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Rosegarden – Imperium für Geschichten

Rosegarden Magazin

Neben Büchern lese ich auch wahnsinnig gern Zeitschriften und Magazine. Wenn ich vom Tag völlig erschöpft bin, dann ziehe ich die Kurzweiligkeit vieler Magazine der Langatmigkeit mancher Bücher vor. Nach mehreren Stunden Arbeit an meiner Bachelorthesis oder nach einer langen Sitzung des Student_innenrats an der Uni bin auch ich geistig nicht mehr so aufnahmefähig, dass ich 20 Buchseiten weglesen kann und dann noch weiß, worum es ging. Bei Zeitschriften erstrecken sich selbst Titelstorys nicht auf mehr als 3 Doppelseiten – das behalte ich in meinem Kopf. Schon seit einiger Zeit nehme ich mir vor, ganz besondere Magazine auch mal auf meinem Blog vorzustellen und deshalb gibt es jetzt eine neue Reihe: MagazinLiebe! Magazine und Zeitschriften müssen sich nicht hinter Büchern verstecken: Sie können genauso tiefgreifend sein, wunderschön gestaltet und inspirierend sind sie ebenfalls. Die Serie MagazinLiebe möchte ich beginnen mit einer Neuentdeckung: Rosegarden – Imperium für Geschichten.

ROSEGARDEN magazin

Das Magazin „Rosegarden“ gibt es noch nicht so lang, im April 2013 wurde es gegründet. Die Herausgeber sind aktuell Maren Heltsche, Mario Münster und May-Britt Frank-Grosse; das feste Team des Magazins umfasst fünf Personen. Ausgangspunkt ist vielmehr das Onlinemagazin, hier erscheinen wöchentlich neue Artikel und Geschichten. Die schönsten Beiträge werden drei Mal im Jahr in der Printausgabe abgedruckt. „Rosegarden“ beschreibt sich selbst als „ein unabhängiges Lifestyle- und Gesellschaftsmagazin“.

Rosegarden 1

ROSEGARDEN verfolgt den Zeitgeist: Pop-Up, Sharing Economy, Fragmentierung und Evolution von Lebensmodellen und Erwerbsbiografien, Zerfall der klassischen Familie, Wandel von Städten und Lebensräumen, Entschleunigung und Entgrenzung, Eskapismus und Cocooning, Design unseres Alltags.

Das ist ein ziemlicher Blumenstrauß, aber wie soll man auch die vielfältigen Geschichten von Menschen und ihren Projekten/Herzensangelegenheiten/Besonderheiten/Träumen/… unter einen konkreten Begriff bringen?

Das Imperium und seine Geschichten

Seit dem Relaunch des Printmagazins sind zwei Ausgaben erschienen, die jeweils unter einer anderen Frage standen: „Was ist Zuhause?“ und „Was ist Zeit?“. Ich habe beide Ausgaben akribisch studiert und mich über die Vielfalt der Beiträge gefreut.

Bevor ich nicht die Ausgabe zu „Was ist Zuhause?“ gelesen hatte, habe ich mir keine großen Gedanken um mein Zuhause gemacht. Mir war diese Sache mit der Heimat und dem wahren „Zuhause“ einfach nicht präsent im Kopf, es hat mich schlichtweg im Alltag nicht gejuckt. Bis vor 1,5 Jahren hätte ich die Frage nach dem Zuhause auch mit dem Eigenheim meiner Eltern beantwortet. Zuhause ist dort, wo ich aufgewachsen bin, zur Schule ging und auch in den Semesterferien zurückkehre. Aber mittlerweile ist das nicht mehr so – ich habe mich sehr an meine eigene Wohnung in der Großstadt gewöhnt. Ich habe jetzt hier mein Studium, meine Arbeit, meine Projekte und Freunde. Die Besuche bei den Eltern sind wesentlich seltener geworden: Habe ich früher möglichst jedes Wochenende dort verbracht, können sich meine Eltern jetzt glücklich schätzen, wenn ich noch einmal im Monat dort bin (in der Realität noch seltener).

