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Das Opus Magnum der türkischen Literatur: Die Haltlosen von Oguz Atay

Die Haltlosen von Oguz Atay

Ich setze mich auf das Sofa. Es ist der erste Tag nach der Leipziger Buchmesse 2016. Ein Tag nach vielen Tagen voller Bücherrausch, kilometerlanger Wanderungen und Gesprächen bis zur Heiserkeit.  Nun sitze ich also endlich auf der Couch, zuvor habe ich meine Taschen ausgepackt und die verschwitzte Kleidung in die Waschmaschine geworfen. Leise surrt es aus dem Bad. Es ist etwa 11 Uhr am Vormittag und die Sonne durchflutet regelrecht mein Wohnzimmer. Vor mir liegt ein hellblaues Buch, ein dickes Buch, ein gewichtiges Buch, ein bedeutendes Buch. Eigentlich bin ich ziemlich erschöpft, ein wenig übermüdet und dennoch beginne ich zu lesen in dem Buch, welches ich mit zwei Händen halten muss. Eine Hand reicht nicht aus, ist zu schwach. Das war der Beginn meiner tagelangen Lesereise durch das Opus Magnum der modernen türkischen Literatur: Die Haltlosen von Oguz Atay.

Die Haltlosen – Über besondere Menschen und Wunderkinder auf Sinnsuche

Selim Isik ist ein Haltloser. Er ist auf der Suche nach den Antworten auf die großen Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Wo gibt es die Wahrheit? Was ist Schönheit? Bei seiner Suche stellt er sich selbst infrage. Selim ist überaus klug, findet aber nicht die gewünschten Antworten. Er ist rastlos, er wird verzweifelt, er sieht keinen Ausweg, er bringt sich um. Aber das erfahre ich als Leser nicht direkt, ich erfahre es über Turgut Özben, den besten Freund von Selim.

Turgut ist schockiert von der Nachricht, dass Selim sich selbst das Leben genommen haben soll. Das kann nicht sein. Nicht Selim. Dafür war er zu intelligent. Turgut Özben ist Familienvater: Glücklich verheiratet, Vater zweier Kinder, verdient gutes Geld als Bauingenieur. Sein Leben verläuft in geordneten Bahnen, mutet fast ein wenig bieder an. Und das alles begann an der Universität: Es war eine der ersten Vorlesungen in Turguts Leben; es war eine sehr langweilige Vorlesung. Selim und ein anderer Student saßen vor Turgut im Hörsaal und waren mit irgendwas beschäftigt. Turgut wunderte sich und dann drehte einer der beiden Studenten sich zu ihm um. Selim und der Andere spielten „Zeittotschlagen“. Dafür wurde jede Minute untereinander auf das Schreibpult in abnehmender Reihenfolge geschrieben. Noch 23 Minuten bis zum Ende der Vorlesung und die Zahl 24 wurde wegradiert. Die 23 wurde ausradiert, die 22, die 21, … es klingelte – keine Zahl war mehr zu sehen. Die Geschichte, wie Turgut und Selim sich kennenlernen, ist eine meiner liebsten aus „Die Haltlosen“.

Beim Lesen habe ich sehr mit der Trauer von Turgut mitfühlen können. Turgut quält sich, ihm ist das Herz schwer und er kann den Tod des begabten Selim nicht nachvollziehen. „Großer Bär, würdest du sagen, du wirkst so nachdenklich. Pass auf, dass du kein Magengeschwür bekommt.“  (Seite 83 in „Die Haltlosen“ von Oguz Atay). Turgut bekommt mehr als ein Magengeschwür, ihn packt die Unruhe und er muss mit anderen Menschen sprechen, die Selim kannten. Turgut muss herausfinden, ob Selim wirklich Suizid begannen hat und warum.

Ein Opus Magnum der türkischen Literatur

Ich werfe hier mit einer überaus schwergewichtigen Bezeichnung um mich. Opus Magnum. Was heißt das? „Das bedeutenste Werk (eines Künstlers)“ . In diesem Fall soll das Buch „Die Haltlosen“ von Oguz Atay das bedeutenste Werk der modernen türkischen Literatur sein. Hinter „Die Haltlosen“ verbergen sich nicht nur 1,2 Kilogramm Buch (Ja, ich habe es extra für dich gewogen.), sondern auch mehrere Geschichten in einer Einzigen gebündelt. Oguz Atay verbindetet den Roman mit dem Gesang, dem Brief, dem Tagebuch, dem Lexikon, dem Philosophiebuch, der Historie, der Gesellschaftskritik und dem Genre der Biographie. Das machte es für mich spannend, aber auch schwer das Buch zu lesen. Ich musste mich an jenem Märztag nach der Leipziger Buchmesse ersteinmal an die etwas umständliche Satzstruktur gewöhnen, aber das ginge mir wahrscheinlich auch so bei einem ähnlichen Buch von einem deutschen Autor. „Die Haltlosen“ erschien immerhin schon im Jahr 1972. (Es hat also über 40 Jahre gedauert, bis ich das Buch auf Deutsch überhaupt lesen konnte.) An manchen Tagen habe ich mich mit dem Lesen wirklich etwas geplagt: Was meint Atay jetzt genau? Was passiert hier gerade? Ich habe mich gefühlt wie Sisyphos und Homer´s Odysseus zugleich. Die Reise war lang, sie war beschwerlich, ich habe viel erlebt und ich musste den gefährlichen Sirenengesang trotzen, die mich verführen wollten das Buch wegzulegen und mich einer leichteren Kost zu widmen. Aber meine Ohren waren mit Wachs versiegelt.

