt.

Fazit

„Abwesenheitsnotiz“ von Lisa Owens ist ein Selbstfindungsroman, der zu lange auf der Stelle tritt.

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4 Kommentare

  1. Dieses Auf-der-Stelle-treten hat mich auch zunächst genervt, doch dann fielen mir ziemlich viele Leute in meiner Umgebung ein, die genau in diesem Stadium festhängen und selbst da nicht mehr herauskommen. Deshalb fand ich es dann doch ziemlich treffend beobachtet und als ein Sinnbild unserer Generation.
    Liebe Grüße
    Mareike

    P.S.: Danke für die Erwähnung

  2. Liebe Janina,

    Dein Faible für Bücher junger Autorinnen kann ich sehr gut nachvollziehen. „Abwesenheitsnotiz“ hab ich bisher nicht gelesen – wobei es mich jetzt auch nicht reizt. Aber dass dieses Abwarten und hoffen, dass das Job-Glück an die Tür klopft, mir durchaus vorkommt, als könne es für unsere Generation stehen. Bei all den tausend Wahlmöglichkeiten und den ganzen „Aufforderungen“, die in der Luft hängen nach individueller Selbstverwirklichung kann dahinter ja auch der Wunsch nach Fehlervermeidung stecken. Nichts zu tun kann aber keine Lösung sein.

    Danke für Deine Rezension!

    Viele Grüße,
    Frauke

  3. Abwesenheitsnotiz ist ohne Frage ein Buch für die aktuelle junge Generation. Claires Verhalten teilen auch sehr viele Mitglieder dieser Generation – wir erstarren im Angesicht des Perfektionszwangs. Unser Leben muss toll sein, es ist eine Pflicht, die krank macht und handlungsunfähig werden lässt im Extremfall (wie bei Claire).

    Das hat Lisa Owens gut beobachtet und dabei hat sie auch recht. Nichtsdestotrotz empfinde ich das nicht als Meisterleistung, denn es ist offensichtlich und ziemlich gegenwärtig, deshalb gibt es für mich keinen Grund dem Buch jeglichen Spannungsbogen zu verwehren. Das war für mich beim Lesen so schwierig und ich hatte auch ziemliche Durststrecken.

    Für mich ist es schön zu lesen, dass genau der Aspekt, der mich am meisten stört, von anderen Lesern (in diesem Fall konkret: Mareike) sehr geschätzt wird, deshalb ergänze ich auch immer gern andere Rezensionen von Buchblogs. Also unbedingt auch da mal schauen gehen, wenn ein Buch die Neugier geweckt hat. 😉

  4. Huhu :). Vielen Dank für die Erwähung! Jaa, da hast du Recht, es passierte nicht viel, kaum Höhepunkte. Ich glaube tatsächlich, dass es irgendwie typisch ist für unsere Generation, solche Gedanken hatten denke ich die Geneartionen vor uns gar nicht groß – da war es ja meist, arbeiten um die Familie zu ernähren, jahrelang, ein Betrieb. Ich glaube, mich konnte das Buch überzeugen, weil ich mich tatsächlich sehr gut gerade in Claires Situation hineinversetzen kann, also dieser Gedanke, was will ich eigentlich machen, dass, was ich gerade tue oder doch etwas ganz anderes.

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