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Anneliese Mackintosh: So bin ich nicht

Es gibt Bücher, gegen die ich beim Lesen regelrecht kämpfen muss. Diese Bücher sind alles andere als leicht verständlich und schon gar nicht leicht oder schnell zu lesen. Sie beanspruchen meine ganze Aufmerksamkeit, auch dann, wenn ich überhaupt nicht in ihnen lese. Meine Gedanken kreisen dann immer um dieses Buch. Also denke ich an das Buch: Wenn ich meine Zähne putze; Wenn ich mir Mittagessen koche; Wenn ich mich schminke; Wenn ich in der Uni in einer Vorlesung sitze und eigentlich zuhören sollte; Wenn ich auf Arbeit an einer Excel Tabelle herumdoktere; Wenn ich meinen Freund küsse; Wenn ich in einem anderen Buch lese und auch nachts, wenn ich viel lieber schlafen würde. Bücher dieser Art machen mein Leben als Leser und Buchblogger zur Hölle, weil sie mich noch einige Zeit verfolgen. Vielleicht verfolgen sie mich auch für den Rest meines Lebens – zumindest ist das so im Fall von Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, das habe ich mit 16 gelesen und seitdem geht es mir dreckig.

„So bin ich nicht“ von Anneliese Mackintosh gibt sich große Mühe auch in die Liga der Bücher, die mich fertigmachen, aufzusteigen. Du wirst dich jetzt fragen, ob das gut oder schlecht ist. Es ist gut für Anneliese Mackintosh, weil es bedeutet, dass sie als Schriftstellerin wohl etwas richtiggemacht hat. Es ist schlecht für mich, weil die Inhalte des Buchs mich sehr beschäftigen und mich auch etwas runterziehen. Im Literaturspiegel Juni/Juli 2016 schreibt Navid Kermani: „Niemand behauptet, dass die Lektüre keine Anstrengung verlangt. Aber was ist das überhaupt für ein Anspruch an Literatur, dass sie leicht zu lese, die Erkenntnis sozusagen kostenlos zu haben sein soll?“ Kermani hat recht – dieser Anspruch ist Blödsinn! Gute Bücher sind auch manchmal die, gegen die wir mit unseren Gedanken Krieg führen.

So bin ich nicht (Gretas Storys)

1.    68% sind wirklich passiert.
2.    32% sind es nicht.
3.    Ich werde es nie verraten.

Greta ist eine junge Frau, die ziemlich kaputt ist. Zu Beginn des Buchs „So bin ich nicht“ hat Greta gerade ihren Job gekündigt und zieht zurück zu ihrer Mutter. Ihr Freund ist weg, sie hat ein kleines Alkoholproblem und Depressionen sind für sie real. Eigentlich wünscht sie sich nur ein normales Leben ohne ständig neue Wünsche zu haben. In Gretas Leben ist irgendwie nichts heil: Ihre Schwester hat das Asperger-Syndrom, ist totunglücklich und versucht sich deshalb ständig das Leben zu nehmen. Die nahestehenste Bezugsperson für Greta war ihr Vater. Genau – WAR. Denn ihr Vater, der einzige Mensch, mit dem sie normal reden konnte und der sie wohl am meisten von allen Menschen geliebt hat, ist tot. Er bekam Krebs und wurde von ihm besiegt.

Greta hätte auch so gern ein normales Verhältnis zu ihrer Mutter. Zumindest früher war diese noch normal, aber als Gretas Schwester immer schwieriger wurde und Gretas Vater dann Krebs bekam, drehte ihre Mutter durch vor Kummer. Gretas Vater war nicht immer treu, aber das konnte Gretas Mutter irgendwie verkraften ohne völlig am Rad zu drehen.

Und dann gibt es da noch die Männer. Greta geht mit so vielen aus oder macht irgendwas mit ihnen. Es sind so viele Namen. Ich kann sie mir nicht merken. Es ist zu kompliziert; ich habe schon längst den Überblick verloren beim Lesen. Aber an einen Mann kann ich mich erinnern: Simon. Gretas letzter richtiger Freund, wenn man das so nennen will. Simon gab Greta ein Buch über die Borderline-Persönlichkeitsstörung; seiner Meinung nach hatte Greta diese und sie sollte doch mal ernsthaft über einen Arztbesuch nachdenken.

Meine fünf liebsten Kapitelüberschriften

Die Überschriften, die Anneliese Mackintosh für ihre Kapitel verwendet, sind großartig. Deshalb meine liebsten fünf:

  1. Was passiert, wenn jemand zweimal stirbt
  2. Kaufen wir einen Schlüsselanhänger, damit wir uns immer dran erinnern
  3. Auberginen und Nietzsche
  4. Wärst du ein Kaffeetrinker
  5. Wie werde ich alkoholkranker Schriftsteller: Eine Anleitung in zwölf Schritten

Sind wir wirklich so kaputt?

Mich hat dieses Elend von Greta fertig gemacht. Warum darf in ihrem Leben nicht einmal etwas gut sein? Was mich noch viel mehr getroffen hat, waren die Parallelen zum Leben junger Menschen heute. Möglicherweise ist Greta kein Einzelfall und mit ihren Problemen schon überhaupt nichts Besonderes. Wahrscheinlich passieren die Episoden aus Gretas Leben ständig. Meine Generation ist nicht besonders oder einzigartig, sie hat es wohl nur noch nicht gelernt. Wie sollte sie das auch lernen, wenn es diese drölfzigtausend Möglichkeiten gibt, wie das eigene Leben gestaltet oder versaut werden kann? Das Wesentliche wurde unsichtbar, wurde verdeckt.

Ich glaube nicht, dass Greta eine Borderline-Persönlichkeitsstörung hat. In dem Buch, welches Simon ihre gegeben hat, steht eine Liste von acht Punkten und mindestens fünf müssen zutreffen für die Diagnose BPS. Nur irgendwie blöd, dass an schlechten Tagen wahrscheinlich jeder Mensch alle acht Punkte bejahen kann. Nein, Greta ist gesund. Sie hat nur ziemlich viel Pech. Beim Lesen von „So bin ich nicht“ war ich manchmal von einer tiefen Traurigkeit erfüllt. Anneliese Mackintosh hat irgendwie einen sehr melancholischen Schreibstil, es ist ein besonderer Ton zwischen den Zeilen. Mackintosh reißt ihre Leser aber nicht nur in den Abgrund, sie liefert gleichzeitig Trost. Greta ist eine sehr tolle Frau, sie gibt nicht auf trotz dieses kaputten Lebens und deshalb bewundere ich Greta sehr.

Fazit

Anneliese Mackintosh hat mit „So bin ich nicht (Gretas Storys) ein wundervolles Debüt hingelegt, dass mich seit der Lektüre nicht mehr loslässt.

Weitere Rezensionen auf anderen Blogs:
Books and Biscuit
Nightingale Blog
Im Bücherdschungel

Vielen Dank an den Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kommentierfrage: Hast du solche Bücher in deinem Leben, die schwer zu verdauen waren und dich nicht mehr in Ruhe lassen?