Die Haltlosen 1

„Die Haltlosen“ birgt viel Weisheit in sich. Oguz Atay war anscheinend, genauso wie ich, bibliophil. Er schreibt zärtlich über die Macht des geschriebenen Wortes und der Kraft des Gedankens. In jungen Jahren steht Selim Isik unglaublich auf Oscar Wildes Dorian Gray; er vergöttert Wildes widerspenstige und freche Gedanken. Selim und ich haben also zumindest eine Gemeinsamkeit: Als ich etwa 17 Jahre alt war, habe ich „Das Bildnis des Dorian Gray“ auch mehrmals und immer wieder lesen müssen. Ich war angetan von Dorians narzistischer Gewalt und Sybil Vanes naiver Verliebtheit. Aber nicht nur Oscar Wilde wurde in diesem Buch erwähnt, Oguz Atay hielt offensichtlich auch große Stücke auf Shakespeare und seinen Hamlet und noch mehr schätzte er Fjodor Michailowitsch Dostojewski und dessen gesammelte Romane und Dramen.

Atay äußert in „Die Haltlosen“ Gesellschaftskritik: Manchmal offen, manchmal habe ich es beim zweiten Mal lesen verstanden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nun die Türkei oder die türkische Literatur im Speziellen besser verstehe, das wird sich wohl auch nie offensichtlich zeigen. Jedoch erkennbar ist, dass Oguz Atays Sprache anders ist, als alles, was ich bisher gelesen habe. Ob das an der anderen Kultur liegt, das ist mir herzlich egal und sollte es dir auch.

Fazit

„Die Haltlosen“ von Oguz Atay ist keinesfalls leichte Kost, aber es lohnt sich jede investierte Stunde Lesezeit. Die Vielfalt der literarischen Gattungen, die Atay für sein Erstlingswerk verwendete, ist beeindruckend und fordernd zugleich.

Ich danke dem Binooki Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kommentierfrage: Hast du schon einmal türkische Literatur gelesen? Was genau?

5 Kommentare

  1. Oh, weh. Tu mir das doch nicht an! „Die Haltlosen“ klingt wirklich arg großartig, aber wie soll ich ein 1,2 Kilo schweres Buch in die knapp bemessene Lesezeit quetschen?

    Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich bisher noch nicht wirklich in die türkische Literatur hineingelesen. Von Orhan Pamuk habe ich „Rot ist mein Name“ vor einigen Jahren gelesen, fand es aber nicht so wirklich gut.

  2. Hallo Marina,

    ich tue dir das gern an! 😉 Wenn du die Chance hast und du es doch irgendwie hinbekommen solltest diesen schweren Koloss in deine tägliche Zeit zum Lesen einzubauen, dann machs. Von Orhan Pamuk habe ich bisher noch überhaupt nichts gelesen! Das ist vielleicht ein bisschen schade? Hat noch jemand etwas von Orhan Pamuk gelesen?

  3. ja, hin und wieder las ich schon türkisches, von pamuk habe ich Istanbul auch vorgestellt. dann vor vielen jahren von Yaşar Kemal: Mehmet, mein Falke, Anatolischer Reis und das Lied der tausend Stiere. Neuere Literatur ist da (außer dem Pamuk und den ungelesenenen auf dem SuB) leider nicht bei…

  4. Ich bin neugierig auf die Haltlosen. Endlich ist es auf deutsch zu lesen, hoffentlich halte ich durch.
    Mein erstes türkisches Buch war Hakan Günday: Extrem (sehr abgehoben und Oguz Atay spielt auch eine Rolle).
    Was ich empfehlen kann auf Türkisch: Emrah Serbes – Junge Verlierer (8 Geschichten) und Deliduman (die Sorgen zweier Geschwister, die sich am Ende in die Gezi-Proteste hineingeraten, super!)
    Yakup Kadri: Der Fremdling (Anatolien nach dem ersten Weltkrieg).

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