Rosegarden 2

Kurioser Weise denken auch die Autoren in „Rosegarden“ beim Wort Zuhause häufig zuerst an das Elternhaus bis dann häufig die Antwort gefunden wird: Zuhause ist da, wo ich mich wohlfühle. Ja, vielleicht ist das so. Die Vielfalt der Beiträge im Magazin lädt jedenfalls ein, selbst nachzudenken, was Zuhause jetzt konkret bedeutet. Ich habe gern die deutschen und englischen Artikel gelesen, die Bildstrecken angesehen, die Gedichte laut vorgelesen und die empfohlene Musik auf Youtube angehört.

Ähnlich mannigfaltig gestaltet ist die zweite Ausgabe zum Thema „Was ist Zeit?“. Als Buchbloggerin musste ich natürlich beim Artikel „Das Buch bleibt, wie es ist! – Gegen die Modernisierung klassischer Literatur“. Der Pumuckl früher klein und rund, darf nun keinen Süßkram mehr essen und muss sich streng an seine Diät halten. Er ist nun schlank. Jetzt dürfen weder Pippi Langstrumpf noch die kleine Hexe mehr das Wort Neger verwenden. Damals als das Buch verfasst wurde, war das aber durchaus üblich und heute ist das eben ein Schimpfwort. Was macht man da mit den alten Texten? Überarbeiten? So belassen?

Rosegarden 3

Die Zeit ist eine seltsame Sache; es erscheinen immer wieder dazu Bücher oder Dokumentationen. Wenn ich dazu komme, sehe ich mir das gern an. Eigentlich hatte ich erwartet, dass in „Rosegarden“ mindestens einmal Prof. Dr. Hartmut Rosa aus Jena  zu Wort kommt. Der wird nämlich immer von allen zur Zeit befragt und erzählt dabei halt auch immer wieder das Gleiche. Eine erfrischende Überraschung war es, dass Herr Rosa diesmal nicht bemüht wurde und stattdessen viele jüngere Autoren.

Die Artikel sind alle sehr nah am Leser, gut verständlich und manchmal auch ziemlich emotional. Beispielsweise gibt es einen Artikel über ein Kinderhospiz. Der war für mich sehr ergreifend und er hing mir auch noch 2 Tage nach dem Lesen an. Aber wie kann man Zeit besser verstehen als aus der Sicht von totkranken Kindern, die vielleicht nur wenige Monate oder Jahre gemeinsam mit ihren Eltern leben können?

Fazit

„Rosegarden“ ist tatsächlich ein Imperium für Geschichten. Umso schöner ist, dass die hochwertige Gestaltung der Printausgabe diese Geschichten nochmals unterstreicht. Jeder, der sich gern inspirieren lässt und auch mal über das Geschriebene nachdenken möchte, wird an diesem Magazin Freude haben.

Übrigens seit wenigen Tagen ist die dritte Ausgabe von Rosegarden zum Thema „Let´s talk about sex“ erhältlich.

3 Kommentare

  1. Mal wieder ein super schön geschriebener Artikel über etwas, wozu ich ohne Dich gefunden hätte. Vielen Dank. Ich freue mich schon auf Deine neuen Serie. ?

    Und Mensch, Arbeit, Studium, Student_innenrat, Blog… Du schaffst ja ganz schön was weg ?

  2. Ein schöner Artikel zu einem tollen Magazin. Ich finde die Idee hinter der Reihe sehr gut weil du vor allem doch eher Magazine aus dem Ärmel ziehst, die einem bisher nicht am Kiosk begegnet sind. Ich freue mich schon auf deine nächste Magazinvorstellung 🙂 Rosegarden werde ich mir mal auf der Internetseit ansehen.

    Liebe Güße,
    Diana

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