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Wie ich mich an einem verregneten Tag im Juni ins Lesen verliebte

#warumichlese

Mit 14 Jahren hatte ich keine Lust auf die Welt. Ich hatte keine Lust, mich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Damals hat mich alles genervt und es war unendlich anstrengend. Zum Glück bin ich mittlerweile zu alt für diesen pubertären Hormon-Cocktail aus Melancholie, Hass und Smirnoff Ice. Das alles habe ich hinter mir gelassen und ich wünsche mir diese süße Zeit der Jugend, wie sie von manchen Leuten glorifiziert wird, definitiv nicht zurück. Es war nicht die aufregende Zeit des „Alles-mal-Ausprobierens“ und der ersten großen Liebe. Für mich war es die Zeit des Weltuntergangs, auf den ich voller Inbrunst gewartet habe und bis es soweit war, habe ich eben am Computer die Nächte durchgezockt und mir nebenbei Horrorfilme im Fernseher reingezogen. Ich war furchtbar.

Wann hat dieses Elend eigentlich sein Ende gefunden? Mit Sicherheit war meine adoleszente Phase nicht abrupt vorbei, das Leiden und der Selbsthass zog sich einige Jahre. Aber zwischendrin gab es immer wieder Ereignisse, die bedeutend waren für mich. Im Nachhinein erscheinen mir die Begebenheiten als Weggabelungen oder zumindest als Holzbänke mit versifften Mülleimer daneben zum kurzen Verschnaufen auf meiner Reise.

Alles nur nicht Staubwischen!

Am Ende der 8. Klasse musste in meiner Schule ein erstes Schülerpraktikum absolviert werden. Das sollte etwa 14 Tage dauern. Mir fiel das etwa einen Monat vorher ein: Meine Mutter hatte mich gerade dazu gezwungen mit raus in den Garten zu gehen, anstelle mich wie sonst in meinem Zimmer zu vergraben. Gemeinsam überlegten wir dann, wo ich ein Praktikum mit möglichst wenig schwerer Arbeit überstehen könnte. Meine Mutter kannte mich eben gut. Durch ihre Arbeit bei der Bank kannte sie auch die Inhaberin des örtlichen Buchladens sehr gut. Der Anruf war schnell gemacht, ich musste mich nicht einmal persönlich vorstellen. Meine größte Sorge bezüglich des Praktikums im Buchladen war, dass ich Staubwischen muss. Heute bin ich etwas neidisch darauf, dass Putzen für mich damals das größte Problem meines Lebens war.

Am Ende des Praktikums habe ich kein einziges Mal den Staubwedel benutzt. Und nein, auch nicht den Staubsauger. Vielmehr habe ich die Literatur für mich entdeckt: An einem sehr verregneten Tag hat mir die Chefin den ersten Band der Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke gegeben mit dem Auftrag, ich soll mich einfach auf das Kundensofa setzen und anfangen zu lesen. Staubfinger brachte das fertig, was Harry Potter zuvor nicht konnte – ich las in einem Buch über mehrere Stunden. Seitdem hat mir ein Regentag wahrscheinlich nie wieder so viel Freude gemacht. Ich war so von Tintenherz begeistert, dass ich am nächsten Tag fragte, nachdem ich alle Pakete im Wareneingang ausgepackt hatte, ob ich nun weiterlesen dürfe. Das Buch habe ich dann als Lohn für meine Arbeit in der Buchhandlung mitnehmen dürfen. Noch heute steht Tintenherz an einer gut sichtbaren Stelle in meinem Bücherregal, obwohl ich eigentlich keine Jugendbücher mehr lese.

Warum eigentlich Lesen?

Tintenherz war nicht das einzige Buch, welches mich Zwang einfach immer weiterzulesen. Glücklicherweise gibt es jedes Jahr mindestens einmal diesen magischen Moment, dass die Nacht schon weit fortgeschritten ist und ich das Buch nicht aus meiner Hand legen kann. Ich kann einfach nicht aufhören dann! Mein Bücherregal ist hoffnungslos überfüllt, die Bretter hängen durch und in die kleinste Lücke quetsche ich noch ein Buch.

Heute lese ich in erster Linie, um mich zu entspannen. Es beruhigt mich ungemein, wenn ich einen Roman aufschlage. Da brauche ich nur drei Seiten und die Hektik durch Studium, Arbeit und Ehrenamt fällt von mir ab und ist fast vergessen. Bisher habe ich keine andere Tätigkeit gefunden, die genauso beruhigt wie das Lesen eines Buchs – und ich habe einige Sachen probiert.

Beim Lesen sammle ich Erfahrungen: Ich durchdringe die Figuren bis in die letzte Po-Ritze ihrer Seelen und dabei freue ich mich oder leide genauso sehr wie sie. Eigentlich lebe ich dann nicht mehr mein Leben, sondern das Leben einer anderen Person – manchmal bin ich mutiger und manchmal feiger als ich selbst, durch das Lesen von Büchern probiere ich mich eben aus. Ich könnte mir nichts vorstellen, was mehr Lust auf die Welt macht als Lesen, zumindest habe ich durch ein Buch im Alter von 14 Jahren doch noch Lust auf die Welt bekommen.


Diesen Beitrage habe ich im Rahmen der Aktion #warumichlese vom Literaturblog Novelero verfasst.

3 Kommentare

  1. Pingback: Warum ich lese – novelero

  2. Ein bewegender Artikel liebe Janine. Da bekommt man glatt Gänsehaut. Ich bin froh, dass du durch die Literatur zu dir selbst gefunden hast und nun das Leben in vollen Zügen genießen kannst. Ich freue mich jetzt schon auf unser LitCamp 😀

    Liebste Grüße,
    Diana

  3. Hach, wie schön! Tintenherz las ich auch irgendwann einmal und fand es genial! Und auch das zweiwöchige Praktikum im Buchladen haben wir gemeinsam, auch wenn meins erst in der 9. Klasse stattfand. 😉
    Schön, dass Du Deinen Weg zum Lesen so schön aufgeschrieben hast. Danke! Und schön, dass wir uns auf dem LitCamp ein erstes Mal begegnen konnten, bis dahin war mir Dein Blog doch tatsächlich entgangen… :-/
    Ganz liebe Grüße,
    Frauke

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