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Freedom Bar von D. Bielmann: Der Ausbruch aus dem Alltag

Freedom Bar - David Bielmann

Mein Leben ist langweilig, zumindest ist das manchmal so. Dann bin ich gefangen in Endlosschleifen: Der Wecker klingelt, das Teewasser kocht, der Dieselmotor meines Autos springt an und dann bin ich auf Arbeit. Was mache ich da? Und für wen verschwende ich gerade meine Lebenszeit? Fragen, auf die ich nur bedingt eine Antwort geben kann. Und dir wird es wohl ähnlich gehen, auch du hast keine Antworten. Schule, Studium, Arbeit – die Wiederholung ist der ständige Begleiter der Neuzeit. Aber jetzt verkläre ich romantisch, im Mittelalter war es für den gewöhnlichen Hans-Pampel auch nicht besser. David Bielmann erzählt in seinem Buch „Freedom Bar“ von gewöhnlichen Menschen, die auch bei mir um die Ecke leben könnten. Eigentlich vergeht der Alltag schleichend, aber dann passiert plötzlich irgendwas und die ganze Welt ist ein bisschen anders.

Freedom Bar: Viele Figuren und eine Gemeinsamkeit

„Freedom Bar“ besteht aus vielen Geschichten einzelner Personen, die irgendwie miteinander zusammenhängen. Der Roman spielt in der Lausannegasse Nummer dreiundvierzig in Freiburg in der Schweiz. Zuerst habe ich Bert Bucher kennengelernt. Bert verfügt ungefähr über das Talent eines Stück Toastbrots. Er ist nur im Haus mit der Nummer dreiundvierzig gelandet, weil seine Oma hier lange im Dachgeschoss gewohnt hat und nun verstorben ist. Der Tod seiner Großmutter ist für Bert nicht besonders dramatisch, eigentlich ist er sogar recht positiv, weil nun sein Leben nochmal eine ganz andere Wendung nehmen könnte – ein positiver Richtungswechsel sozusagen. Es ist nicht so, dass Bert einer geregelten Arbeit nachgeht; er versucht berühmt zu werden als Musiker. Nun ist er in der Fußgängerzone in Freiburg anzutreffen, wo er Straßenmusik macht. Er ist so berühmt, dass es von ihm bereits Youtube-Videos mit etwa 4 Kommentaren gibt, einer davon ernennt ihn zum Bob Dylan des armen Mannes. Wenn das kein Kompliment ist!

Außer dem armen Musiker Bert gibt es noch den Bar-Besitzer Heinrich Schweizer. Die Bar hat diesem Buch von David Bielmann auch seinen Namen gegeben: Freedom Bar. Heinrichs größte Leidenschaft ist Amerika. Die ganze Bar erinnert an Amerika und den Wilden Westen – der Inbegriff von Freiheit. Mitten in Freiburg befindet sich also eine Enklave des amerikanischen Traums und der Wirt heißt Heinrich Schweizer. Nein. Das geht nicht. Das wirkt wie ein Fremdkörper! Und deshalb nennt sich Heinrich jetzt Henry. Das macht ihn glücklicher.

Und dann wäre da noch Johann B. Grab, der Besitzer der Buchhandlung Wissensarchiv. Die Buchhandlung befindet sich im Erdgeschoss der Lausannegasse 43. Eigentlich sind die guten Zeiten für Bücher längst vorbei, keiner hat mehr Zeit zum Lesen, niemand interessiert sich für Bücher. Johann fristet sein Leben als Buchhändler und kriecht so vor sich hin. Als Johann noch jung war und von seinen Idealen geplagt wurde, hatte er die grandiose Idee, ein Wissensarchiv zu eröffnen. Das sollte ein Ort werden, wo Leute ihre Fragen beantwortet bekommen. Ich hätte also ins Wissensarchiv gehen können und Johann fragen, warum ich meine Lebenszeit eigentlich auf Arbeit verbringe. Und Johann hätte dann geantwortet. Aber dann kam das Internet und Johann musste sich etwas einfallen lassen, wie er zumindest noch an ein bisschen Geld kommt. Um es zusammenzufassen und die große Gemeinsamkeit der meisten Protagonisten zu enthüllen: Alle sind bei David Bielmann irgendwie dumm dran in ihrem Leben. Keiner ist so richtig glücklich, alle quält etwas oder jemand. Und es wird noch schlimmer, meine Schilderungen entstammen den Beginn des Buchs: Auf Bert, Henry und Johann warten noch ein paar Überraschungen.

Freiheit und ihre Bedeutung

Ich habe David Bielmanns „Freedom Bar“ ganz gern gelesen und das nicht nur, weil mir dadurch ein bisschen vor Augen gehalten wurde, dass mein Leben noch sehr viel langweiliger und/oder beschissener sein könnte. Und ich habe mich durch dieses Buch einmal mehr gefragt, was bedeutet eigentlich Freiheit für mich? Ich habe keine abschließende Antwort gefunden, aber es geht in etwa in die Richtung: Dinge zu tun, die mir am Herzen liegen. Es wäre übertrieben zu sagen, ich mache alles, was ich will und zwar so wie es mir gerade einfällt. Das ist falsch und zu kurz, denn es schwingt auch immer etwas Verantwortung in allen Handlungen mit. Mit meiner Antwort für mich bin ich aber auch gleichzeitig ziemlich nach bei den Figuren aus Freedom Bar. Im Buch geht es häufig um Angelegenheiten des Herzens – die großen Wünsche und Träume. Bielmann schildert die Dinge sehr realistisch, er überhöht nie, überrascht damit allerdings auch selten den Leser. Und ein paar mehr Überraschungen hatte ich mir schon gewünscht. Durch die vielen verschiedenen Figuren gäbe es im Buch sehr großen Raum für Überraschungen – unerwartete Zusammenhänge zwischen den Protagonisten, mehr alte Geheimnisse, mehr Romankonstruktion. Der Autor hat mich auf den etwa 300 Seiten nur ein einziges Mal so richtig überrumpelt.

Freedom Bar

David Bielmann ist anscheinend auch etwas bibliophil. Allein durch unseren Direktor des Wissensarchivs Johann hat er viel Platz schöne Sätze rund um das Buch oder das Lesen zu stricken: „[…] Weil es einfacher war, etwas zu erfinden, als etwas zu erklären? Weil sich die Leute für das Mögliche und Unmögliche mehr interessierten als für das Tatsächliche?“ (Seite 275, Freedom Bar) Und Bielmann ist großer Anhänger von Haruki Murakami: An mehreren Stellen im Buch wird der Name dieses Autors erwähnt und von großer Bedeutung scheint das Buch „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ zu sein. Das macht mir als Buchblogger natürlich großen Spaß, weil ich ganz ähnlich empfinde.

Fazit

David Bielmann ist mit „Freedom Bar“ ein schöner Roman über die Freiheit gelungen. Für das nächste Buch wünsche ich mir etwas mehr unerwartete Wendungen, die mich aus meinem Lesesessel hauen und auf dieses zweite Buch freue ich mich auch.

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