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Der Schrecken verliert sich vor Ort von Monika Held [Rezension]

Der Schrecken verliert sich vor Ort Monika Held

Ich war an diesem Tag kurz auf Arbeit um noch ein paar Dinge zu klären. Eigentlich hatte ich seit Wochen schon frei, um meine Bachelorarbeit zu schreiben. Insofern man dies frei nennen kann. Weil ich den ganzen Tag über an meiner Abschlussarbeit saß, war ich auch schon seit Wochen nicht mehr in der Buchhandlung. Als ich dann doch mal da war, nutzte ich das gleich, um mich einmal umzusehen. Es gibt ja ständig neue Bücher und in der Belletristik-Abteilung passiert es auch, dass es jeden Tag ein Neues zu entdecken gibt. Der Schrecken verliert sich vor Ort war nicht ganz neu. In meiner Erinnerung müsste das Buch etwa im März erschienen sein.

Insbesondere wurde meine Neugier durch das Cover geweckt. Es wirkt so düster und geheimnisvoll. An sich ist es wirklich ein Kunstwerk. Der Betrachter ahnt irgendwie schon das Unheil, welches sich hinter diesem atmosphärischen Wäldchen versteckt. Auf den ersten Seiten wird diese Ahnung auch bestätigt. Es handelt sich um das Birkenwäldchen in Auschwitz. Und die grauen Ränder sind die Asche der Leichen von ehemaligen KZ-Häftlingen. Von dieser Asche gab es so viel, dass man sie in Teiche verfüllt hat. Grußelig.

Der Schrecken verliert sich vor Ort

 

Der Inhalt

Lena und Heiner sind ein Paar. Ungleicher könnten die beiden nicht sein. Lena ist fröhlich und optimistisch, Heiner wird gequält von seinen Erinnerungen an seine Haft in Auschwitz. Heiner ist Zeuge bei einem Gerichtsprozess gegen damalige Mitarbeiter im KZ-Auschwitz und bei eben diesem Prozess lernt er auch Lena kennen.

 

Meine Meinung

Der Schrecken verliert sich vor Ort ist ein Auschwitz-Roman. Aber keiner der sich vordergründig durch die Monströsität der Verbrechen an den Juden definiert. Natürlich werden die Erfahrungen von Heiner geschildert und die Gräultaten dieser Zeit. Der Roman lebt aber inbesondere durch die Liebe zwischen Lena und Heiner. Auch im Buch wird thematisiert, dass diese Liebe etwas Besonderes ist, weil sich keiner der Figuren so recht erklären kann, warum Lena und Heiner sich mit all ihren Fehlern so innig lieben.

Wenn man Liebe sehen könnte, läge sie in diesem Bett. – S. 104

Ich habe der Schrecken verliert sich vor Ort aus der Perspektive Lenas verstanden. Sie ist eine starke Frau und lässt sich auch nicht durch Heiners Kauzigkeit unterkriegen. Heiner lebt mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Er muss ständig seine Erfahrungen erzählen, in jedem sich bietenden Augenblick. Das ist nicht einfach für Lena. Wer sitzt schon gern mit Geistern am Abendbrotstisch? Ich beneide Lena nicht um ihren „Kampf“ mit Heiner um Normalität und Gegenwart.

Nur ist ein kleines, verbittertes Wörtchen, das es in seinem Leben nicht leicht hat. Es muss sich in Sätze, auch in die, in denen es nicht gebraucht wird, hineindrängeln und sie mit immer neuer Bedeutung versehen.“ – S. 190

Der Schrecken verliert sich vor Ort saugt den Leser in die Geschichte ein, das Buch ist einfühlsam, erschreckend und bewegend zugleich. Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen bildet das Nachwort von Magarete Mitscherlich. Frau Mitscherlich ruft gegen das Vergessen von Auschwitz auf. Eine schwierige und doch immer noch aktuelle Thematik. Ich kann mich noch an ein Buch aus der Abteilung Zeitgeschehen erinnern: „Vergesst Auschwitz!“ Kann man das vergessen? Sollte man das vergessen? Ich bin jetzt 22 Jahre alt und habe diese Thematik mehrfach in der Schule gehabt und auch im Privaten bleibt man durch die Medien nicht unberührt. Auschwitz komplett zu vergessen und zu verdrängen, empfinde ich als naiv. Es sollte doch die Pflicht eines jeden Menschen sein, eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern. Ich bin selbst aber auch nicht naiv genug zu glauben, dass dies vollständig gelingen kann. Es wird immer Gruppen von Menschen geben, die sich stärker als Andere fühlen und dann auch körperliche Gewalt einsetzen.

 

Fazit

Der Schrecken verliert sich vor Ort ist ein beeindruckendes Buch. Es geht schlicht und ergreifend unter die Haut.

5

 

Zur Abrundung habe ich noch ein tolles Interview mit Monika Held gefunden.

 

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